© Fotostiftung Schweiz, Winterthur/Pia Zanetti

Fotografie
02/28/2021

Pia Zanetti: "Ich habe keine MeToo-Geschichten"

Sie habe sich von Machos nicht aufhalten lassen, sagt Pia Zanetti im KURIER-Interview. Die Fotografin zeigt ihr Leben in Bildern.

von Marco Weise

Pia Zanetti war dauernd unterwegs: Im Auftrag von Magazinen bereiste sie ab den 1960er-Jahren zunÀchst Europa, spÀter die ganze Welt. Dabei galt ihr Interesse stets den Menschen, denen die Fotografien begegnete.

Einen (kleinen) Einblick in ihr (großes) Schaffen liefert nun eine Ausstellung in Winterthur und ein Buch, das ihr Leben in Bildern zeigt.

KURIER: Welche Fotos zeigt man, welche lÀsst man weg: Wie schwer ist Ihnen das Auswahlverfahren gefallen?

Pia Zanetti: Einen Bildband ĂŒber sein Lebenswerk kann man nicht alleine machen. Zum GlĂŒck haben mir einige Personen dabei geholfen. Zum Beispiel Peter Pfrunder, der Direktor der Schweizer Fotostiftung, und mein Sohn Luca Zanetti, der auch Fotograf ist. Sie hatten auch einen anderen Blick auf meine Arbeit, haben Fotos herausgepickt, die ich selbst nicht genommen hĂ€tte. Zum Beispiel das erste Foto im Bildband, von diesem Jungen, der völlig unbeschwert tanzt. Das war 1960 in der Schweiz, damals war ich 17.

Sie haben zuerst ausschließlich der Schwarz-Weiß-Fotografie hingegeben. Farbfotos sind erst spĂ€ter dazu gekommen. Hat Ihnen Farbfotografie nie so zugesagt?

Das lag an der Zeit. Die Farbfotografie hat sich erst langsam durchgesetzt. Es war in den 60er-Jahren noch sehr abenteuerlich, farbig zu fotografieren, wenn man unterwegs war. Meine ersten Versuche mit Farbfotografie habe ich 1963 in den Straßen von New York gemacht.

Wie sind Sie zum Fotojournalismus gekommen?

Von diesem Beruf habe ich schon als Kind getrĂ€umt. Da aber meine Mutter davon ĂŒberzeugt war, dass ich von der Fotografie nicht leben könnte, musste ich zuerst die Handelsschule absolvieren. Die Fotografie war fĂŒr meine Mutter eine „brotlose Kunst“. Nach der Schule habe ich mir in Basel eine Lehrstelle gesucht. Eine als Frau zu bekommen, war damals sehr schwierig. So ging ich in die Lehre zu meinem 15 Jahre Ă€lteren Bruder. Er war Fotograf und hat mich ausgebildet.

HĂ€tten Sie sonst keine Lehrstelle gefunden?

Nein, denn viele haben mir damals beim BewerbungsgesprĂ€ch gesagt: „Wir brauchen einen Lehrling, aber eine Frau kann ja die ganze AusrĂŒstung nicht tragen.“

Was haben Sie nach der Lehre gemacht?

Ich ging nach Rom. Da war ich zirka 20 Jahre alt. Dort herrschte eine Macho-Gesellschaft. Ich wurde anfangs ziemlich belĂ€chelt. Irgendwann haben sie aber meine Arbeiten gesehen, die in renommierten Publikation veröffentlicht wurden. So wurde ich bald mal ernst genommen. Bis auf diese zu dieser Zeit noch sehr ĂŒblichen Bemerkungen ist mir zum GlĂŒck nie etwas Traumatisches passiert. Ich wollte unbedingt als Fotografin arbeiten, da lasse ich mich nicht von den Machos aufhalten. Ich habe auch zum GlĂŒck keine „MeToo“-Geschichten.

Sie konnten auf Kosten der Verlage die Welt bereisen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese BlĂŒtezeit des Journalismus?

