Kultur 12.05.2018

TV-Tagebuch von Guido Tartarotti: Popo Popo Popo

Cesar Sampson gab im ESC-Finale alles. © Bild: AP/Armando Franca

Song Contest: Das Protokoll einer Beinahe-Sensation. Obacht, streng unernst gemeint!

Und am Ende war dann eh alles wurscht. Weil Österreich gewann die Bronzemedaille, lag bei der Jury-Wertung sogar voran, Bravo, Herr Sampson!

Das Problem im Leben ist ja oft: Die Dinge fangen nie einfach an. Vor dem Anfang steht immer der Voranfang und davor der Vorvoranfang. Besucher von Kinos, wichtigen Restaurants oder Fußball-WM-Eröffnungsfeiern wissen, wovon die Rede ist. Und tatsächlich sieht die Flaggenparade zu Beginn aus wie die Eröffnungszeremonie der EM im Portwein-Wettsaufen (was das Ganze vielleicht eh ist).

In Lissabon übernehmen heuer vier hochfidele Damen die Aufgabe, den Abend zu moderieren, und dabei dem Rest der Welt zu beweisen, warum Portugal zwar für traurige Musik (Fado!) berühmt ist, nicht unbedingt aber für Kabarett und Comedy. Oder kennen Sie einen portugiesischen Alfred Dorfer oder wenigstens einen portugiesischen Mario Barth? Ok, lassen wir das besser.

Auffällig ist, dass es jedes Jahr mehr Moderatoren gibt. Reichte früher oft ein halber Moderator, oder einer moderierte gleich drei Song Conteste simultan, sind es jetzt schon vier, und schon bald wird, wenn zum Beispiel einmal San Marino oder Malta gewinnen, die gesamte dortige Bevölkerung auf der Bühne stehen.

Die Lustigsten fehlen

Beklagenswert auch heuer: Viele der lustigsten Beiträge schieden in den Semifinali aus (schieden aus … klingt irgendwie nach Stoffwechsel…). Zum Beispiel die Rumänin, die eigentlich Turnerin oder Polizistin werden wollte, dann aber doch Sängerin wurde – man wäre froh, würden einige den umgekehrten Weg gehen. Oder der Weißrusse mit den weißesten Zähnen seines Landes – der Dr. Best von Minsk. Oder die Kroatin, eine ehemalige „Dancing-Stars“-Teilnehmerin ihres Landes – das wäre so, als würden wir Rainer Schönfelder oder Biko Botowamungo zum ESC schicken, oder Petra Frey …. Moment, die war ja wirklich!). Oder der griechische Beitrag mit einer beeindruckenden Nebel-Show, für die die 100 stärksten Raucher Kretas engagiert wurden. Oder der Pole, der fast Eishockey-Profi geworden ist und bei dem man sich wünscht, er wäre fast Sänger geworden. Oder die Lettin, die pantomimisch das Telefonbuch von Riga darstellte, das Lied handelte von den Buchstaben X und Y und ihrer Einsamkeit…

Moment, jetzt geht es ja doch schon los, das hätten wir jetzt fast verpasst! Also:

1. Ukraine

Er heißt Melovin, was an sich ein klassischer Name für einen DSDS-Kandidaten wäre, der sich Bohlen als Joker aussucht und dann genau an dessen Nein scheitert. Seine Hobbys sind, tatsächlich, seine Katze und das Entwickeln von Parfüms. Seine Darbietung beginnt damit, dass er einem Sarg entsteigt, worauf das Licht in der Halle abgedreht werden muss, weil er sonst zu Katzenfutter oder Parfüm zerfällt. Aus dem Sarg wird dann übrigens ein Klavier und danach ein Lagerfeuer. Naturgemäß, würde Thomas Bernhard jetzt sagen. Im Vorfeld hat er gesagt, er habe keine Angst vor dem Scheitern, und genau so klingt das Lied.

