Philippe Claudel: Der Strudel-Atlas muss warten – wegen Trump
Philippe Claudel ist mit dem Auto gekommen. Über neun Stunden dauert die Fahrt aus der Kleinstadt Dombasle-sur-Meurthe in Lothringen bis nach Wien, anschließend geht es weiter nach Budapest und Bratislava. Der Autor und Filmemacher reist durch das Herz Europas. Er kennt Österreich seit der Kindheit und hatte längst vor, die kulinarischen Besonderheiten der Gegend literarisch zu weihen. Einen Strudel-Atlas will er schreiben.
Nun ist ihm die Politik dazwischen gekommen – in Person von Donald Trump. Claudel hat ihm ein Buch gewidmet. „Wanted“ ist eine Farce, soweit es möglich ist, eine Farce über Trump zu schreiben. Denn eine solche riskiert täglich, von der Wirklichkeit übertrumpft zu werden. „In den ersten Monaten nach Trumps Amtsantritt fühlte ich mich als Schriftsteller überrumpelt. Die Realität übertraf die Fiktion. Dass Grönland, Kanada und Panama zu den USA gehören müssten – das hätte niemand schreiben können!“
Ganz überholt hat die Realität die Literatur noch nicht. Es ist noch ein wenig Platz für Imagination. In Claudels hundsgemeiner, temporeicher Satire werden Böslinge der Weltpolitik in Wildwestmanier einfach umgelegt, und ja, die Vorstellung, einer wie John Wayne hätte Trump spielen können, gefällt dem Filmemacher, wie er im Gespräch mit dem KURIER sagt.
Leider zeitlos ist dieses Buch insofern, als dass es hier um üble Menschentypen an sich geht: „Heute heißen sie Trump, Musk, Putin, aber ich glaube grundsätzlich, dass es solche Männer weiterhin geben wird. Diese Männer mit einem überdimensionierten Ego und einem völligen Fehlen jeglicher Selbstkritik.“
Männer mit großem Ego gibt es auf allen Seiten des politischen Spektrums, von ganz rechts bis ganz links. In Frankreich ist etwa der Volkstribun Jean-Luc Mélenchon mit seiner Partei „La France Insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“) ein Star der Linken. Und schafft es, auch viele Literaten in seinen Bann zu ziehen. Was Philippe Claudel etwas ratlos macht.
Der große Irrtum
Warum begeistert sich etwa Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux für einen derartigen Populisten, der immer wieder mit antisemitischen Wortmeldungen auffällt? Claudel, der auch Präsident der Goncourt-Jury ist, des wichtigsten französischen Literaturpreises, seufzt. „Dass sich französische Intellektuelle irren, ist keine Neuigkeit. Erinnern Sie sich etwa, wen Jean-Paul Sartre unterstützt hat? Leute wie Stalin und Mao. Frankreichs Intellektuelle haben sich so gut wie immer geirrt.“
Und Annie Ernaux? Claudel hat sie 2022 dem Nobelpreiskomitee vorgeschlagen. „Das Nobelkomitee schickt immer schon Ende Dezember ein offizielles Schreiben an die Académie Goncourt, wo wir gebeten werden, ein oder zwei Namen zu nennen, die für den Literaturnobelpreis infrage kämen, und fordert uns auf, unsere Wahl zu begründen. Ich war jahrelang der Meinung, dass das Werk von Annie Ernaux wirklich interessant ist. Also schlug ich sie vor. Es ist anzunehmen, dass ich nicht der Einzige war. Ich war sehr glücklich, dass sie den Nobelpreis bekam. Dann allerdings ist etwas passiert, was mit vielen Menschen in einer solchen Situation passiert. Eine übermäßige Medienpräsenz. Man fragt sie ständig nach ihrer Meinung zu einfach allem. Und Annie Ernaux hat sich sofort als Unterstützerin von La France Insoumise zu erkennen gegeben. Das ist bestürzend, wenn man die Standpunkte dieser Partei betrachtet. Ich wünschte mir, sie würde dazu schweigen. Glücklicherweise haben wir seit Längerem nichts von ihr dazu gehört und auch andere Unterstützer wie Édouard Louis haben sich in jüngster Zeit zurückgehalten.“
Die politischen Debatten
Einen Moment lang liebäugelte auch Nicolas Mathieu, der 2018 den Prix Goncourt für seinen Roman „Wie später ihre Kinder“ gewann, mit Mélenchons Partei. Dass er zugleich eine Beziehung mit einer monegassischen Prinzessin führte, was so gar nicht mit linkspopulistischer Weltanschauung zusammenpasste, brachte ihm viel Häme ein.
Apropos: Wie wichtig ist die Weltanschauung eines Autors für einen Preis wie den Prix Goncourt? Schließlich spielt anderswo in der Kunstwelt, insbesondere im Film, mitunter auch eine bestimmte Art von gesinnungsopportunem Wohlverhalten eine Rolle. Zuletzt wurde Berlinale-Präsident Wim Wenders arg dafür kritisiert, als er sagte, man möge doch bitte die Politik draußen und stattdessen Filme für sich sprechen lassen.
Darüber, meint Claudel, werde beim Prix Goncourt heutzutage gar nicht diskutiert. Skandale hat es genug gegeben in der langen Geschichte des Preises, etwa, als dem Autor Romain Gary das eigentlich Unmögliche gelang, nämlich gleich zweimal zu gewinnen, das zweite Mal unter einem Pseudonym.
Aber politische Debatten, nein, die gäbe es nicht, sagt Claudel. „Manche Debatten verlaufen hitzig, weil jeder von uns versucht, seinen Standpunkt und seine Lieblingsbücher zu verteidigen. Ich bin zum Beispiel wirklich dagegen, den Goncourt-Preis gleich für einen ersten Roman zu vergeben, es ist immerhin der prestigeträchtigste Preis des Landes. Aber im Allgemeinen läuft es gut. Es ist vor allem die Presse, die gerne künstliche Aufregung hineininterpretiert. Da wird dann schon ein halbes Jahr vor der Preisvergabe über mögliche Gewinner spekuliert.“
Frankreich ist ein Land, in dem Literatur nach wie vor einen enormen Stellenwert hat. „Mich begeistert es, dass unser Land noch in der Lage ist, einen Literaturpreis kontrovers zu diskutieren und diesem Thema Raum zu geben. Je mehr über den Goncourt diskutiert wird, selbst wenn es negativ ist, desto glücklicher bin ich als Präsident.“
Als Filmenmacher allerdings kennt Claudel sie nur zu gut, diese Preisverleihungen, wo Leute das Wort ergreifen, um über Dinge zu sprechen, die nichts mit dem Kino zu tun haben. Da wird dann etwa über Gelbwesten gesprochen, aber auf künstlerische Aspekte vergessen. „In der Literatur sind meine idealen Bücher die, die beides miteinander in Einklang bringen: Die künstlerisch überzeugen und zugleich unsere heutige Realität beleuchten.“
Philippe
Claudel:
„Wanted“. Übersetzt von M. Millischer.
Müry Salzmann. 112 S., 19 Euro