Jedermann völlig nackt und bloß: „Zieh was an! Ist peinlich …“
Das zum Originaltext hinzugefügte Zitat aus dem Titel stammt von Mammon (Kristof Van Boven).
Der Domplatz, der gar nicht so heimliche Hauptdarsteller des Spiels vom Sterben des reichen Mannes, durfte bei der diesjährigen Wiederaufnahme-Premiere des „Jedermann“ der Salzburger Festspiele wieder mitspielen, denn selbiges tat auch das Wetter – nach einem Gewitterschauer am Nachmittag.
Im Vorjahr bat Regisseur Robert Carsen das Publikum noch, zu beten, dass das Schönwetterfenster anhält, dieses Jahr hatte man offenbar mehr Gottvertrauen. Nur die obligate Stimme aus dem Off (diesmal freilich nicht mehr Ex-Intendant Markus Hinterhäuser, sondern „Glaube“-Darstellerin Juliette Larat) meldete sich zu Wort und bat, die Handys auszuschalten.
Livestream am „Ländsitz“
Philipp Hochmair als Jedermann lässt es sich aber nicht nehmen, den Einzug vor seinem stattlichen Haus per Smartphone live zu streamen. Den Landsitz bezeichnet er - englisch ausgesprochen - noch einmal als „Ländsitz“. Die ungemein ökonomisch und dennoch stimmungsvoll gestaltete Bühne von Carsen und Luis F. Carvalho funktioniert wie eh und je als Kirchenvorplatz, Lustgarten und Ballroom mit goldfarbenen, glitzernden Discokugeln.
Carsens textgetreue, aber optisch ins Heute geholte Inszenierung (Kostüme: Luis F. Carvalho) hat auch im dritten Jahr keine wesentlichen Änderungen erfahren. Die ohnehin bereits gestraffte Textversion wurde nur in Details weiter abgeschliffen. Komplett abgenützt hat sich das Ganze noch nicht, wenngleich die per Bühnenfoto erfolgte Ankündigung eines splitternackten Jedermann den Verdacht nährte, dass man der eigenen Wirkung nicht gänzlich traut und einen Knalleffekt setzen wollte.
Buhlschaft als blasse Begleiterin
Neu ist die Besetzung zentraler Frauenrollen. Und gleich die prominenteste wusste nicht zu überzeugen. Roxane Duran als neue Buhlschaft wirkte nicht nur wie eine Beifahrerin des Hofmannsthal-Textes, sie ist auch dem Jedermann bloß eine Begleiterin. Während Deleila Piasko in den vergangenen beiden Jahren den reichen Schnösel bei dessen glamouröser Dance-Party mit wummenden Beats (Musik: Ensemble 013) noch selbstbewusst beim Tango führte, wirkt Durans Buhlschaft eher wie ein blasses Mauerblümchen, das ihren „Buhlen“ verlegen anhimmelt.
Auch Jedermanns Mutter ist neu besetzt. Daniela Ziegler legt die herzliche, aber besorgte Frau Mama unaufgeregt an, was keine gesteigerten Emotionen freisetzt. Gar naiv geht die Mutter dem Sohnemann auf den Leim, als dieser nun tatsächlich einen Verlobungsring präsentiert, den er seiner Geliebten überreichen möchte.
Glaube (Juliette Larat) und Werke (Meike Droste) legen den Jedermann zu Grabe.
Begeisternd in Doppelrolle
Begeistern konnte allerdings die kurzfristig für die Burgschauspielerin Sylvie Rohrer eingesprungene Meike Droste in der so wichtigen Doppelrolle des armen Nachbarn/Werke. Sie führt die beiden Parts mit faszinierender Glaubwürdigkeit an die Leistung von Dörte Lyssewski aus dem Jahr 2024 heran. Bei Carsen begleiten der Glaube (einnehmend: Juliette Larat) und die (guten) Werke Jedermann beim Gang in die Grube. Diese Szenen, als die Bühne von jeglichem Tand befreit ist, wirken in ihrer strengen Reduktion nach wie vor eindringlich. Der kanadische Regisseur setzt wohldosiert auf christliche Symbolik wie der Fußwaschung.
Das übrige Ensemble macht seine Sache weiterhin ausgezeichnet. Christoph Luser verleiht seiner Doppelrolle als Guter Gesell/Teufel ungeheuerliche Präsenz. Als unverschämt lockender Gesell reitet er den Jedermann noch tiefer ins Unheil hinein. Als der angesichts des nahenden Todes bereits verzweifelt um Hilfe bittet, steckt er sich noch ein Bündel Zaster ein und spendiert dem Freund als Zurüstung lediglich eine Koks-Line. Als blamierter Teufel brüllt er sich dann das Herz aus dem Leibe.