2. Spanien

Eine vertonte Schulabschlussball-Romanze, die zu einer Schwangerschaft führt, weswegen er (er heißt übrigens wirklich Alfred!) seinen Plan, mit einem Segway auf den Mount Everest zu fahren, aufgeben muss, und einen Job als Bilanzbuchhalter annimmt. Wenn beide betrunken sind, versuchen sie sich zu erinnern, wie das Lied damals ging, wissen es aber nicht mehr. Ganz ehrlich: SO fad ist auch schon eine Kunst.

3. Slowenien

Der Text ihres Liedes setzt sich kritisch mit den leeren Versprechungen der Werbung auseinander, sie wirkt dabei, nicht ohne Logik, wie eine Mischung aus Hausgeist Mia und Schärdinand. Der Refrain des Liedes lautet offenbar " Popo Popo Popo Popo", weswegen die Damen auf der Bühne hinten nicht viel anhaben. Wo blieben wir ohne die Logik?

4. Litauen

Litauen hatte, wurde im Vorfeld erklärt, das langwierigste Vorausscheidungsverfahren aller Länder, mit mehr als 50 (!) Teilnehmern. Es dauerte 45 Jahre, und wer am Ende noch am Leben war, durfte nach Portugal fahren. Aus diesem Grund heißt das Lied auch „When We’re Old“, und deshalb singt sie es auch auf dem Boden sitzend, weil die Kraft fürs Stehen nicht mehr reicht.

5. Österreich

Das beste österreichische ESC-Lied der Welt des Jahres. (Über seine offenbar aus Haushaltsfolie gefertigte Oberbekleidung und den Windelhosen-Schnitt seines Beinkleids reden wir ein anderes Mal.)

6. Estland

Ihr Lied heißt „La  Forza“, aus dem Estnischen übersetzt bedeutet das „Bitte entschuldigen Sie den strengen Geruch, aber ich habe gestern drei Teller Bohnensuppe gegessen“. Aus diesem Grund hat man ihr ein extrem großes Kleid angezogen, unter dem die gesamte Bevölkerung Estlands Platz hätte (was diese aber verständlicher Weise nicht will). Das Lied klingt wie die Zauberflöte, nur ohne Flöte. Und ohne Zauber.

7. Norwegen

Der hat schon einmal gewonnen. Der Text seines Liedes handelt davon, wie man ein gutes Lied schreibt. Die Frage bleibt offen, warum er es dann nicht einfach tut? Singt den schönen Satz „Schubidu schabdab“, und das musste einfach einmal gesagt werden. Außerdem ist er der norwegische Staatsmeister im sympathisch Dreinschauen.

8. Portugal

Es ist jedes Jahr das gleiche: Die Vorjahressieger versuchen alles, um nicht noch einmal zu gewinnen (und niemand hat das so gut geschafft wie Österreich mit den Makemakes). Eine weitere Austragung könnte sich Portugal nicht leisten, da müssten sie dann die Insel Madeira und den Fußballer Cristiano Ronaldo verkaufen.

9. United Kingdom

Die Art von Tralala-Hopsassa-Pop, der wirklich nur noch in englischen ESC-Vorausscheidungen gibt, wo man immer noch tatsächlich glaubt, Bucks Fizz  (Sieger 1981) würden auch heute noch gewinnen, weil es einfach keine bessere Popmusik gibt. There comes a time for making your mind up... (Die Darbietung wurde von einem Mann gestört, der die Bühne stürmte und ihr das Mikro aus der Hand riss - und ganz ehrlich, SO schlecht ist das Lied auch wieder nicht).

10. Serbien

Der Komponist des Liedes ist im Erstberuf (wirklich) Architekt, und angeblich sind manche seiner Häuser nicht eingestürzt. Die Musik klingt wie ein vertonter Blinddarmdurchbruch. Der Beitrag sieht aus wie die nie gedrehte serbische Fassung von „Herr der Ringe“, in der ein Hobbit in seinem Bart einen magischen Ring suchen muss, den aber nie findet, weil sein Bart mittlerweile die gesamten Südkarpaten zugewuchert hat. Die Bühnenshow macht ein wenig Angst, dass sie versehentlich eine Religion gründen.

