Sterben spielen Romeo Castellucci
Zusammenfassung
Traue den Bildern nicht, sie verraten dich. Dass wir auf vordergründige Bilder, auf Masken hereinfallen, mag eine Binsenweisheit sein. Sie stimmt trotzdem, wie einem Romeo Casteluccis aktuelle Inszenierung bei den Wiener Festwochen in Erinnerung rief.
„Credere alle Maschere“, „An die Masken glauben“ heißt die 40-minütige Performance, die der italienische Regisseur am Wochenende im Wiener MuseumsQuartier zeigte.
Castelucci ist seit Jahrzehnten immer wieder Gast in Österreich, er hat bei den Wiener Festwochen und den Salzburger Festspielen inszeniert. Immer wieder wird er als „bildgewaltiger Theatermagier“ bezeichnet, wahlweise auch als „Provokateur“. Seine Inszenierungen haben ebenso oft Jubel wie Protest ausgelöst. Verstört haben sie so gut wie immer: Man denke an die Performance „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio“ („Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn") im Burgtheater 2013, wo er einen Mann bei der Pflege seines inkontinenten alten Vaters vor einem Jesus-Bild zeigte.
Diesmal braucht Castellucci weniger Aufwand, um zu verstören. Es genügt schon, dass jeder, der bei „Credere alle maschere“ dabei sein will, eine der eigens entworfenen Masken aufsetzen muss. (Und diese dann auch mit heimnehmen darf. Nicht allen ist das plötzlich leblose Ding allerdings geheuer.)
Mitmachtheater, für manche ein Horror, diesfalls unausweichlich, auch für den Intendanten Milo Rau: Auch er entkommt der Maske nicht.
Das Publikum nimmt auf einer u-förmigen Bank Platz. Man mustert die anderen Masken-Gesichter. Insbesondere jene Masken, deren Träger man kennt, wirken spannend, selbst wenn sie naturgemäß völlig ausdruckslos sind. Es ist immer wieder verblüffend, zu sehen, wie sich vermeintlich bekannte Menschen hinter Masken augenblicklich verwandeln. Eine äußert irritierende Erfahrung.
Die eigentliche Performance besteht darin, dass zwei Männer Gegenstände auf die Bühne bringen und dahinter ein Wort eingeblendet ist, das scheinbar wenig mit dem Gegenstand selbst zu tun hat. Eine Vase wird als „Pfeife“ bezeichnet, ein Glas Milch als „Hammer“, ein ausgestopfter Fuchs als „Pferd“. Der alte Magritte-Schmäh fällt einem ein: „Der Verrat der Bilder“ heißt jenes Bild, auf dem eine Pfeife zu sehen und darunter zu lesen ist: „Ceci n“est pas une pipe“- „Dies ist keine Pfeife“.
Nach diesem gut 25-minütigen, zart beunruhigenden, aber unspektakulären Bilder-Rätsel dann der Kern der Aufführung. Ein Stuhl, der aussieht, wie ein elektrischer Stuhl, wird vor das Publikum gestellt. Im Hintergrund die Schrift: „Stuhl“. Ein gewöhnlicher Stuhl ist das natürlich nicht. Es ist eine Tötungsmaschine.
Schweigen. Plötzlich steht eine Frau im Publikum auf. Setzt sich auf den Stuhl. Zuckt, bäumt sich auf, spielt, sie würde sterben. Geht wieder auf ihren Platz. Das wiederholt sich ein paar Mal. Nicht jeder macht hier mit. Manche schütteln nur stumm den Kopf. Was die meisten hinter ihren Masken denken und spüren, lässt sich nur vermuten. Kurz vor Ende wird es dann doch noch halbdunkel im Raum. Als keiner mehr mitmachen mag, weisen zwei Frauen den Weg aus dem Raum. Kein Applaus, aber viele Fragen.
Castellucci hat „Credere alle maschere“ als ein Hinterfragen „unseres Gott-Spielens über den Tod“ angekündigt.
Das Perfide an dieser Performance: Sie kommt so unscheinbar daher. Ein harmloser Samstagnachmittag mit Bekannten, draußen im MuseumsQuartier scheint die Sonne, drinnen, im Untergeschoß der Halle G, haben gerade ein paar Menschen mit Masken Sterben gespielt.