APA13175974 - 11062013 - SALZBURG - ÖSTERREICH: (v.l.n.r.) Der Intendant der Salzburger Festspiele, Alexander Pereira, der Leiter des Schauspiels, Sven-Eric Bechtolf und Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler am Dienstag, 11. Juni 2013, vor Beginn einer Sitzung des Festspielkuratoriums im Chiemseehof in Salzburg. APA-FOTO: NEUMAYR/MMV

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Analyse
06/12/2013

Höchste Zeit für große Reformen in Salzburg

Im Ringen um den Abgang Alexander Pereiras ist ein Kompromiss gefunden, aber die wahren Probleme bleiben wieder unangetastet. Eine Analyse.

von Gert Korentschnig

Die Salzburger Festspiele haben, so tönte es aus dem Kuratorium, rasch eine Lösung gefunden, die auch fürderhin eine professionelle Führung garantiert – hurra, heißa und tralala! Aber ist nun wirklich alles eitel Wonne beim größten Kulturfestival der Welt? Mitnichten!

Beschlossen wurde:

Alexander Pereira bleibt noch 2013 und 2014 Intendant der Festspiele. Dann hat er den Segen, an die Mailänder Scala zu wechseln, wo er am 7. 12. 2015 seine erste Premiere herausbringt.

In Salzburg übernimmt Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf 2015 und 2016 die Leitung, gemeinsam mit Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, deren Vertrag 2014 ausgelaufen wäre. Keiner der beiden kann sich aber Intendant nennen – Bechtolf wird künstlerischer Direktor, Rabl-Stadler kaufmännische Direktorin.

Für die Zeit ab 2017 wird wieder ein Intendant gesucht, diesmal ohne Findungskommission. Das Kuratorium sucht den künftigen Festspielchef selbst.

Machterhalt

Nun gibt es gegen Bechtolf nicht das Geringste einzuwenden. Auch eine Verlängerung der Präsidentschaft von Rabl-Stadler kommt nicht nur erwartungsgemäß, sondern ist auch plausibel. Aber das Kuratorium hat wieder einmal – in einem Akt, der auch dem eigenen Machterhalt dient – einen Kompromiss beschlossen, der die wahren Probleme in einer typisch österreichischen Art unter den Teppich kehrt. Man schwindelt sich drüber, statt den Kern allen Übels, an dem schon Pereiras Vorgänger litten, anzupacken. Wie der Teufel das Weihwasser meidet man die längst existenzielle Debatte über die nicht mehr zeitgemäße Struktur der Festspiele.

Unter Berufung auf das Festspielgesetz aus dem Jahre 1950, das öffentliche Gelder garantiert, wird der absurde Status quo festgeschrieben: Dass es ein politisch besetztes Kuratorium gibt. Dieses besteht aus Vertretern der Stadt Salzburg (Bürgermeister Heinz Schaden), des Landes (zuletzt Landeshauptfrau Gabi Burgstaller), des Salzburger Fremdenverkehrsförderungsfonds (noch Wilfried Haslauer), des Finanzministeriums (Peter Radel), des Kulturministeriums (Andrea Ecker).

Viel zeitgemäßer wäre ein möglichst unpolitischer Aufsichtsrat mit einem Vorsitzenden und klaren Verantwortlichkeiten, wie ihn auch der ehemalige Bregenzer Festspielpräsident und Josefstadt-Stiftungsvorsitzende Günter Rhomberg mehrfach vorgeschlagen hat. Jetzt, bei den auf Zeit bestellten Mandataren, wandert die Verantwortung im Kreis, und es kommt zu bizarren Wortmeldungen und Vorgängen.

