Publikumslie­b­linge und ihre Gräber

Spaziergang am Zentralfriedhof: Zu den Ehrengräbern von Beethoven, Qualtinger, Hans Moser, Curd Jürgens und Falco pilgern die meisten Fans.

"In Wien musst erst sterben", sagte Helmut Qualtinger, „damit’s dich hochleben lassen, aber dann lebst lang." So gesehen ist’s nur logisch, dass das Ehrengrab der Kabarett-Legende auch nach 24 Jahren noch zu den meistbesuchten Grabstätten Wiens zählt. Ein Spaziergang über den Zentralfriedhof zeigt, dass die Lieblinge von einst nicht vergessen sind und gerade in den Tagen vor Allerheiligen von vielen Menschen besucht werden. Der Wiener Zentralfriedhof. Eine der größten Begräbnisstätten der Welt. Drei Millionen Menschen ruhen hier, und der Tod ist so ungerecht wie das Leben. In der Gruppe VI/Reihe 2 liegt ein Mädchen, das mit zwölf Jahren starb, schräg gegenüber ein Mann, der 97 Jahre alt wurde; da ein schlichtes Holzkreuz, dort eine Marmorgruft. Die in den Ehrengräbern, das sind die Unvergessenen. Die Stadt Wien hat ihnen ein großes Areal beim 2. Tor reserviert, um den Besuch des 1874 eröffneten Friedhofs für die Bevölkerung attraktiv zu machen. Und das ist gelungen, denn die 361 Ehrengräber locken Jahr für Jahr Tausende Besucher an. Während sich die Wiener für Schauspieler und Politiker interessieren, ... ... drängt es die Gäste – ob aus China, Japan oder den USA – zu den Komponisten. 
"Beethoven, ... ...Schubert und Brahms", sagt die Fremdenführerin Gabriele Buchas, die Rundgänge zu den Ehrengräbern organisiert, "werden von den Touristen verlangt, ... ... die Wiener wollen zu Qualtinger, Moser, Curd Jürgens, Theo Lingen. Und die Jungen fragen alle nach Falco." Die Ruhestätten der Legenden liegen meist so dicht beieinander, als stünde der nächste gemeinsame Auftritt unmittelbar bevor. Die Inge Konradi, der Paul Hörbiger und ... ... „da schau her, der Maxi Böhm", ruft eine ältere Dame ihrem Mann zu, der sogleich herbeieilt. Fritz Muliar kam im vorigen Jahr in einem neu angelegten etwas versteckten Seitenweg hinzu. Gleich ums Eck – in "großer Koalition" um die Gruft der verstorbenen Bundespräsidenten gruppiert – ruhen in schöner Eintracht der "rote" Kreisky ... ... und der "schwarze" Julius Raab, ganz nahe von ihren Weggefährten Anton Benya, Rudolf Sallinger und.. ... Helmut Zilk, dessen Grabstein der Bildhauer Hans Muhr geschaffen hat.
Die Besucher der Ehrengräber wollen Geschichten hören. Da geht’s weniger um die Werke der Verblichenen, als darum, "dass der Strauß-Schani sehr eitel war und bis zuletzt seinen Schnurrbart schwarz färbte", oder "dass er sieben Mal verlobt und drei Mal verheiratet war". Fremdenführerin Gabriele Buchas verrät auch, dass Beethoven und Schubert ursprünglich in Währing lagen, später aber exhumiert wurden und heute am Zentralfriedhof beerdigt sind. Und dass viele Besucher fälschlich glauben, Mozart sei am Zentralfriedhof, doch er wurde in St. Marx begraben. Tatsächlich am "Zentral" ist sein Gegenspieler Salieri, "das finden die Teilnehmer der Führungen spannend". Bei den Komponisten treffen wir den Wiener Franz Haberhauer, der gerade dabei ist, seine Frau in die Geheimnisse der Ehrengräber einzuweihen. „Sie ist gebürtige Dänin, ich zeige ihr die Grabstätten der großen Österreicher.“ Ehefrau Henriette ist stolz, eben die Ruhestätte ihres Landsmannes, des Ringstraßen-Architekten Theophil Hansen, entdeckt zu haben. Für sie sind die Ehrengräber „eine Attraktion, wie wir sie in Dänemark nicht kennen“. Große Friedhofsflächen, die den Unsterblichen gewidmet sind, finden sich auch in Berlin und Paris, ... 

Das Grab des Rock-Poeten Jim Morrison (The Doors) am Friedhof Père Lachaise, Paris. ... und die Hollywoodstars von Marilyn Monroe bis Jack Lemmon sind auf dem Pierce Brothers Memorial in Beverly Hills versammelt – neben ihrem Meisterregisseur Billy Wilder, der in seinen Grabstein die legendären Worte aus "Manche mögen’s heiß" meißeln ließ: "Nobody’s perfect." 

Marilyn Monroes Grab in Los Angeles. "Playboy"-Gründer Hugh Hefner hat sich das Grab neben neben ihr gekauft: "Wer will nicht bis in alle Ewigkeit neben Marilyn liegen?" Die Führungen am Wiener Zentralfriedhof beginnen im jüdischen Teil, wo Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg, Gerhard Bronner und der Neurologe Viktor Frankl vereint sind. Einzelne Ehrengräber finden sich auf anderen Friedhöfen, wie das des Ehepaares Paula Wessely–Attila Hörbiger in Grinzing, das des Philosophen Sir Karl Popper in Lainz und das von Heinz Conrads in Hietzing. Witwe Erika Conrads ist "gerührt, dass nach so vielen Jahren immer noch Leute kommen, die Blumen, Kerzen und Laternen auf sein Grab stellen". Vergeblich fragen Touristen hingegen immer wieder nach den Gräbern von Sigmund Freud (er ruht in London), Herbert von Karajan (Salzburg-Anif) und Romy Schneider (Boissy bei Paris). Erst wann’s aus wird sein singt man freilich nur in Wien, wo eine ganz eigene Beziehung zum Tod herrscht. Touristen wollen alles um die Bewandtnis der "schönen Leich’" wissen. Deren Ursprünge, meint die Fremdenführerin Gabriele Buchas, "reichen zurück bis ins Mittelalter, als die Friedhöfe noch mitten in der Stadt lagen, wodurch die Wiener ständig mit dem Tod konfrontiert wurden". Weitere Gründe seien der Jahrhunderte lang gepflegte Begräbniskult der Habsburger und die zu Schwermut neigende slawische Seele vieler Wiener.
Die Lieblinge von einst sind nicht nur am Zentralfriedhof vereint, sondern auch im Wienerlied: "Vielleicht gibt’s im Himmel a Wiener Café, vielleicht rennt dort oben a himmlischer Schmäh. Der Grünbaum, der schreibt mit´n Farkas an Sketch, der Sindelar spricht mit´n Sesta von an Match. Beim Mokka erzählt noch der Armin Berg Witz, die reißen den Sima und Imhoff vom Sitz, der Moser, der nuschelt und sorgt für Gaude. Vielleicht gibt´s im Himmel a Wiener Café." 
Tja, wer weiß.

Carl Ritter von Ghega, der Erbauer der Semmeringbahn, ruht pompös am Zentralfriedhof
(kurier / Georg Markus, tem) Erstellt am
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