Kultur
16.12.2011

Pompeij - Von Robert Harris

Harris führt durch die Licht- und Schattenseiten des römischen Weltreichs, durch den Alltag von Sklaven und durch die Welt von dekadenten und denkbar grausamen Reichen.

Selten gelang die genretypische Mischung in solcher Harmonie wie beim 2003 erschienenen „Pompeji“: Historischer Roman, Krimi, Katastrophen-Thriller und Liebesgeschichte in einem. Robert Harris erzählt den für das Jahr 79 nach Christus belegten Ausbruch des Vesuvs neu. Aber wie schafft er es, die Spannung mit jeder Seite weiter zu steigern – obwohl man von Beginn an weiß, dass zum Schluss der Vulkan ausbricht? Zunächst einmal packt Harris den Stier bei den Hörnern: Der erste Teil beginnt mit der Überschrift: „22. August, zwei Tage vor dem Ausbruch“. Der britische Autor nutzt das Vorwissen der Lesenden über die Naturkatastrophe, indem er einen dramatischen Countdown beschreibt. Dann stellt Harris vor jedes seiner 21 Kapitel das Zitat eines modernen Vulkanologen, das die sich steigernde Aktivität des Vesuvs umschreibt. Auch diese rein naturwissenschaftlich-kühlen Sätze erhöhen die Spannung erheblich. Als Nächstes konstruiert er einen perfekt eingepassten Subplot, der seinen Protagonisten Marcus Atilius Primus auch ohne Vulkanausbruch in Lebensgefahr bringt. Und schließlich lässt uns der gewiefte Harris bis zur letzten Seite im Unklaren darüber, ob und wer den Ausbruch überlebt.

Atilius ist ein römischer Wasserbaumeister, der nach Misenum, einer Stadt im Golf von Neapel, geschickt wird. Dort soll er die Aqua Augusta, einen großen Aquädukt, reparieren. Sein Vorgänger ist auf mysteriöse Weise verschwunden, der zentrale Wasserspeicher der Stadt versiegt. Atilius eilt zu Plinius, dem Flottenkommandanten von Misenum und großen Gelehrten, der Atilius per Schiff nach Pompeji sendet, wo der Baumeister eine Bruchstelle des Aquädukts vermutet. In Pompeji, einer der reichsten Städte des römischen Imperiums, wird Atilius in Intrigen und Verrat verwickelt – nur knapp entkommt er den Anschlägen auf sein Leben.

Das alles lässt Raum für eine großartige Beschreibung des römischen Lebens: Harris führt durch die Licht- und Schattenseiten des Weltreichs, durch den Alltag von Sklaven und durch die Welt von dekadenten und denkbar grausamen Reichen, die sich – unter anderem – aus Prestigegründen mit Juwelen geschmückte Muränen halten.

Die heimliche Hauptfigur des Romans – eben jener aus vielen Schulbüchern berühmte Plinius der Ältere – trägt sein Übriges dazu bei. Dieser Charakter gelingt Harris grandios: Der Soldat und Naturforscher Plinius scheint einem lebendig zu begegnen. Er ist alt und krank, der frisch gekürte Imperator Titus wird ihn abservieren, und die Probleme mit dem jungen Wasserbaumeister Atilius riechen auch nach Ärger. All das aber wird unwichtig, wenn der Gelehrte Plinius sich mit wissenschaftlichen Problemen auseinandersetzt. Das Universalgenie überliefert der Nachwelt schließlich den authentischen Bericht des Untergangs von Pompeji – was ihn schließlich das Leben kostet.

Robert Harris, Jahrgang 1957, debütierte 1992 mit dem hochgelobten Alternativwelt-Roman „Vaterland“, legte mit „Enigma“ und „Aurora“ zwei ebenso erfolgreiche, während des Zweiten Weltkriegs spielende Spionagethriller nach. Als Nächstes kam dann „Pompeji“, danach ein weiterer historischer Roman, „Imperium“, der den Aufstieg des Redners und Politikers Cicero aus der Perspektive seines Sklaven Tiro erzählt. Der zweite Teil der Romanbiografie Ciceros, in dem es unter anderem um seinen Zeitgenossen Julius Caesar und Ciceros berühmten Rivalen Catilina geht, ist 2009 unter dem Titel „Titan“ erschienen.