Die damalige Situation war paradiesisch. Mein inzwischen verstorbener Mann war Journalist. Wir haben verschiedenen Redaktionen VorschlĂ€ge zu möglichen Reportagen gemacht. Die meisten davon wurden auch angenommen. Danach holten wir uns einen Vorschuss und gingen damit auf die Reise. Nachdem sich die Situation in den Verlagen nach und nach verschlechterte, ich trotzdem auf Reisen gehen wollte, habe ich begonnen, fĂŒr Hilfswerke zu arbeiten. Das war zwar schlechter bezahlt, aber dafĂŒr konnte ich weiter die Welt bereisen.

Heute wollen und können Verlage kaum noch viel Geld fĂŒr solche aufwĂ€ndigen Recherchen ausgeben. WĂŒrden Sie jungen Menschen dennoch zur Fotografie, zum Journalismus raten?

Ich wĂŒrde jedem Menschen raten, dem nachzugehen, was in ihm brennt. Man muss das machen, was man wirklich machen möchte, auch wenn es hart ist. Ich habe, wie bereits gesagt, einen Sohn, der selbst Fotograf ist. Und ich sehe genau, wie schwierig es fĂŒr ihn ist. Aber man darf einfach nicht aufgeben. Es gibt zum GlĂŒck ja auch einige Möglichkeiten, um seine Vorhaben zu realisieren: Es gibt Wettbewerbe, Möglichkeiten, an ein Stipendium zu kommen. Aber man braucht natĂŒrlich eine dicke Haut.

Sie haben viel von dieser Welt gesehen. Gab es Reportagen, die Sie nicht mehr losgelassen haben?

Die ersten Arbeiten in den 60er- und 70er-Jahren waren gesellschaftlich und politisch sehr spannend. In den USA gab es zahlreiche AufstĂ€nde der afroamerikanischen Bewegung, dann waren da auch noch die vielen Streiks der Landarbeiter. Mein Mann und ich waren zu dieser Zeit viel in den USA unterwegs und haben zahlreiche Reportagen nach Europa geschickt. Es war hin und wieder gefĂ€hrlich, aber den grĂ¶ĂŸten Schock hatte ich in SĂŒdafrika. Ich war zwar informiert ĂŒber die Apartheidpolitik – sie war auch das Thema unserer Reise. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese Politik so perfide war. Ich war erschĂŒttert darĂŒber, was ich sah.

Was sahen Sie?

Diese strickte Rassentrennung war fĂŒr mich nicht vorstellbar. In der Metzgerei gab es Fleisch fĂŒr Weiße und Schwarze. Das Fleisch fĂŒr Schwarze waren FleischabfĂ€lle, die man bei uns nicht einmal an Hunde verfĂŒttert hĂ€tte. Auch im Spital gab es Rassentrennung, jedoch wurden schwarze Organe in weiße Körper transplantiert. Die Ungerechtigkeit kannte keine Grenzen. Das hat mich sehr geschockt.

In Ihren Bildern menschelt es. Landschaftsaufnahmen sind kaum zu sehen. Hat Sie das nie interessiert?

Ich habe auch Landschaftsfotos gemacht, aber ich hatte nie die Geduld, im Wald zu warten, bis der richtige Vogel vorbeifliegt. Außerdem war und bin ich einfach mehr von Menschen fasziniert.

Pia Zanetti - die Weltentdeckerin
Die 1943 in Basel geborene  Fotografin bereiste mit ihren Kameras die Welt. Zanettis Linse fokussierte dabei vor allem auf soziale und politische Themen. Ihre auf der Straße,  in Krisengebieten oder AlltagsbeschĂ€ftigungen   gesammelten EindrĂŒcke lĂ€sst die Grande Dame des Schweizer Fotojournalismus  nun in einem Bildband (siehe Buchcover rechts) und einer  Ausstellung  (ab  2.  MĂ€rz in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur) Revue passieren. 

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