Kultur
20.03.2018

Pierre Richard: "Voll und ganz auf Seiten der Sch’tis"

Frankreichs berühmter Komiker über Politik, Kinder und warum er die Provinz den Parisern vorzieht.

Pierre Richard ist ein Star aus einer Zeit, in der Filme die Kinos noch wochenlang füllen konnten.

Zu Weltruhm kam er als "Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh" (1973). Eine ganze Generation zitierte aus dieser filmischen Farce den Satz "Mach mir den Hengst!" – der übrigens heute noch auf YouTube millionenfach angeklickt wird.

Für Jahrzehnte danach war Richard auf die Rolle des komischen Tollpatschs abonniert. Sehr viel später kam dann auch das Charakterfach hinzu – wie etwa 2003 als Robinson Crusoe.

Mit keiner seiner nachfolgenden Rollen war er aber je wieder so erfolgreich, obwohl sein persönlicher Charme sehr viel besser gealtert ist als seine Filme. Die Jahre seiner Leinwand-Absenz verbringt er auf höchst angenehme Weise. Gemeinsam mit seiner Schwester Véronique betreibt er seit 1986 ein Weingut. Seine Autogramme hinterlässt Pierre Richard seither lieber auf den Etiketten seiner Flaschen.

Doch nun ist der Franzose mit "Die Sch’tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen" wieder im Kino zu sehen (ab Freitag). Und er ist in diesem Film einer von ihnen – einer von diesen Landeiern aus dem Norden Frankreichs, die ihren Dialekt so genüsslich zerkauen wie ihren stinkenden Käse.

So war das 2008 in "Willkommen bei den Sch’tis" und so ist das auch jetzt bei den "Sch’tis in Paris". Der jüngste Streich – wieder unter der Regie von Danny Boon – ist aber keine Fortsetzung im herkömmlichen Sinn, sondern eine Variation jener Culture-Clash-Komödie, die vor zehn Jahren mit über 20 Millionen Kinobesuchern zum erfolgreichsten französischen Film avancierte.

Diese Bestmarke wird der neue Film wohl nicht erreichen – aber das Wiedersehen mit Pierre Richard lohnt sich auf jeden Fall.

KURIER:Sie machen sich nun schon seit Jahren im Kino rar. Sind Sie inzwischen lieber Winzer als Schauspieler?

Pierre Richard: Zum Schauspielberuf bin ich ohnehin nur durch einen Zufall gekommen. Das war, als ich in meiner Jugend Danny Kaye als "Hofnarr" gesehen habe – und irgendwie glaubte ich damals, mich in ihm wiederzuerkennen: Er war blond, er tanzte, er sang, und er spielte Komödien. Und genau das wollte ich auch. Meine Eltern meinten damals, mit diesem Berufswunsch würde ich sicher auf der Straße landen.

Sie sagten einmal in einem Interview: Wenn man nicht gerade so aussieht wie Alain Delon, dann kann man Frauen nur mit Humor erobern. War das bei Ihnen so?

Das habe ich wirklich gesagt? Das kann ich nicht glauben. So etwas habe ich mir nur gedacht und vielleicht auch gehofft – aber ich hätte nie gewagt, das laut auszusprechen. Ich bin so wie in einem meiner Filme: Viel zu schüchtern, aber in Behandlung.

Und wie wirken humorvolle Frauen auf Sie?

Vor geistreichen Frauen gehe ich in Deckung, weil ich sonst noch mehr Komplexe bekomme. (Bemüht sich um einen ernsthaften Gesichtsausdruck). Wenn Frauen Humor haben, dann müssen sie so aussehen wie Marilyn Monroe, damit ich meinen Mut zusammenreiße und sie vielleicht sogar anspreche. Nach der Monroe war ich in meiner Jugend verrückt.

Der erste Film über die Sch’tis machte sich über die Vorurteile lustig, die Großstädter über das Landleben haben. Beim neuen Film ist es umgekehrt. Da machen sich die bodenständigen Provinzler über die versnobten Pariser lustig. Auf welcher Seite stehen Sie?

Voll und ganz auf Seiten der Sch’tis (lacht). Paris ist eine der schönsten Städte der Welt, aber leider leben dort die Pariser – und viele der Vorurteile gegen sie sind berechtigt. Man darf aber nicht vergessen, dass in Paris – so wie in allen europäischen Großstädten – viele der Bewohner gar nicht dort geboren sind. Die meisten Menschen sind aus der Provinz zugezogen, oder sie kommen aus anderen Ländern. Man fragt sich nur, warum dann alle so schnell zu Parisern werden – auch im negativen Sinne. Natürlich ist Paris sehr schnelllebig, alles ist dort stressig und man wird anderen Menschen gegenüber misstrauisch. Das liegt auch daran, weil man in Paris auf der Straße so gut wie nie Bekannte trifft. Auf dem Land und in den kleinen Dörfern braucht man nur aus dem Haus zu gehen, und alles wirkt vertraut. Im kleinen Landgasthaus und -Café teilen die Menschen ähnliche Gefühle und Lebenserfahrungen – und so etwas fehlt in Paris. Das wird in Österreich nicht anders sein.

Welch Rolle spielt für Sie die Politik?

Im Grunde mag ich nur lokale Politiker, die ihre Bodenhaftung noch nicht verloren haben und die auf die Probleme der Menschen ihrer Umgebung eingehen – so wie früher die Arbeiterpriester. Aber je weiter sie auf der Karriereleiter nach oben kommen, je mehr Machtbewusstsein sie entwickeln und je mehr sie glauben, nicht mehr Diener des Volkes, sondern Herrscher zu sein, desto unsympathischer werden sie. Aber Macron und seine Frau mag ich – noch.

Die Erfahrungen der vom Land kommenden Sch’tis mit der modernen Architektur und Kunst in Paris erinnern an die Filme "Mein Onkel" oder "Traffic" von Jacques Tati.

Einige dieser Szenen – vor allem die Dusch-Szene – sind tatsächlich als Hommage an Jacques Tati gedacht. Mit seiner visuellen Komik hat Tati gleichermaßen Kinder wie Erwachsene angesprochen und das war auch mir immer wichtig. Diese Art von visueller Komik ist den französischen Komödien leider immer mehr abhandengekommen, und sie wurden immer geschwätziger. Deshalb habe ich mich dann auch mehr in ernsten Rollen versucht.

Was haben Sie von Ihren Kindern gelernt?

Vor allem habe ich gelernt, dass das Vater sein – im Gegensatz zum Vaterwerden – schwer ist. Vor allem, wenn man ein guter Vater sein will. Meine Söhne habern mir gezeigt, dass man die Welt mit Kinderaugen völlig anders wahrnimmt und Dinge und Menschen ohne Vorurteile so sieht – so, wie sie wirklich sind. Deshalb ist es auch gut, in gewissem Sinne ein Leben lang Kind zu bleiben.

Sie treten am Schluss des Films als Rockstar auf. Wären Sie das auch selbst einmal gerne gewesen?

Jedes Kind träumt irgendwann einmal davon, ein Rockstar zu werden und diese Szene ist ein Zeichen dafür, dass ich das Kind in mir erhalten möchte. Wenn ich einmal sterbe, dann sicher nicht als Erwachsener.

Text: Gabriele Flossmann