Prozess gegen Anti-Vietnam-Aktivisten: Sacha Baron Cohen (li.) und Jeremy Strong in „The Trial of the Chicago 7“, zuerst im Kino, ab 16. Oktober auf Netflix

© Niko Tavernise/NETFLIX © 2020/Netflix

Filmstarts der Woche
10/01/2020

Sacha Baron Cohen vor Gericht: Hippies und Yippies

Sacha Baron Cohen ist großartig als Vietnam-Gegner, zwei Flüchtlingskinder durchstreifen Wien, Proteste gegen Misswahl und Reiche

von Alexandra Seibel

Über dreizehn Jahre hat es gedauert, bis Aaron Sorkin „The Trial of the Chicago 7“ auf die Leinwand brachte. Trotzdem könnte es für sein Gerichtssaaldrama über die Anklage von Anti-Vietnam-Aktivisten kaum einen besseren Zeitpunkt in der US-Geschichte geben als jetzt – zwischen Straßenschlachten im Zuge der Black-Lives-Matter-Protesten und der kommenden Präsidentschaftswahl.

Die wahren Ereignisse rund um die „Chicago Seven“ liegen ein halbes Jahrhundert zurück: Im August 1968 kam es im Zuge des Parteitages der Demokraten in Chicago zu massiven Anti-Vietnam-Demonstrationen. Die anfänglich friedlichen Proteste eskalierten und endeten in Straßenschlachten mit der Polizei. Sieben Aktivisten – darunter Abbie Hoffman, Jerry Rubin, Tom Hayden und Bobby Seale – wurden wegen Verschwörung und Aufhetzung angeklagt. Auf diesen Vorwurf standen bis zu zehn Jahren Gefängnis. Die prominente Verhandlung begann im September 1969: Ein sichtlich voreingenommener Richter setzte alles daran, die Jury gegen die Angeklagten zu beeinflussen.

Kiffergrinsen

Sorkin, profilierter Drehbuchautor von preisgekrönten TV-Serien („The West Wing“) oder Kinofilmen wie „Eine Frage der Ehre“ und „The Social Network“, schrieb „The Trial of the Chicago 7“ eigentlich für Regisseur Steven Spielberg. Nach Zeitverzögerungen landete der Politthriller schließlich in seinem eigenen Schoß. Daraufhin schnürte er sein dialogbefeuertes Drehbuch zu einem prächtigen Ensemble-Drama für eine All-Star-Besetzung und fabrizierte ein packendes und mitreißendes Stück Geschichtskino.

Aaron Sorkin ist ein Mann des geschliffenen Wortes. Er legt den exzellenten Schauspielern scharfzüngige Reden in den Mund und lässt sie zu grandiosen Wortduellen auflaufen. Gerichtsaussagen zum Demoverlauf unterfüttert er effektvoll mit Rückblenden und Original-Aufnahmen vom brutalen Polizeieinsatz.

Sacha Baron Cohen, umflort vor einer schwarzen Hippie-Mähne, ist hinreißend als Abbie Hoffman, provokanter Polit-Aktivist und Mitgründer der „Youth International Party“ („Yippies“): Zwischen Kiffergrinsen und Stand-up-Comedy, zeigt er Hoffman nicht nur als schlagfertigen Politparodisten und Bürgerschreck, sondern auch als belesenen und verletzlichen Kriegsgegner. Mit seinem Freund Jerry Rubin, einem rauschebärtigen Jeremy Strong aus HBO’s „Succession“, sorgt er für die meisten Lacher im Gerichtssaal.

Jane Fondas Ehemann

Weniger entspannt sieht das Tom Hayden (späterer Ehemann von Jane Fonda) vom linken Studentenbund, punktgenau gespielt von Eddie Redmayne: Er legt sich gerne mit Hoffman an, den er für einen Hippie-Deppen hält, und hofft auf gerechte Behandlung vor Gericht.

Am schlimmsten aber hat es Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II) erwischt: Der „Black Panther“ wird vor Gericht gezerrt, obwohl er mit den anderen Angeklagten nichts zu tun hat. An einem emotionalen Tiefpunkt des Dramas wird er auf Anordnung des Richters sogar gefesselt und geknebelt in den Saal geführt. Da bleibt selbst dem ehrgeizigen Chefankläger Schultz (Joseph Gordon-Levitt), der aussieht wie Gernot Blümel mit schwarzen Haaren, die Spucke weg.