Christoph Luser.
Die finale Rechnung
Der „Tod“ von Dominik Dos-Reis ist weiterhin eines der großen Atouts in Carsens gottgefälligem Spiel. Als Ministrant gekleidet, wiegt er seine Schäfchen zu Beginn in Sicherheit, um bei der modernen Tischgesellschaft als Kellner dann die finale Rechnung zu präsentieren.
Der dicke Vetter (Lukas Vogelsang singt als Entertainer „Live Until I Die“) und sein dünnes Pendant (Daniel Lommatzsch) ziehen sich gekonnt aus der Affäre wie die gesamte Tischgesellschaft, die - wie vom Teufel geritten, diesfalls vom Tod - schlagartig abzischt.
Da wirkt es schon sehr lang her, dass der Jedermann noch im Blitzlichtgewitter stand, als er eingangs den Schuldknecht (Arthur Klemt) und dessen Weib (Nicole Beutler) gnadenlos vorgeführt hat.
Dominik Dos-Reis.
Routiniert - bis zur Entblößung
Philipp Hochmairs extrem wortdeutliches Spiel kommt in der ersten Hälfte des 110-minütigen Abends ziemlich routiniert über den Domplatz. Das wirkt sich wohltuend aus, weil sich der exaltierte „Jedermann“-Profi von Hofmannsthals Knittelversen nicht mehr ganz so hemmungslos begeistert zeigt wie in seinem ersten Salzburger Jahr. In einem Interview am Rande der Premiere sagte Hochmair, er habe sich gewünscht, diesmal die Unterhose ganz ablegen zu können. Carsen scheint mit Blick auf das Originalzitat des Mammon („Fährst in die Gruben nackt und bloß!“) keine großen Probleme damit gehabt zu haben. Zum Skandal taugt der Kniff – trotz des gottgeweihten Orts - ohnehin nicht. Aber die Maßnahme hat auch Sinn.
Der entblößte reiche Mann
Von seinem Alter Ego Mammon brutal bis auf den hautfarbenen Mikrofon-Gurt entblößt, liegt er also da, auf nacktem Gesäß. Als Hochmair sich umdreht, hält er die Hände schützend vor den Unterleib. Wenig später streift er ein olivfarbenes Büßergewand über und macht mit herausragend gespielter Demut weiter. Die Lumpen hatte ihm noch Mammon (Kristof Van Boven großartig als zynisches und fahriges Jedermann-Double) zugeworfen, bevor dieser mit Jedermanns irdischen Reichtümern im goldfarbenen Mercedes-Cabrio abzischt.
Wie zum turbokapitalistischen Hohn schreit ihm Mammon noch verächtlich nach: „Zieh was an! Ist peinlich …“
Das Publikum lachte befreit auf - denn dieser Gag zündet durch die völlige Nacktheit erst so richtig.
Am Ende setzt der freundliche Applaus - der von eingessenen Salzburgern als Sakrileg aufgefasst wird - gar rasch ein. Als wollte man die drastisch vor Augen vorgeführte Endlichkeit alles Irdischen rasch wegklatschen. Unter wohl zufällig zustande gekommenen Standing Ovations wurde Hochmair beim sechsminütigen Schlussapplaus unter allen Mitwirkenden mit dem größten Jubel bedacht.
Regie: Robert Carsen, Bühne: Robert Carsen, Luis F. Carvalho, Kostüme: Luis F. Carvalho, Musik: Ensemble 013. Mit u.a. Philipp Hochmair als Jedermann, Roxane Duran als Buhlschaft, Dominik Dos-Reis als Tod, Daniela Ziegler als Jedermanns Mutter, Christoph Luser als Jedermanns guter Gesell / Teufel, Arthur Klemt als Schuldknecht, Nicole Beutler als Des Schuldknechts Weib, Lukas Vogelsang als Dicker Vetter, Kristof Van Boven als Mammon und Juliette Larat als Glaube. Salzburger Festspiele. Am Domplatz bzw. bei Schlechtwetter im Großen Festspielhaus. Weitere Termine: 20., 22., 28. und 31. Juli, 2., 4., 7., 10., 14., 16., 19., 20., 24. und 25. August. www.salzburgerfestspiele.at )
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