11. Deutschland

Eine ergreifende Ballade als Loblied auf das kleine Glück im Familienleben, und er sieht aus wie ein süßes Facebook-Katzenvideo. Radikaler geht es heute eigentlich nicht mehr.

12. Albanien

Der eine  Gitarrist ist tiranischer Jugendmeister im Besitzen einer schlechten Frisur (seine Haare wurden mit einem Bolzenschneider geschnitten). Der andere Gitarrist ist Vizemeister (seine Frisur hat ein Schaf in Fasson gefressen).  Das Lied heißt übersetzt „Sehnsucht“ und handelt vom Wunsch nach einem Haarschnitt. Der Sänger trägt am Unterarm eine auffällige Manschette, diese hat den Zweck, seine 120 Kilo schweren Tattoos am Abfallen zu hindern.

13. Frankreich

Sie sind beide ausschließlich mit körperlangen schwarzen Rollkrägen bekleidet, damit man sie sofort als Franzosen erkennt. Ihr Lied hat einen wirklich ergreifenden Text über ein Baby, das auf einem Flüchtlingsboot geboren wurde - und ist halt leider trotzdem nicht gut.

14. Tschechien

Er hat sich bei den Proben verletzt und betreibt daher statt einer Bühnenshow Haltungsturnen. Er trägt Hochwasserhosen mit Hosenträgern und Mascherl, lebt also im Jahr 1988 und wird sich noch ziemlich wundern, wenn in zwei Jahren die Mauer fällt und Grunge ausbricht. Hat außerdem eine niedliche Schultasche auf dem Rücken und sieht überhaupt so aus, als hätte er darin ein Jausenbrot mit veganer Mettwurst. Aber er ist schon irgendwie ... lieb.

15. Dänemark

Ein Lied über einen Wikinger, der nicht kämpfen will (die Angst vorm Wolf macht ihn nicht froh, und im Taifun ist's ebenso). Leider haben sich die Ideale der Gewaltlosigkeit im Wikingertum damals doch nicht durchgesetzt, weswegen es z. B. auch keinen normannischen Gandhi gibt. Hätte aber, da er nie kämpft und daher sicher viel Tagesfreizeit hat, seinen seit 1200 Jahren wachsenden Bart um ein oder zwei Kilometer stutzen können. Sieht irgendwie aus wie "Game Of Thrones" für Pazifisten.

16. Australien

Hat ein Problem mit ihrem linken Arm, der offenbar seine ganz eigene Bühnenshow macht, zu einem Lied, das nur er hört. Etwa ab der Hälfte des Liedes schließt sich ihm der rechte Arm an. Zum Glück dauert das Lied nicht noch länger, sonst würde jeder ihrer Körperteile seinen eigenen Auftritt einfordern.

17. Finnland

Uniformen und Stechschritt - das Lied ist die Vertonung eines Manövers der finnischen Armee. Sie singt die letzten Töne mit dem Kopf nach unten, was auch schon wurscht ist bei dem Lied. Möglicherweise klänge das Lied aber besser, müsste auch das Publikum mit dem Kopf nach unten zuhören.

18. Bulgarien

Das Lied erinnert an etwas, bei dem man froh ist, dass einem nicht einfällt, was. Sie sehen ein bisschen aus wie die Delegation einer sehr merkwürdigen außerirdischen Lebensform, die gerade intensiv darüber nachdenkt, die Menschheit aus dem Universum zu subtrahieren, und vermutlich in zehn Minuten zur Entscheidung „Ja“ kommen wird.

19. Moldau

Tür auf, Tür zu, blöd dreinschauen, Huch!-Gesicht machen – das Ganze schaut aus wie eine besonders drastisch missglückte Schwank-Inszenierung („turbulente Verwechslungskomödie im bäuerlichen Milieu“) der Wiener Kammerspiele, ca 1977.

