© Ellinger/archiv salzburger Festspiele

Kultur
07/14/2021

Festspiel-Ausstellung "Jedermanns Juden": Der Theaterzauber und seine Schatten

Die Ausstellung "Jedermanns Juden.100 Jahre Salzburger Festspiele“ (bis 21. 11.) erinnert an die vertriebenen Künstler, von denen Festspiel-Gründer Max Reinhardt nur der berühmteste war.

von Werner Rosenberger

Alexander Moissi wollte „an jedem Ort das sein, was dort am schönsten ist: also in den Alpen eine Kuh und in Wien ein Burgschauspieler“.

In Salzburg war der Theaterstar, den Max Reinhardt einen „B’sondermann“ nannte, der reiche Mann im ersten „Jedermann“. Mit Moissi und einem historischen Film-Clip beginnt im Palais Eskeles in der Dorotheergasse die Reise in die Festspiel-Gründerzeit.

Und führt direkt zu Max Reinhardt (1873–1943). Ohne ihn und seine Vision, ohne den „Traum von Magie“, so Hugo von Hofmannsthal, „wäre Salzburg wahrscheinlich immer noch eine Provinzstadt“, sagte JMW-Direktorin Danielle Spera.

Die Stadt wird Bühne

Der in Baden als Max Goldmann gebürtige Regisseur und Theaterproduzent fand: „Die Atmosphäre von Salzburg ist durchdrungen von Schönheit, Spiel und Kunst.“ Und nutzte sie als Kulisse für Freiluftaufführungen.

Im vom Ständestaat geprägten Kulturbild eines katholischen barocken Österreich, so Kurator Marcus G. Patka, entstand ein Festival mit innovativem Theater, Musik in Perfektion und Tanz als Ausdruck der Avantgarde.

Doch die jüdischen Künstler waren von Anfang an mit dem Antisemitismus der Salzburger Bevölkerung konfrontiert. Viele wie der Architekt und Bühnenbildner Oscar Strnad, der Dirigent Bruno Walter oder Arnold Rosé, der Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, waren prägend für die Festspiele.

Spießbürger

Als 1922 ein Präsident der Festspielhausgemeinde gesucht war, schrieb Hofmannsthal an Richard Strauss: „Reinhardt zum Präsidenten nehmen diese Spießbürger nie. Sie hassen ihn, hassen ihn drei- und vierfach, als Juden, als Schlossherrn, als Künstler und einsamen Menschen, den sie nicht begreifen.“

Während Menschen aus aller Welt kamen – „allsommerlich in wachsender Zahl“, wie Reinhardt feststellte, „erfüllten sie die kleine Stadt mit babylonischem Sprachgewirr, machten aus dem grünen Hut, der Ledernen und dem Dirndl eine kosmopolitische Tracht und waren so lustig, dass sich selbst die salzigsten Salzburger ins Fäustchen lachten.“

Aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nach der einzigen Bücherverbrennung in Österreich im April 1938 kam es zu Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Mitbürger.

Blamabel auch der Umgang Österreichs nach dem Krieg mit den Vertriebenen. „Es gab keine Einladung, keine Willkommenskultur“, so Spera. „Niemand hat jüdische Exilanten zurück gebeten.“

Andererseits konnten NS-Belastete wie Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Attila Hörbiger, Herbert von Karajan, Clemens Krauss und Paula Wessely ohne schmerzhaften Karriereknick weiter arbeiten.

Daran und an vieles mehr erinnern Plakate, Lebend- und Totenmasken, Aufführungs- und Werbefilme, Kostüme, von der Decke schwebende Figurinen, digitalisierte Fotoalben und Entwurfszeichnungen.

Unwürdige Grabstätte

Noch nie öffentlich gezeigte Preziosen kamen von Michael Heltau, in dessen Haus in Salmannsdorf sich der Nachlass von Helene Thimig, der zweiten Frau von Max Reinhardt, befindet, u. a. ein Fotoalbum vom 1918 erworbenen Schloss Leopoldskron, in dessen Renovierung Reinhardt ein Vermögen investiert hatte, bis es von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde, ein englisches Reise-Necessaire und andere Gepäckstücke aus Krokodilleder, seine letzte Brille aus New York oder die Löschwiege von seinem Schreibtisch.

Max Reinhardt starb 1943 nach mehreren Schlaganfällen enttäuscht und verarmt in einem New Yorker Hotel. Seine sterblichen Überreste befinden sich drei Autostunden außerhalb des Big Apple – nur mit einem Namensschild gekennzeichnet – in einem gemeinsam genutzten Mausoleum am Westchester Hills Cemetery. Spera: „Es ist ein Symbol, wie Österreich mit einem Theatergenie wie Max Reinhardt umgegangen ist.“

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