Faustens Drogentrip: Ulrich Rasche orgelt mit den Farben
Wenn man nicht, wie einst Peter Stein, von der Idee beseelt ist, den gesamten „Faust“ von Johann Wolfgang Goethe zur Aufführung bringen zu wollen, dann kann man gleich zu des Pudels Kern vordringen. Also ohne der „Zuneigung“ mit den schwankenden Gestalten und ohne das „Vorspiel auf dem Theater“.
Aber Ulrich Rasche verzichtete bei seiner radikalen Strichfassung von „Faust I“, die bei der Premiere am Samstag auf der Perner-Insel von Hallein als erste Produktion der Salzburger Festspiele dennoch etwas mehr als dreieinhalb Stunden dauerte, auch auf den „Prolog im Himmel“. Und das hat massive Auswirkungen: Heinrich ist nicht mehr Spielball überirdischer Mächte, sondern selbst verantwortlich für sein Tun.
Oder vielleicht doch nicht. Denn Faust nimmt bewusstseinserweiternde Substanzen. Und so zelebriert Rasche im nackten, riesigen Bühnenhaus der ehemaligen Salzlagerstätte einen kapitalen wie farbenprächtigen Drogenrausch. Die blutrünstige Geschichte mit dem vom Gold geblendeten Gretchen: eine reine Männerfantasie.
Die Inszenierung beginnt ungemein stark – mit dem klassischen Monolog von Faust: „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie! / Durchaus studiert …“ Zum durchgehenden, zumeist sehr illustrativen, drängenden Soundtrack von Alfred Brooks kämpft sich der groß gewachsene Steven Scharf mit den kleinen Schritten eines gebrechlichen, alten Mannes über die sanft rotierende Drehbühne.
Dieser Faust mit verzweifeltem Gesichtsausdruck ist geradezu paradigmatisch desillusioniert und verbittert: „Es möchte kein Hund so länger leben!“ Er hat sich daher der Magie ergeben, um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, nimmt aus einer Phiole einen Schluck – und imaginiert sich Mephistopheles.
Das Maschinentheater-Setting erinnert stark an das dramatische Gedicht „Nathan der Weise“ von Lessing, das Rasche 2023 auf der Perner-Insel performen ließ: Damals gab es drei Metall-Scheiben, die sich unabhängig voneinander schneller oder langsamer drehten oder auch die Laufrichtung ändern konnten. Die Schauspieler, den Körper und das Gesicht dem Publikum zugewandt, schritten in einem fort, kamen mitunter aber nicht vom Fleck. Und von der Decke hingen – an drei Kreisen – schmale Quader aus gestanztem Blech, bestückt mit gleißenden Scheinwerfern. Sie fungierten als variable Raumteiler und sorgten im wabernden Nebel für faszinierende Lichtstimmungen.
Für „Faust I“ ging Rasche einen Schritt weiter: Es gibt auf der Drehbühne zwar nur zwei Scheiben, aber von einer kreisförmigen Konstruktion unter der Decke hängen parallel zwei kapitale Screens herab, die man „Leuchtkästen“ nennen könnte. Sie rotieren um die eigene Achse, lassen sich aber auch zu einer riesigen Lichtfläche auseinanderziehen: ein Wunderwerk der Bühnentechnik, das mitunter, durchaus wohltuend, ordentlich knirscht.
Für den ersten Trip bilden diese äußerst schmalen Leuchtkästen, auf Kniehöhe abgesenkt, einen Tunnel. Und Rasche erweist sich als Magier der Videotechnik. Denn man sieht auf einer Projektion, wie Scharf in diesen Tunnel schreitet, und gleichzeitig seine Beine. Dann folgen etliche Bildstörungen. Und plötzlich steht in der Videozuspielung hinter Faust eine Figur, die akkurat wie er angezogen ist. Aber die Leuchtkästen liegen eben mittlerweile auf der Drehbühne auf – und so konnte Valery Tscheplanowa wie ein Geist im Tunnel erscheinen. Sie stellt sich, gleich einmal schallend auflachend, als Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, vor.
Valery Tscheplanowa, der Nathan aus 2023, spielt nun den durchaus schelmischen Mephisto. Sie macht das wieder hinreißend. Denn Rasches Konzept ist es, die Sätze mit einer gewissen Trägheit vortragen zu lassen: immer wieder gegen das Versmaß, aber beim andauernden Schreiten auf der Drehbühne enorm wortdeutlich. Tscheplanowa wie Scharf beherrschen dies mit einer ungeheuren Perfektion: Man hört ihnen gebannt zu.
Faust versucht, die geschmeidigen Bewegungen des – vergleichsweise – zierlichen Mephisto nachzuahmen. Er scheitert. So braucht es einen weiteren Schluck vom Zaubertrank, um sich sein junges Alter Ego herbei zu imaginieren. Wieder greift Rasche in die digitale Trickkiste (in Form von Standbildern), und plötzlich steht Johannes Nussbaum als junger Faust auf der Bühne.
Fortan gehen sie gemeinsam durchs Liebesleben: Der eine als Mastermind der inneren Monologe, der andere als Täter. Diese drei „Men in Black“ (inklusive Mephisto) treffen alsbald auf Margarete (Anna Drexler) und später, nach der Pause, auf deren Bruder Valentin (Max Rothbart) – beide gleich gewandet wie sie.
Längst ist die Ruh dahin. Rasche lässt mit Farben orgiastisch orgeln, man geht aufeinander zu, zumeist ohne sich – ob der gegenläufigen Kreisscheiben – ganz nahe zu kommen, und das Personal entblättert sich mit der Zeit. Es gibt psychedelische Reizüberflutungen, die Synthie-Musik steigert sich ungemein ins Mächtige. Und doch ist längst die Luft raus. Der lange Abend endet in Ermattung vom Zuviel.
KURIER-Wertung: 4 Sterne
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