So wurde etwa Pereira nach seiner (einstimmigen) Bestellung als Retter gefeiert – um bald darauf im Salzburger Bürgermeister einen Kontrahenten zu finden. Derselbe Bürgermeister hatte einst Markus Hinterhäuser geraten, anderswo Erfahrungen zu suchen – jetzt macht er sich für Hinterhäuser als idealen Intendanten stark. Bei all diesen Debatten ist die jeweilige Windrichtung wichtiger als eine langfristige künstlerische Ausrichtung der Festspiele. Die Forderung kann nur lauten: Die Festspiele, die sich momentan selbst beschädigen, brauchen eine Strukturänderung. Dass bei der Suche des Intendanten ab 2017 keine Findungskommission eingesetzt wird, sondern das Kuratorium selbst Erst- und Letztinstanz ist, ist ein weiterer Beweis für die Fehlkonstruktion.

Regionalliga

Höchste Zeit, dass sich Substanzielles ändert. Sonst wird der nächste Intendant über kurz oder lang die gleichen Probleme haben wie Pereira. Ihm kann man vieles vorwerfen, aber nicht, dass er sich um einen neuen Job umgeschaut hat, nachdem ihm sein Kuratorium nach nur einem Sommer mitteilte, seinen Vertrag nicht zu verlängern.

Salzburg spielt künstlerisch in der Champions League, strukturell und politisch aber in der Regionalliga.

Die Nebenjobs der Intendanten

Sven-Eric Bechtolf: Multitalent und Mann für Salzburg

"Sven-Eric Bechtolf genießt das Vertrauen des Kuratoriums und ist der richtige Mann, die bestehenden Planungen fortzusetzen und das Programm mit einer eigenen kreativen Handschrift zu versehen." Dieser Satz der Vorsitzenden des Kuratoriums der Salzburger Festspiele, Andrea Ecker, hat gestern, Dienstag, einen Karrieresprung besiegelt, der für den derzeitigen Schauspielchef der Festspiele noch vor wenigen Tagen "in so ungewisser und ferner Zukunft gelegen" war, dass er "darüber noch nicht einmal eine halbe Sekunde nachgedacht" hatte. Der 55-jährige Deutsche wird ab sofort Mitglied des Festspiel-Direktoriums und steht 2015 und 2016 als künstlerischer Direktor gemeinsam mit Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler an der Spitze des Festivals.

Gestaltungsspielraum

Dabei wird er aufgrund der Vorausplanungen Pereiras nicht allzu viel Gestaltungsspielraum haben. "Jetzt alles umzuschmeißen wäre eine Profilneurose, die ich nicht habe. Ich finde es ehrenvoll, diese Festspiele wie vorgeplant umzusetzen. Das ist ein großes Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird", meinte er gestern unmittelbar nach der Kuratoriumssitzung. Auch ohne Profilierungssucht kennt man Bechtolf allerdings als selbstbewussten Künstler und Manager, der in Interviews schon mal zu erkennen gibt, er traue sich durchaus zu, auch einen besseren Job machen zu können als die meisten Journalisten, mit denen er es zu tun habe.

Interviews mit von ihm eingeladenen Festspielkünstlern führt er (jedenfalls für Festspiel-Publikationen) vorzugsweise selbst, auch seine theoretischen Überlegungen zur Programmgestaltung haben meist den Charakter von elaborierten Essays. "Was tun Sie, wenn Ihre Tochter, Ihre Freundin oder Ihre Schwester nach bislang unauffälligem Dasein im Dienste der Nutztierhaltung plötzlich Beziehungen zu Engeln unterhält, mit der heiligen Mutter telefoniert und sehr eigenwillige politische und kriegerische Pläne entwickelt, an deren Verwirklichung teilzuhaben Sie alternativlos und militant aufgefordert werden?", fragt er dann das werte Publikum etwa, wenn es darum geht, die kommende Neuinszenierung von "Die Jungfrau von Orleans" zu bewerben. Auch vor seiner "Ring des Nibelungen"-Inszenierung veröffentlichte Bechtolf mit "Vorabend" eine essayistische "Aneignung" in Buchform.

