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Kultur
09/13/2019

Rainhard Fendrich: "Wir müssen uns um uns Sorgen machen"

Der Sänger über Mut, Klimawandel, Politik, das Feschsein und heiße Luft.

von Guido Tartarotti

Am 20. September erscheint Rainhard Fendrichs neues Album „Starkregen“ – auf seinem eigenen Label RJF-Music. Es könnte sein letztes sein. Ein sehr nachdenkliches Interview mit einem Künstler, der (fast) keine Angst mehr hat. Und der sich kein Blatt mehr vor dem Mund nimmt.

KURIER: Das neue Album heißt „Starkregen“. Das ist offenbar ein Wortspiel mit „Rainhard“ – hard rain. Wie sind Sie da draufgekommen?

Rainhard Fendrich: Das war Zufall. Ich habe einen Flug gebucht bei einer spanischen Fluglinie. Und das Übersetzungsprogramm hat aus meinem Vornamen „Starkregen“ gemacht. Und ich hatte plötzlich eine Flugbestätigung in der Hand gehabt, auf der „Starkregen Fendrich“ stand. Und das steht nicht im Pass drinnen! Und da ich eh keinen Titel hatte für das Album habe ich gesagt, so, das heißt jetzt „Starkregen“. Jetzt kann ich sagen, das steht für Klimawandel, nicht nur meteorologisch, sondern auch in der Gesellschaft – ein Geschenk das Schicksals.

Man denkt ein bisschen an Bob Dylan, „a hard rain is gonna fall“?

Da bin ich erst später draufgekommen.

Das Lied „Die Welt ist groß“ schließt ein bisschen daran an – da geht es darum, was wir der Welt antun.

Na ja, in dem Lied geht es darum: Man schätzt die Existenz der Welt auf 4,6 Milliarden Jahre. Wenn man jetzt sagt, diese 4,6 Milliarden Jahre entsprechen einem Tag, dann wäre die Menschheit erst seit fünf Sekunden da, und die Industrialisierung erst Zehntelsekunden. Das heißt, es ist uns gelungen, in kürzester Zeit die Ressourcen dieser Welt an den Rand des Kollaps zu bringen. Und ich sage: Die Natur kennt keine Probleme, die kennt nur Lösungen. Wir nehmen uns selbst den Lebensraum weg. Aber vielleicht lernt der Mensch ja, Kohlendioxid zu atmen, so wie der Quastenflosser aus dem Meer herausgestiegen ist (lacht). Wir müssen uns um uns Sorgen machen, nicht um die Bienen oder die Nashörner.

Ist der Klimawandel ein Thema für Sie?

Ich habe in einem Antiquariat ein Buch gefunden aus dem Jahr 1973. Da steht alles drin, was jetzt passiert. Es ist nicht so, dass man das erst jetzt weiß. Das Problem kann nur global gelöst werden. Ich bin auch für eine CO2-Steuer, man muss sie nur sinnvoll einsetzen. Wenn Brasilien den Regenwald abholzt, kann man nur sagen: Wir als Weltgemeinschaft kaufen euch euer Soja nicht mehr ab. Die richtigen Entscheidungen muss die Politik treffen.

Das erste Lied auf dem Album heißt „Burnout“. Das ist ja eine Massenkrankheit geworden.

Die ständige Erreichbarkeit ist eine Volkskrankheit geworden.

Marcel Hirscher hat bei seinem Rücktritt gesagt, er möchte jetzt etwas machen, das nichts mit Leistung zu tun hat. Glauben Sie, die Leistungsgesellschaft stößt an ihre Grenzen?

Ich glaube, der ständige Wachstumsgedanke muss einmal hinterfragt werden. Wohin wollen wir wachsen? Wann das an die Grenzen stößt, weiß ich auch nicht.

Das Lied „Heiße Luft“ handelt von Populismus. Warum funktioniert heiße Luft?

Weil sie gut schmeckt! Populismus ist Propaganda, wenn das geschickt gemacht ist, spricht man die Leute damit an. Mit heißer Luft meine ich nicht nur die Populisten, sondern: dass gelogen wird. Dass Wahlversprechen gemacht werden, wo man schon in vornhinein weiß, dass sie nicht gehalten werden. Populismus funktioniert, weil er laut ist und weil er mit viel Geld verbunden ist. Ich würde mir wünschen, dass man sich bei Parteienfinanzierung genauso gesetzestreu verhält wie bei einem Lehrling, der abgeschoben wird. Es wird auch heute ein Wahlkampf geführt mit Anpatzen. Man versucht nicht, Wähler zu gewinnen, sondern man versucht, den Gegner zu vernichten, mit Wahrheit oder Unwahrheit. Und dann wird laut geschrien. Und alles, was laut ist, gilt irgendwann als wahr. Zuerst macht man den Leuten Angst, damit man sich als Erlöser darstellen kann.

