Kultur
18.04.2012

"Robinson Crusoe" kommt ins Burgtheater

Regisseur Jan Bosse macht das Burgtheater zur einsamen Insel. Er inszeniert Daniel Dafoes’ Roman "Robinson Crusoe". Premiere ist am 20. April.

Es begann mit einer Idee von Burgschauspieler Joachim Meyerhoff. Der folgten der Kauf und das Lesen des Originalromans und euphorische Telefonate. Weil Regisseur Jan Bosse "sofort drauf angesprungen" ist, aus Daniel Defoes "Robinson Crusoe" einen Theaterabend zu machen. "Für mich", sagt Bosse, "ist Robinson eine archaische, archetypische, eine mythische Figur, die allerdings in einer Linie durch den Kinderbuchbereich bekannt ist."

Eine Abenteurerstory. In Wahrheit aber nur ein Teil des Ganzen. Schon knapp nach Erscheinen des Buchs im Jahr 1719 hat man den Klassiker darauf reduziert.

Rest der Welt

"Das Original ist ein Roman, der mit Kolonialisierung, Sklavenhandel, dem Beginn der Globalisierung, der Haltung der Europäer gegen den Rest der Welt, zu tun hat. Dem Anfang des ganzen Wahnsinns an dessen Höhe- oder Scheitelpunkt wir gerade stehen", so Bosse. So will er’s auch inszenieren: "Robinson heute muss mit uns zu tun haben, sonst ist es nur eine ferne, exotische Geschichte."

Meyerhoff, Bosse seit vielen Projekten ein kongenialer Partner und nun auch als erfolgreicher Autor geoutet, wurde gleich zum Schreiben der Textfassung "vergattert". So ein Talent muss man doch ausnutzen!

Erstaunlich findet es Bosse, wie sich der Blick auf den Gestrandeten gewandelt hat. Was bei Defoe noch Erbauungsliteratur, Läuterungsroman, ja fast religiöser Erkenntnisroman, war, wirkt heute über weite Strecken unsympathisch. Robinson Crusoe – der selbst am Nullpunkt angekommen nur zivilisieren, christianisieren will.

Herrenmenschentum

"Er sieht sich sofort als ,König" und in der Natur nur das Material, das ihm für seine Zwecke dient. Er gründet das Königreich mit drei Buchstaben: ICH. Das ist der Kern dessen, was wir erzählen: Nicht den Überlebenskampf, sondern wie er das arrogante Herrenmenschentum durchexerziert. Unfassbar, wie er aus seiner europäischen Sicht, meint, er hätte den Schlüssel zum Funktionieren der Welt gefunden, und der sogenannte Wilde müsse das nun auch kapieren."

Der Wilde, Freitag, ist aber Ignaz Kirchner, "also kein schwacher Gegner", lacht Bosse. "Wobei Kirchner zu Beginn auch Crusoes Vater spielt, der ihn vor der Reise warnt, ihm sagt: Du wirst der einsamste Mensch der Welt werden. Dann schwärzt er sich das Gesicht und ist Freitag. Er lässt den Sohn mit seinem Fluch nicht in Ruhe. Ein toller Bogen: Ein weißer, alter Schauspieler, der sich anmalt, und das spielt, was der andere von ihm verlangt: den Kannibalen."

Überkorrekt

Keine Angst vor den politisch Überkorrekten?
"Political Correctness und Kunst, das geht nicht zusammen. Man muss mit großem Bewusstsein an so einen Abend rangehen, aber man muss ran dürfen. Und der Umgang mit dem Klischee muss halt sehr offensiv sein. Ich hoffe, dass sich zwischen Meyerhoff und Kirchner ein Spiel à la Beckett oder Marx Brothers entwickelt. Da liegt die Latte natürlich hoch."

Apropos, hochliegende Latte: Zu Bosses "Lulu"-Inszenierung, die vergangenen April wegen des Ausstiegs von Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr aufgeschoben, aber nicht aufgehoben wurde, gibt es immer noch keine konkreten Pläne.

Fast so oft gelesen wie die Bibel

Robinson Crusoe" von Daniel Defoe erschien 1719 und gilt als einer der ersten englischen Romane. Es ist eines der Bücher, das nach der Bibel und dem Koran zu den meistgedruckten der Welt zählen soll.

Außer der bekannten Robinsonade gibt es im Original unter anderem eine Nordafrika-Episode, in der Crusoe von Piraten überfallen wird, und ein Brasilien-Kapitel, wo er mit Sklavenarbeit eine Zuckerplantage aufbaut. Auf "seine" Insel kehrt Robinson am Ende noch einmal zurück – mit neuen Siedlern.

Bosse hat den Theater-Abend gemeinsam mit seinen Schauspielern Joachim Meyerhoff, Ignaz Kirchner und Dramaturgin Gabriella Bussacker erarbeitet. Er trägt den Untertitel "Projekt einer Insel". Premiere ist am 20. April.