Kultur
16.10.2017

"Räuber" in der Volksoper: Hatschende Angelegenheit

Giuseppe Verdis "Die Räuber" an der Wiener Volksoper – leider in deutscher Sprache.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es ist gut, richtig und wichtig, dass die Wiener Volksoper in Sachen Oper oft auf Raritäten setzt. Und es ist auch mehr als legitim, diese stets in deutscher Sprache (das ist ja ein Credo des Hauses) zu spielen. Aber: Das geht sich leider nicht immer ganz aus.

Aktuelles Beispiel: Die Neuproduktion von Giuseppe Verdis "Die Räuber" in der bekannten Fassung von Hans Hartleb. Egal, welche Sänger man für dieses 1847 uraufgeführte Frühwerk des Komponisten zur Verfügung hat: Auf gut wienerisch gesagt – die ganze Angelegenheit "hatscht" hier mehr als bei anderen Stücken. Vieles wirkt da sprachlich ziemlich banal, hält auch den melodischen Fluss massiv auf.

Dabei hat man im Haus am Gürtel mit Jac van Steen einen Dirigenten, der das Orchester bestens im Griff hat, der Verdis Musik ernst nimmt und sehr um musikalische Konturen bemüht ist. Jac van Steen setzt bei dieser Räuberpistole auf Dramatik, aber auch auf Transparenz, ist in den Arien und Duetten den Sängern ein aufmerksamer Partner und prononcierter Taktgeber. Dass die "masnadieri" (so der italienische Originaltitel) nicht zu den allerbesten Verdi-Opern zählen, machen Dirigent und Orchester in vielen Phasen weitgehend vergessen.

Familiendrama

Wie auch die Sänger bei diesem auf Friedrich Schillers gleichnamigen Drama basierendem Werk alles geben. So ist Vincent Schirrmacher als vom Vater verstoßener Räuber Karl vokal sehr glaubhaft. Analog zum Orchester nimmt der Tenor die Partie sehr schneidig an, setzt vor allem seine exzellente Höhe (vielleicht etwas forciert) ein, um ein glaubhaftes Familiendrama darzustellen.

Als sein intriganter Bruder Franz, der wie auch Karl um die Liebe Amalias ringt, dabei über Leichen geht und den eigenen Vater einkerkern lässt, behauptet sich der Bariton Boaz Daniel stimmlich tadellos. Er zeichnet auch vokal einen prägnanten Charakter.

Gebrochenheit

Dies lässt sich natürlich auch von Kurt Rydl sagen, der als beider Vater Maximilian glaubhafter Auslöser einer Tragödie ist, der seinen profunden Bass auch mahnend-deklamatorisch zur Geltung bringt. Die Gebrochenheit dieser Figur wird in jeder Szene deutlich. Weitaus eindimensionaler agiert da Sofia Soloviy als ihren Karl liebende, Franz hassende, Maximilian verehrende Amalia, deren dramatischer Sopran für diese Rolle recht schwer ist, die aber über die auch notwendige Schärfe verfügt. In den kleineren Partien dürfen sich David Sitka als Hermann und Christian Drescher als Räuber Roller mehr als beweisen. Auch der Chor der Volksoper (Einstudierung: Holger Kirsten) fühlt sich bei Verdi (lautstark) wohl. Und Roland Lindenthal hat bereits zu Beginn ein schönes Cello-Solo auf der Bühne.

Drehungen

Womit wir endgültig bei der Inszenierung – oder was immer das auch sein soll – angelangt wären. Denn Regisseur Alexander Schulin hat einen kleinen, hässlichen, grauen Kubus auf die sonst leere Bühne (Bettina Meyer) gestellt, der auf der Drehbühne vor allem eines kann, nämlich sich drehen und drehen und drehen . . . Dass Schulin für diese Einheitslösung dennoch etliche, dem aktiven Geschehen absolut nicht zuträgliche Zwischenvorhänge benötigt, ist mehr als seltsam.

In diesem Mini-Kubus – er soll die familiäre Welt symbolisieren – spielt sich allerdings (fast) nichts ab. Auch außerhalb dieses Klein-Universums steht händeringendes Geh-und Stehtheater auf der Tagesordnung. Selbst Liebesduette werden da meterweit von einander entfernt gesungen; eine echte Personenführung ist in diesem Ambiente selten auszumachen.

Und auch die marodierenden Räuber können in an "Tanz der Vampire" gemahnenden Kostümen (Bettina Walter) keine Gefährlichkeit ausstrahlen; fast gemächlich wird das Haus des alten Grafen Moor geplündert, werden zuletzt Versatzstücke des Kubus auseinandergenommen.

Irgendwann wird der böse Franz hier dann vom eigenen Vater (man hat eine Rolle eingespart) ins Jenseits befördert, erhält Amalia den finalen Dolchstoß von Karl, befindet sich alles in szenischer Auflösung. Und irgendwie bleibt der Gedanke, eine semi-konzertante Räuberpartie gesehen zu haben. Und das ist dann wiederum doch ein bisschen wenig.