Kultur
15.06.2014

Mit Bette Davis am Würstelstand

Burgtheater-Musiker Bernhard Moshammer über seinen seltsamen Liebesroman.

So böse, wie er auf dem Foto dreinschaut, ist Bernhard Moshammer in Wirklichkeit nicht. Der Schriftsteller und Musiker sieht in Wahrheit auch nicht böse aus. Eher schüchtern sitzt er einem im Kaffeehaus gegenüber, lächelt und entschuldigt sich vielmals, als er nach einer Stunde das Interview beenden muss, um zum Zahnarzt zu eilen.

Alles andere als teuflisch also. Und da sind wir schon beim Thema. Genauso war es nämlich auch mit Bette Davis, über die Moshammer nun einen Roman geschrieben hat. Die große Hollywood-Diva spielte ja auch oft die vermeintlich Bösen, die sich am Ende als Opfer herausstellen. Man denke etwa an die Filme "Alles über Eva" oder "Was geschah wirklich mit Baby Jane?", wo man erst am Ende draufkommt, dass nicht die verrückte Baby Jane (Bette Davis), sondern ihre angeblich so großherzige Schwester Blanche (Joan Crawford) schuld an allem ist ...

Das ist aber nicht der Grund, warum der 44-jährige gebürtige St. Pöltner die faszinierende Bette Davis zur Protagonistin seines vierten Romans gemacht hat. Dem Familienvater, der im Zweitberuf Musiker u. a. am Burgtheater ist – derzeit etwa in David Böschs "Parzival" zu erleben – gelang mit "Alles über Mr. Davis" eine liebevolle, überraschende und schlau konstruierte Hommage an die 1989 verstorbene amerikanische Schauspielerin – und an seinen Onkel.

Der Onkel Alois nämlich, ein niederösterreichischer Pfarrer im Ruhestand, diente als Vorbild für das Porträt des 90-jährigen Leopold, der im Roman einer jungen Journalistin, die eigentlich über Weltkriegsveteranen recherchieren möchte, eine unglaubliche Geschichte auftischt: Er behauptet, die berüchtigt Hollywood-Legende Bette Davis gekannt, mehr noch: geliebt zu haben.

Flüchtiges Bussi

Und das, obwohl zwischen ihnen nicht mehr als ein flüchtiges Bussi war. Geschlechtsverkehr kommt in diesem Buch nur als Wort vor. Und als Lied: Den einzelnen Kapiteln sind Songtexte vorangestellt, eine CD, die Moshammer, verstärkt von einem wunderbaren Musikerensemble und den Burgschauspielerinnen Sabine Haupt und Sarah Viktoria Frick aufgenommen hat, liegt bei.

Einer dieser Songs heißt "Lied von der zweifelhaften Freude am Leben in der Pornogesellschaft": "Wohin ich auch geh, man leckt mir den Zeh... man röchelt mich Namen, verlangt meinen Samen".

Will da einer besonders moralisch sein, angesichts der Übersexualisierung unserer Gesellschaft? Nein, das nicht, aber die Geschichte des Herrn Leopold, der wahrscheinlich nie in seinem Leben Sex hatte und dessen schönstes Erlebnis das gemeinsame Zigarettenrauchen mit Bette Davis auf einer Wiener Parkbank war, ist einfach zauberhaft. Die zweifache Oscar-Gewinnerin soll nach eigener Aussage ja auch wesentlich keuscher gewesen sein, als ihr Image es vermuten lässt: Sex gab es bei ihr erst nach der Hochzeit mit 26, erzählte sie etwa in der "Dick Cavett Show".

Passionierte Raucherin

Moshammer ist in Bette Davis "reingekippt– sie war einfach ein Kaliber. Sie war so gut, so schlagfertig, gerade als ältere Dame – ich bin ihr verfallen." Inspirieren ließ sich Davis-Fan Moshammer von den Autobiografien der Filmdiva. Ob sie jemals in Wien war und tatsächlich, wie im Buch, beim Heurigen Veltliner genoss, lässt sich zwar nicht nachprüfen. Unmöglich ist es aber nicht, dass die passionierte Kettenraucherin Anfang der 60er ein Wochenende in Wien verbracht hat: Moshammer hat recherchiert, dass sie da gerade Drehpause hatte.

Und es ist durchaus eine charmante Vorstellung, dass sie die bei einem Wiener Würstelstand, beim Heurigen und im Café Prückl mit einem schüchternen Wiener verbracht hat, der sich kurzfristig als "Mr Davis" wähnte.