In „Hinterm Tellerrand“ schildern Sie jemanden, der „sei Ruah“ haben will. Ist das ein Problem unserer Zeit?

Der eine sagt, hören S' mir auf mit Politik, der andere sagt, ich wähle den und den, weil er so fesch ist. Politik funktioniert aber nur, wenn alle mitmachen.

Sie sind auch „fesch“. Hätten Sie das Talent zum Politiker gehabt?

Nein!

Sie verkaufen aber auch sich selber?

Ja, aber ich kann so schwer lügen.

Ihr Debütalbum  ist nächstes Jahr 40 Jahre alt, „Ich wollte nie einer von denen sein“ ist 1980 erschienen. Darauf gibt es ein Stück namens „Leben“, darin singen Sie: „Es gehört eine Menge Mut dazu, jung zu sein. Hoffentlich haben wir genug davon, dann wir haben noch einiges vor.“ Das sind Zeilen, die ein junger Mann gesungen hat. Passen sie immer noch?

Ich war damals sehr dankbar, dass ich plötzlich Erfolg hatte und eine Orientierung. Mich erstaunen diese Zeilen jetzt selber – ich konnte mich nicht mehr daran erinnern. Aber ja, es stimmt schon.

Aber Mut zum Jungsein braucht man mit Mitte 60 auch, oder?

Na ja, alt ist man dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft. Und ich habe eigentlich noch einiges vor. Ich weiß nur nicht, ob es mit Musik zu tun hat. Vielleicht werde ich einen Roman schreiben. Eine Geschichte in drei Minuten erzählen, das kann ich. Aber eine Geschichte zu verlängern … ich habe mir auch schon Fachliteratur besorgt, wie man Romane schreibt. Es muss kein Krimi sein, vielleicht schreibe ich einen zeitkritischen Roman. Zum Beispiel hatte ich eine Idee: Die weißen Menschen werden plötzlich unfruchtbar und können sich nicht mehr fortpflanzen. Was passiert dann? Die Fremdenfeindlichkeit würde plötzlich verschwinden. Oder vielleicht mache ich ein Soloprogramm. Ganz alleine, wie der Bruce Springsteen. Ich glaube, dass dieses Album  mein letztes physisches Album ist.

Auf Ihrem Lied vom ersten Album „Ich wollte nie einer von denen sein“ singen Sie: „Die auf ausgetret’nen Wegen jeden Schritt zu weit bereuen.“ War es schwer, keiner von denen zu werden?

Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob es ein Imperativ oder ein Konjunktiv ist.

Ihr neues Album fällt genau in die Zeit des Wahlkampfs. Das war natürlich nicht geplant. Sie haben mit „I Am From Austria“ die heimliche Nationalhymne geschrieben …

Ich hab sie nicht geschrieben, das hat sich entwickelt. Sie hat sich zweckentfremdet. Damals hat „Wenn ihr wollt’s a ganz alla“ etwas anderes bedeutet. Wenn das heute ein ganzes Stadion singt, ist das fast … abstrus.

Was bedeutet Ihnen die Idee Österreich heute?

Es ist meine Heimat! Man muss Heimat sagen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Hier bin ich zu Haus. Österreich ist ein Vielvölkerstaat, immer schon gewesen. Ich muss ja lachen über die Frau Stenzel, die sagt, es geht um eine Erinnerungskultur. Ich würde mir wünschen, dass es für das, was vor 80 Jahren in diesem Land passiert ist, auch eine Erinnerungskultur gibt.

Sie waren früher  sehr zurückhaltend, was politische Statements betrifft. Mittlerweile drücken Sie sich sehr klar aus. Was hat diese Änderung bewirkt?

Na ja. Man wird mit zunehmendem Alter kompromissloser. Man hat auch weniger Angst. Was soll passieren? Vielleicht kommt jetzt mein Alterswerk.

Haben Sie Ihre besten Arbeiten noch vor sich?

Wenn ich etwas mache, denke ich immer, das ist das Beste. Wenn ich das Gefühl habe, es ist das Zweitbeste, dann muss ich aufhören. Meine Karriere steht wie ein Hocker auf drei Beinen. Körperliche Gesundheit,  geistige Wachheit – und das Publikum.

Sie haben gesagt, Sie haben keine Angst mehr. Gilt das nicht auch gegenüber dem Publikum?

You cannot fuck the audience, but the audience can fuck you. Ich habe großen Respekt vor jedem, der auf der Bühne steht. Aber ich habe noch größeren Respekt vor dem Publikum. Aber ich habe das Gefühl, ich bin mehr bei mir als je zuvor.

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