Róisín Murphy macht sich im Bad für den Discobesuch fertig: Die Dauerwelle sitz schon mal.

© Rowan Trafford

Kritik
09/30/2020

Róisín Murphy: Nachdenklich in die Disco

Die Stimmung ist getrübt. Trotzdem zieht es die Sängerin auf den Dancefloor. Eine Kritik zum neuen Album von Róisín Murphy.

von Marco Weise

In nicht gerade einfachen Zeiten, in denen eh schon einiges den Bach runtergeht, muss einen nicht auch noch die Musik runterziehen. Es braucht hingegen (neue) Hoffnung und animierende Songs, mit denen sich – zumindest kurzfristig – alle Sorgen und Ansteckungsgefahren ausblenden lassen. Ganz nach dem Motto: Wenn uns schon das Virus auf Abstand hält, muss wenigstens die Musik körperlich sein.

Das bringt uns zu Róisín Murphy: Die aus Irland stammende Hohepriesterin in Sachen gepflegter Disco-Unterhaltung weiß nämlich, wie man Menschen glücklich macht. Immerhin übt sie ihren Job als Discoqueen seit über 25 Jahren erfolgreich aus. Zuerst als Teil des Duos Moloko und Hits wie „Sing It Back“ . Nach der privaten wie beruflichen Trennung von Mark Brydon konzentrierte sich die mittlerweile 47-Jährige auf ihre eigene Vorstellung von Popmusik: Je nach Produzent und aktueller Stimmungslage fielen Róisín Murphys Arbeiten dann mal oberflächlicher und glitzernder, mal experimenteller und reduzierter aus.

Nun veröffentlicht sie mit „Róisín Machine“ ihr – oberflächlich betrachtet – bislang aufdringlichstes Studioalbum. Ein Platte, die vor wilden Grooves, hypnotisierenden Beats und fesselnder Leidenschaft strotzt. Es ist ein fein abgeschmeckter Eintopf voller Reste aus der Vergangenheit: Acid-House, wie er Mitte bzw. Ende der Achtziger von Chicago nach Europa gekommen ist, fiebrige wie aufgesexte Pop-Electro-Klänge der Nullerjahre, discoide Bassläufe und funky Gitarren, zu denen man seit Ende der 1970er-Jahre steil geht.

Happy End

Murphys Zusammenarbeit mit der aus Sheffield stammenden Elektro-Ikone Richard Barratt, besser bekannt als Crooked Man und DJ Parrot, ist ein Tribut an die großen Dancefloor-Tage. Ein Album voller potenzieller Disco-Tracks zu machen, scheint in Zeiten von Corona Konjunktur zu haben. Denn kürzlich haben Dua Lipa und Lady Gaga glitzernde Hymnen veröffentlicht. Und im November veröffentlicht Kylie Minogue ihr neues Album mit dem unmissverständlichen Titel „Disco“.

Róisín Murphy hat aber eine andere Idee von Disco. Ihre neuen Songs sind gleichermaßen eingängig und versponnen, klingen nach Club – und doch irgendwie nachdenklich. Es geht ihr also nicht nur ums Tanzen, um gute Laune. In „Incapable“ kommentiert sie etwa mit der Textzeile „Never had a broken heart“ ironisch die emotionale Unfähigkeit der Gesellschaft. Während im Hintergrund pulsierende House-Beats und Claps für gute Laune sorgen, stellt sie im Refrain die Frage: „Bin ich unfähig zu lieben?“ Für ein Happy End ist es nie zu spät. Jeder habe es selbst in der Hand, wie die Sängerin im wunderbaren „Murphys Law“ mit famoser Stimme klarstellt: „I feel my story's still untold / But I'll make my own happy ending“.

Róisín Murphys fünftes Soloalbum ist ein Meisterwerk, das nie zu platt, nie zu seicht und nie zu vorhersehbar ausfällt. Ihre schlechte Laune, ihre Langweile, Sorgen und ihren Brexit-Frust lässt sie zwar von Richard Barrat mit Streichern, groovenden Bässen und allerlei Arbeiten an den Synthesizern überpudern. Aber das Discolicht funkelt nicht ungetrübt.

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