Erste Opernregie unter Pereira

Ist der gelernte Schauspieler, der zum Theater- und Musiktheaterregisseur und nun zum Festivalleiter wurde, ein Mann, der sich alles zutraut? Durchaus möglich - und doch berichten Teilnehmer der gestrigen Kuratoriumssitzung, er habe keinesfalls leichten Herzens der Übernahme der interimistischen Festspiel-Leitung zugestimmt. Zu groß seine Befürchtung, als Königsmörder in die Annalen einzugehen, zu groß seine Solidarität mit jenem Intendanten, der ihm im Jahr 2000 in Zürich mit Alban Bergs "Lulu" seine erste Opernregie überantwortete und mit dem ihm seither eine harmonische und respektvolle Arbeitsbeziehung verbindet. Auch vielen Künstlern, mit denen er im Laufe seiner Karriere gearbeitet hat, hält er die Treue, wenn es darum geht, gemeinsame Pläne zu entwickeln.

Der am 13. Dezember 1957 in Darmstadt Geborene studierte am Salzburger Mozarteum. Engagements als Schauspieler führten ihn u.a. an das Zürcher Schauspielhaus, an das Schauspielhaus Bochum (wo er Kafkas "Der Bau" mit sich selbst als Darsteller der einzigen Rolle inszeniert hat) und an das Hamburger Thalia-Theater, wo er einige Zeit auch in der Direktion tätig war. Zu den wichtigsten Regisseuren, mit denen er zusammengearbeitet hat, gehören Ruth Berghaus, Andrea Breth, Benno Besson, Jürgen Flimm, Peter Stein, Andreas Kriegenburg, Robert Wilson und Luc Bondy.

In Ruth Berghaus' Inszenierung von Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" verkörperte er 1993 am Wiener Burgtheater den Richter Azdak. Für seine zahlreichen prägnanten, vielschichtigen Rolleninterpretationen (darunter Philipp II. in "Don Carlos", Hettore Gonzaga in "Emilia Galotti" und die Titelrolle in "Fiesco") wurde er zweimal mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet: 2001 für seine Mitwirkung in "Drei Mal Leben" am Akademietheater, 2002 für seinen Friedrich Hofreiter in Andrea Breths Salzburger Festspiel-Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land".

Unter Burgtheaterdirektor Klaus Bachler arbeitete Bechtolf von Anfang an auch als Regisseur. Zum Einstand inszenierte er 1999 Schnitzlers "Reigen" im Kasino und später "Cyrano de Bergerac" mit Klaus Maria Brandauer. Zunehmend verlagerte sich Bechtolf jedoch auf die Opernregie. In Zürich erarbeitete er u.a. einen von Franz Welser-Möst dirigierten Da-Ponte-Zyklus. An der Wiener Staatsoper inszenierte er etwa Richard Strauss' "Arabella", verantwortete die Neuinszenierung von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" (wieder mit Welser-Möst) und zuletzt im vergangenen Jänner Gioachino Rossinis "La Cenerentola". Im Jänner 2014 folgt hier Antonin Dvoraks "Rusalka".

Seine Tätigkeit als Schauspielchef der Salzburger Festspiele hat Bechtolf unter die Zeichen von Durchlüftung und Internationalisierung gestellt, wofür exemplarisch die für heuer geplante Neuinszenierung des "Jedermann" durch den Briten Julian Crouch und den Amerikaner Brian Mertes stehen kann. Sein erstes Programm (2012) stieß jedoch auch auf teils heftige Kritik: Speziell dem von ihm fortgeführten "Young Directors Project" wurde mitunter mangelnde Qualität und Austauschbarkeit im internationalen Festivalzirkus vorgeworfen. In den nächsten Jahren dürfte Bechtolf an der Salzach jedenfalls dauerpräsent sein - mit den drei Da-Ponte-Opern Mozarts, die nach Welser-Mösts Absage nun Christoph Eschenbach dirigieren wird, zeichnet der Workaholic auch für die Regie der zentralen Festspiel-Opern verantwortlich.

(apa)

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