Teil 2 der Videoinstallation ist im mobilen Kino von Max Kaufmann zu sehen. 

© Thomas Trenkler

Kritik
05/13/2021

Ruth Klügers "weiter leben": Stationendrama in die Hölle und zurück

Makemake Produktionen brachte eine ergreifende Umsetzung von Klügers Autobiografie heraus - als komplexe Videoinstallation

von Thomas Trenkler

Vor einem halben Jahr starb Ruth Klüger – wenige Tage vor ihrem 89. Geburtstag. Nun erschien ein würdiger Nachruf in Form einer „begehbaren Videoinstallation“: In Zusammenarbeit mit dem Theater Nestroyhof Hamakom und dem Odeon brachte das Kollektiv Makemake Produktionen eine ergreifende Umsetzung von „weiter leben“ heraus. In dieser Autobiografie, 1992 erschienen und später gratis in Wien verteilt, berichtet die Autorin über ihre Kindheit in der NS-Zeit, ihr Überleben in Theresienstadt und im KZ.

Die Regisseurinnen Sara Ostertag und Kathrin Herm haben zentrale Passagen herausgegriffen. Zum Beispiel die Erzählung, dass sich Klüger um 1940 „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ anschauen wollte. Die Nationalsozialisten hatten der jüdischen Bevölkerung aber auch den Besuch von Kinos verboten. Klüger ging trotzdem. Sie kaufte sich extra eine Logenkarte – und saß, blöd gelaufen, dann direkt neben einer ihr bekannten Nazi-Familie.

 

Für diesen zweiten Teil des Video-„Stationendramas“ hat man ein mobiles „Milieu Kino“ zu besuchen, einen von Max Kaufmann liebevoll umgebauten LKW, der auf der Praterstraße steht. Von dort geht es weiter in den gespenstischen, sandigen Keller der ehemaligen Produktenbörse, die nun das Odeon ist: Drei Lichter am Ende des Gangs, zum Dreieck angeordnet, lassen einen an eine Lokomotive und an Deportation denken.

Wie der Mond

Auschwitz sei ihr, sagt Klüger, so lebensfremd wie der Mond gewesen. Thema ist aber nicht nur der Holocaust und die „Selektion“, sondern auch das schwierige Verhältnis der Autorin zu ihrer Mutter.

Die Videos, an allen vier Schauplätzen gedreht, sind komplex, sie schaffen Verbindungen zwischen dem jeweiligen Ort und dem Text. Die Regisseurinnen arbeiten mit „Bühnenbildern“ und Skulpturen, mit Licht- und Toninstallationen. Die Textpassagen werden bewusst von einer Familie (Alireza Daryanavard, Anne Wiederhold und deren Tochter Emma) interpretiert – und auf der reflexiven Ebene von Martin Hemmer, der den Sprachduktus von Ruth Klüger perfekt beherrscht.

Aufgrund der noch geltenden Covid-Verordnungen kann man den Parcours nur alleine bestreiten. Man ist daher auf sich zurückgeworfen. Das steigert die Wirkung noch. Ein Erlebnis. THOMAS TRENKLER

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