20. Schweden

Seine gesamte Familie, hieß es im Vorfeld, besteht aus Künstlern, Mama, Papa, Oma, Geschwister, Onkel, sogar der Hund singt in seiner Freizeit Madrigale und malt impressionistische Hauptwerke nach Zahlen. Schade eigentlich, dass der einzige, der kein Künstler ist, zum ESC geschickt wurde.  Er sieht aus wie die Ikea-Version von Justin Bieber (Justin Bladhult? Justin Leksvik?), nur dass mindestens drei Schrauben fehlen.

21. Ungarn

Eine von Viktor Orban persönlich zusammengestellte Heavy-Metal-Band, die übers Sterben singt. Sind quasi die Rammstein von Budapest und klingen auch ganz genauso. Werden nach dem ESC an der ungarischen EU-Außengrenze eingesetzt, wo sie Flüchtlinge mit Gitarrensoli in die Flucht schlagen sollen.

22. Israel

Leidet zu Beginn unter offenbar sehr schmerzhaftem Schluckauf, es stellt sich in weiterer Folge allerdings heraus, dass der Schluckauf das Lied (und tatsächlich sehr schmerzhaft) ist. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Björk, Beth Ditto und Familie Putz. Die Melodie klingt  wie „Seven Nations Army“ von den White Stripes, nur viel schlechter. Aber ganz ehrlich: Die hat die Aura, etwas Besonderes zu sein. Als einzige dieses Abends.

23. Niederlande

Country-Rock aus Holland. Warum nicht? Nächstes Jahr dann tibetanischer Obertongesang aus Polen. Der eine Musiker kämpft einen verzweifelten Kampf gegen seine Gitarre, die offenbar tollwütig und sehr bissig ist. Die Gitarre gewinnt.

24. Irland

Sieht ein bisschen aus wie eine Schulaufführung – bis die beiden Buben beginnen, einander anzuschmachten. Dass sowas heute tatsächlich noch für einen zumindest kleinen Skandal reicht, ist eigentlich unfassbar. Am Ende schneit es ausgiebig, worauf sofort das gesamte ÖSV-Team anreist und mit dem Training für den Super-G beginnt.

25. Zypern

Sie hat wenig an. Und außerdem trägt sie nicht viel. Und was ich noch vergessen habe, zu erwähnen: Es mangelt ihr an Kleidung. Dass sowas heute noch für die Co-Favoritenrolle reicht, ist eigentlich unfassbar. Ihr lustiger Popsch-Tanz sieht ein bisschen aus wie Aqua Aerobic in einem Ferienclub in der Nähe von Larnaka. Nur halt ohne Wasser.

26. Italien

Sie singen gegen den Terrorismus an: "Ihr könnt uns nichts anhaben." Und ohne jede Ironie: Mögen sie Recht haben. Ist doch ein schöner Gedanke zum Schluss, den man nicht verblödeln muss,

Das Leben ist stärker. Rufzeichen!

Der schönste, beste, größte Moment kam nach dem Bewerb: Ist es nicht wunderbar, dass Vorjahrssieger Salvador Sobral (der kürzlich ein Spenderherz bekam) noch da ist, um seine wunderbare Musik für uns zu singen? Was kann wichtiger sein?  Das Leben und die Musik sind stärker als der dumme Tod. Das ist schön. Und zwar nur: schön.

Und dann sang er zusammen mit Caetano Veloso den Siegertitel des Vorjahrs, dieses unendlich verletzliche, besondere Lied, und für drei Minuten war wirklich alles möglich.

Höhere Mathematik

Die Wertung – früher immer der Höhepunkt des ganzen Bewerbes, und zwar nicht nur, weil da keiner singt – ist inzwischen derart kompliziert, dass man für den Mathematik-Nobelpreis in Frage kommt, wenn man den Modus erklären kann. Anders gesagt: Es ist irrsinnig fad. Und dauert irrsinnig lang. Niemand kennt sich aus, niemand gibt das aber zu, ein bisschen wie bei einer zeitgenössischen Regietheater-Aufführung,

Gewonnen hat Israel vor Zypern. Österreich wurde Dritter! Und zwar vor Deutschland (was es noch viel schöner macht).

( kurier.at , guitar ) Erstellt am 12.05.2018