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Kultur
10/07/2020

Nachruf auf Ruth Klüger: Eine Kindheit in Einsamkeit

Das antisemitische Wien der NS-Zeit blieb allgegenwärtig. Nun starb die streitbare Literaturwissenschafterin und Autorin 88-jährig.

von Thomas Trenkler

Ruth Klüger, geboren 30. Oktober 1931 in Wien, war eine „Wald- und Wiesengermanistin“. Jedenfalls bezeichnete sie sich so. Und sie verkörperte einen Widerspruch in sich: Sie war Jüdin, hatte den Holocaust überlebt – und beschäftigte sich mit der deutschen Literatur und Lyrik, mit der Sprache der Mörder.

2011 erzählte sie im Interview, deswegen jüdische Freunde verloren zu haben. Denn man kaufe doch keine deutschen Produkte – und studiere nicht Deutsch. Auch ihre Mutter hätte die Literaturwissenschaft nie für einen ordentlichen Beruf gehalten. „Aber was soll man machen? Der Mutter kann man nicht alles recht machen.“

1947 war Ruth Klüger in die USA gegangen. Sie wurde zunächst in New York Bibliothekarin – und studierte danach Germanistik in Berkeley. Nach der Scheidung vom Historiker Werner Angress begann sie mit ihrer Dissertation – über das barocke Epigramm. Von 1980 bis 1986 war sie Professorin in Princeton, danach an der University of California in Irvine. Sie publizierte über Kleist, Heine und Schnitzler, über Thomas Mann und Marie von Ebner-Eschenbach, sie beschäftigte sich früh mit Feminismus. Sie konnte harsch sein, war kompromisslos, eine streitbare Intellektuelle. Eben alles andere als eine „Wald- und Wiesengermanistin“.

In Wien, im Feindesland

Von ihrer Geburtsstadt wollte sie lange Zeit nichts wissen: „In meiner Erinnerung ist Wien die antisemitische Stadt. Wenn ich an der Hofburg vorbeigehe, erinnere ich mich, wie ich damals an der Hofburg vorbeigegangen bin – und auf den Steinen Antisemitisches stand.“

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1938 setzte Klüger einen ersten Akt der Selbstermächtigung: Sie war nicht länger die Susi, sondern fortan die Ruth. Ihre Mutter erwartete ein Kind; der Vater, ein Gynäkologe, trieb es ab. Ihm gelang die Flucht nach Italien, Mutter und Tochter blieben in Wien. Die NS-Zeit war für das Mädchen bedrückend und dunkel: „Man trat auf die Straße und war in Feindesland.“

Ältere Emigranten hätten Wien noch als Heimatstadt erlebt. „Für mich ist sie einfach Geburtsstadt. Was nicht ganz stimmt: Ich habe hier sprechen gelernt. Sie bleibt also ein Stück von einem selbst. Aber die unangenehmen Erinnerungen kommen halt immer wieder hoch. Die Stadt bedrückt mich, sogar wenn sie leuchtet.“

Nicht in die Gaskammer

Mutter und Tochter wurden in Sammelwohnungen gepfercht. „Das war für mich das Ärgste an Wien: diese Einsamkeit, diese zunehmende Einsamkeit – in einer Zeit, in der sich das Gesichtsfeld von Kindern erweitert, in der sich der Freundeskreis erweitert. Bei mir hat er sich verringert.“ Im September 1942 wurden Mutter und Tochter nach Theresienstadt deportiert, im Mai 1944 folgte das KZ Auschwitz-Birkenau: „Darüber zu reden, das habe ich nie gekonnt.“

Eine Frau beschwor Klüger, sich bei der Selektion als bereits 15-jährig auszugeben. Dadurch kam sie ins Arbeitslager – und nicht in die Gaskammer. Und Anfang 1945, kurz vor Kriegsende, gelang ihr mit der Mutter die Flucht aus Christianstadt.

Über all dies schrieb Klüger ein nüchternes, sehr reflexives Buch. Es erschien 1992 unter dem Titel „weiter leben. Eine Jugend“. Und erst viel später kam es zu einer Art Versöhnung mit Wien: 2008 wurden 100.000 Exemplare der Autobiografie im Rahmen der Aktion „Eine Stadt. Ein Buch.“ verschenkt.

Einer ihrer beiden Söhne war beim Festakt dabei. Über die Vergangenheit der Mutter hatte er nie viel wissen wollen. Und nun stellte er fest: „Mum is a rock star.“

Ruth Klüger hatte ihre Vergangenheit aufgearbeitet, sie ließ sich die in den linken Unterarm eintätowierte KZ-Nummer A-3537 weglasern. Und sie war immer wieder in Wien: Sie sprach im Parlament, sie erhielt die Ehrendoktorwürde der Uni.

In der Nacht auf Dienstag starb Ruth Klüger nach langer Krankheit in Kalifornien.

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