Jenny (Emma Bading) und der von ihr erstellte Avatar verschmelzen: Die 17-Jährige gleitet in ein krankhaftes Suchtverhalten ab.

 

© BR/ARD Degeto/Sappralot Producti

Kultur
09/11/2019

"Play": TV-Film thematisiert Spielsucht

Das TV-Drama „Play“ zeigt, wie ein Teenager in die Fantasywelt und Spielsucht abgleitet – am Mittwoch um 20.15 auf ARD.

von Marco Weise

Die 17-jährige Jenny (großartig: Emma Bading) fühlt sich alleine gelassen. Nach dem Umzug in eine andere Stadt sind die alten Freunde weg, die Eltern mit sich selbst beschäftigt und die neuen Klassenkameraden gemein. Daher beginnt Jenny sich nach und nach abzukapseln: Sie baut sich im Jugendzimmer ihre eigene Welt auf. Dabei hilft ihr das Virtual-Reality-Spiel „Avalonia“, ein Paralleluniversum, in dem es keine Gemeinheiten, Zweifel und lästigen Hormonschwankungen gibt – anstatt dem einsamen Nobody ist Jenny plötzlich eine attraktive Kämpferin mit Superkräften.

Das ist die Ausgangslage für das Drama „Play“ (20.15/ARD), bei dem der Regisseur Philip Koch Minute für Minute die Schlinge enger zieht. Der Zuseher wird immer tiefer in Jennys Abwärtsspirale reingezogen. Im TV-Film sieht man, wie eine Sucht verlaufen kann. Dabei tauchen die Zuseher durch Animationssequenzen selbst in das Virtual-Reality-Spiel „Avalonia“ ein, was zunehmend die reale Handlung mit der virtuellen verschwimmen lässt.

„Ich habe diesen Zugang gewählt, damit Zuseher, die überhaupt nichts mit dieser Thematik am Hut haben, nachvollziehen können, welche Magie, welchen Reiz, solche Computerwelten für einen Spieler bereithalten.“ Man ist live dabei, wie Jenny immer weiter in die Spielsucht abgleitet. Bald hängt sie wie ein Junkie an der Nadel.

KURIER: Können Sie sich mit der Gamingwelt identifizieren?
Philip Koch:
Ich bin selbst ein leidenschaftlicher Gamer. Angefangen hat es mit dem Amiga 2000, dann kamen diverse Konsolen – von Super Nintendo über Sega bis hin zum PC, mit dem ich heute noch spiele.

Beruht der Film auf einen wahren Fall?
Ich habe für das Drehbuch mit vielen Spielsüchtigen und Psychiatern gesprochen. Es ist zwar keine Nacherzählung eines einzelnen Falls, aber es gibt wirklich diverse Beispiele, in denen eine Spielsucht in diesem Ausmaß vorhanden ist – inklusive Panik-Attacken und schizophrenen Schüben.

Am Ende dreht die Protagonistin Jenny komplett durch. Ist das nicht etwas überzogen?
Nein. Bei den psychischen Auswirkungen übertreibt der Film keineswegs. Spielsucht ist natürlich etwas anderes als eine Abhängigkeit von einer harten Droge, aber in gewissen Fällen sind die Verhaltensweisen des Spielsüchtigen mit denen eines Drogensüchtigen zu vergleichen.


Und dann setzt der Vater, gespielt von Oliver Masucci, seine Tochter Jenny noch auf einen kalten Entzug…
Das ist auch der Fehler des Vaters, der die Spielfigur seiner Tochter löscht, weil er glaubt, dass damit der Spuk ein Ende hat. Aber das ist wie kalter Entzug. So etwas kann man nicht ohne professionelle Betreuung machen.

Es werden weltweit nicht weniger, sondern immer mehr Suchtkranke. Wie erklären Sie sich das?
Wir leben in eine Leistungsgesellschaft. Die Menschen gieren danach, weil sie es auch nicht anders kennen, für ihre Leistung belohnt zu werden – meist mit Geld, Anerkennung und Ansehen. Es ist aber ein totaler Irrglaube, ein großer Fehler, dass die Menschen sich nur nach ihrer Leistung definieren. Viele Menschen ziehen also ihr Selbstbewusstsein nur daraus, wie viel Geld, Macht und Ansehen sie haben. Diese Leistungsgesellschaft ist ein Resultat des gängigen Erziehungs- und Bildungssystems.