Rainhard Fendrich

© APA/GEORG HOCHMUTH

Interview
10/03/2016

Rainhard Fendrich: "Aha, der ist ja gar kein Ungustl!"

Rainhard Fendrich über sein neues Album, Georg Danzer, Rechtspopulisten, Flüchtlinge, das Internet und darüber, wie man der Peinlichkeit entrinnt.

von Guido Tartarotti

Ein entspannter Rainhard Fendrich erwartet den KURIER zum Interview – und zitiert heiter aus Verrissen der vergangenen 35 Jahre. Die kann er auswendig, die positiven Kritiken "habe ich vergessen". Komplimente für die Lieder und reduzierten Arrangements des neuen Albums "Schwarzoderweiß" scheinen ihn ehrlich zu freuen – "hab ich alles selber gemacht". Selbst, als ihn eine sehr alte Dame mit dem legendären Satz "Sie haben so ein bekanntes Gesicht, wer sind Sie?" anspricht, bleibt er fröhlich und charmant.

KURIER: Das Album beginnt mit dem Satz: "Stell dir vor, es gibt kein Internet". Eine bemerkenswerte Ansage.

Rainhard Fendrich: Ich will nicht altbacken klingen und den Eindruck erwecken, dass man das alles nicht braucht. Es ist eher eine Horror-Vision – man kann ohne Internet nicht mehr kommunizieren. Die sozialen Medien erleichtern unser Leben, aber wir haben auch eine unglaubliche Abhängigkeit entwickelt. Heute hat jeder ein Handy, und da draußen findest du keine Telefonzelle mehr. Früher war eine Telefonhütte oft lebensrettend.

Das zweite Lied heißt "Frieden" und hätte so schon vor 30 Jahren erscheinen können. Hat die Menschheit nichts gelernt?

Es ist eine Illusion, auf einem Planeten, auf dem das Leben aus Fressen oder Gefressenwerden besteht, Frieden herzustellen. Ich habe versucht, eine Sehnsucht zu formulieren. Frieden lässt sich nur im kleinsten Kreis schaffen, im Zwischenmenschlichen. Das Lied ist sozusagen mein "Imagine". Ich glaube nicht, dass die Menschen heute weniger Sehnsucht nach Frieden haben – sie sind leiser. Nur der Rechtspopulismus ist laut.

Macht Ihnen das Angst?

Ich habe keine große Angst mehr vor einer populistischen Rechtsregierung, sollte sie denn kommen. Die neuen Ordnungen, die die hier einführen wollen, werden sicher am österreichischen Chaos scheitern. An der Operette. Schlimm wäre es aber, fünf Jahre diesem Scheitern zuzuschauen.

Das Titellied des Albums, "Schwarzoderweiß", thematisiert Rassismus und den "dummen Hass".

Ich habe Angst, dass europäische Grundrechte ausgehöhlt werden. Flüchtlinge zurückzuschicken, angeblich, um die Schlepperbanden nicht noch mehr zu ermutigen, ist ein Verbrechen, denn man schickt sie in den Tod. Und die Schlepperbanden werden trotzdem weitermachen. Würde ganz Europa Flüchtlinge aufnehmen wie Österreich, Deutschland oder Schweden, wäre das Problem viel weniger groß.

Sie waren früher sehr vorsichtig bei politischen Themen, heute deklarieren Sie sich bereitwillig und offen.

Ich war mir nie so sicher, das Richtige zu tun, wie jetzt. Früher war ich vorsichtiger, ich hatte andere Ziele. Da war der Falco und der Ambros und irgendwo dazwischen ich. Ich wollte Erfolg haben! Manchmal sogar um fast jeden Preis! Jetzt, rund um meinen 60. Geburtstag, habe ich mich gefragt: Brauche ich das alles noch? Jetzt, bei diesem Album – und ich weiß, das klingt komisch und pathetisch – habe ich das Gefühl, dass ich in die interessanteste Schaffensphase meines Lebens komme. Unabhängig vom Charts-Erfolg. Jetzt kommt eine Phase der Ruhe. Und auch des reinen Herzens Irren-Könnens. Ich habe auch nicht mehr so viel Angst, verletzt zu werden.

Das neue Album erscheint am 7. Oktober, also genau am 70. Geburtstag von Georg Danzer.

Das ist ein Zufall ... Ich glaube, das Werk vom Georg ist so stark, dass sein Name immer am Leben bleiben wird. Und ich habe ihn in meinem Herzen.

So blöd das klingt, man fühlt sich betrogen um sein Alterswerk, das noch gekommen wäre.

Er hat sich selber drüber geärgert. Als er mir erzählte, wie es um ihn steht, hat er gesagt: Um wie viele Wuchteln von mir fallt ihr um! Es hat mich beeindruckt, wie er damit umgegangen ist, dass es ihn bald nicht mehr geben wird. Er fehlt, und er hätte in dieser Zeit viel zu sagen, eloquenter, als ich es kann.

Sie waren ein junger Shootingstar – und irgendwann wurden Sie ein bisschen peinlich, infolge öffentlich ausgelebter privater Niederlagen. Es wurde Mode, über Sie zu spotten. Man hat das Gefühl: Das ist vorbei. Man schätzt Sie wieder. Sie sind sogar – zum ersten Mal – auf dem Falter-Cover. Vielleicht wartet jetzt der Kult-Status.

Man muss auch Spott ertragen, das gehört dazu. Es freut mich, wenn ich jetzt als Interviewpartner gefragt bin und manche sagen: Aha, der ist ja gar kein Ungustl! Vielleicht war ich früher wirklich manchmal einer. Ich habe private Katastrophen erlebt, aber künstlerisch hat es immer gut funktioniert. Und ich sage: Alles war notwendig, um heute da zu sein, wo ich bin. Ich will nicht sagen, dass ich in meiner Mitte bin, aber ... ich kann mir nichts anderes vorstellen, als weiter meine Lieder zu singen. Denn alles andere würde mich langweilen.

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