Pointiert und witzig, aber auch wütend und berührend, rollt Aaron Sorkin eine Gerichtsverhandlung auf, bei der nichts weniger auf dem Spiel steht als amerikanische Rechtssprechung und Demonstrationsfreiheit.

Perfektes Timing.

INFO: USA 2020. 129 Min. Von Aaron Sorkin. Mit Sacha Baron Cohen, Jeremy Strong, Eddie Redmayne.

Filmkritik zu "Ein bisschen bleiben wir noch": Fluchtschicksal aus Kinderperspektive

Um in Österreich weniger aufzufallen, wechseln zwei tschetschenische Flüchtlingskinder ihre Namen: In der neuen „Heimat“, in der sie nach sechs Jahren immer noch kein Bleiberecht haben,  nennen sie sich Oskar und Lilli. Doch der Fremdenpolizei ist das egal, sie wollen die Geschwister samt depressiver Mutter abschieben. Nach deren Selbstmordversuch werden die Kinder  getrennt und zu Pflegeeltern geschickt.

Inspiriert von  einem Roman von Monika Helfer, erzählt  Arash T. Riahi die  Geschichte einer zerrissenen Familie aus frecher Kinderperspektive,  versetzt mit poetischen Glücksmomenten. Erbsen werden zu lachenden Mündern und eine an Parkinson erkrankte Großmutter zur Tänzerin ohne Musik.

INFO:  Ö 2020. 102 Min. Von Arash T. Riahi. Mit Leopold Pallua, Rosa Zant.

Filmkritik zu "Die Misswahl - Beginn einer Revolution": Mehlbomben auf die Bühne

Die Wahl zur  „Miss World 1970“ in London wurde weltweit im Fernsehen übertragen und galt als nette Familienunterhaltung. Pure Provokation für  junge Feministinnen, die protestierend Mehlbomben auf die Bühne und Gastgeber  Bob Hope warfen und umgehend verhaftet wurden.

„Basiert auf   wahren Ereignissen“  beteuert   Regisseurin  Philippa Lowthorpe  zu Beginn ihrer freundlichen, aber zerfransten Komödie, die das Herz am rechten Fleck trägt, aber niemandem – schon gar keinem Mann – zu nahe treten möchte. Keira Knightley als weiße Feministin trifft auf eine schwarze Schönheitskönigin:   Dieser Moment wiegt schwer in einem leichten Film, der sich  viel zu schnell verflüchtigt.

INFO: GB/F 2019. 106 Min. Von P. Lowthorpe. Mit Keira Knightley, Jessie Buckley.

Filmkritik zu "3freunde2feinde": Hackler-Hipster im Kampf gegen Postenschacher

 In einer Firma, die Schutzmasken  vertreibt, blüht der Nepotismus. Feste Anstellungen werden nur an  Verwandte vergeben.

Im Mittelpunkt stehen drei junge Hacklerkinder im Hipster-Outfit, die um einen Hungerlohn arbeiten. Als ihnen das zu blöd wird, setzen sie alle  Hebel an, um die Familienhierarchie zu Fall zu bringen. Das kapitalistische System wird von zwei Söhnen aus reichem Haus  verkörpert. Sie versuchen, die Kontrolle  zu behalten, beißen sich aber an den   Freunden die Zähne aus. Denn die drei kämpfen gegen die Ungerechtigkeit dieser „g’schissenen Welt“, in der die Reichen das Sagen  haben. Und  Filmemacher Sebastian Brauneis kämpft Seite an Seite mit ihnen.

Mit bisweilen recht derb-wienerischen Dialogen und  hinterfotzigem Witz wendet er sich gegen jene, die sich’s   richten können. Weswegen wohl der Film weitgehend ohne Förderungen auskommen musste. Was man ihm bisweilen auch ansieht. Der durchaus witzige Film bietet außerdem eine Tour durch Wiener Beisln – mit ansprechender Musik.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: Ö 2019. 109 Min. Von Sebastian Brauneis. Mit Marlene Hauser, Christoph Kohlbacher.

 

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