Autor Stefan Kutzenberger: „Der Kutzenberger hätte in die Hölle müssen“

Der oberösterreichische Autor Stefan Kutzenberger über Lob und Tadel, den er von einem Nobelpreisträger einstecken musste, über abergläubische Schriftsteller und über seinen neuen Hans-Christian-Andersen-Roman.
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Bob Dylan gegen Donald Trump. Dazwischen ein verträumter Anti-Held namens Stefan Kutzenberger.

Der Plot von Stefan Kutzenbergers vor sechs Jahren erschienenem Roman „Jokerman“ war schräg, das Buch trotzdem oder gerade deshalb ein Erfolg. Insgesamt drei Romane widmete der Autor Kutzenberger seinem Protagonisten Kutzenberger und dessen erstaunlichen Erlebnissen.

„Das war leicht zu schreiben, denn mein Protagonist teilte biografische Details mit mir und erlebte außerdem allerhand Abenteuer“, erzählt der Autor im KURIER-Interview. „Aber nach drei Romanen habe ich gedacht, ich kann nicht immer nur Kutzenberger-Romane schreiben. Im dritten Band „Kilometer Null“ habe ich den Kutzenberger umgebracht. Erschossen. Es war eines der beglückendsten Schreiberlebnisse meines Lebens. Psychotherapeutisch ist das interessant. Im letzten Kapitel steht Kutzenberger dem lieben Gott gegenüber. Dafür habe ich mir von László Krasznahorkai, dem Nobelpreisträger, einiges anhören müssen. Er hat das Buch gelesen und mir geschrieben, es sei super, aber der Kutzenberger hätte in die Hölle müssen.“

Für den echten Kutzenberger folgte dann tatsächlich so etwas wie die Hölle.

Die Hölle für einen Autor besteht aus der Angst, ihm könnte nichts mehr einfallen. „Ich hab gedacht, das war’s jetzt. Man darf halt keinen Autor ungestraft umbringen. Ich bin abergläubisch, ich hielt meine Schriftstellerkarriere für beendet.“ Es ist ihm dann doch wider etwas eingefallen. Ein Briefroman, basierend auf der Freundschaft zwischen dem Dichter Hans Christian Andersen und Henriette Wulff, einer klugen Salonière und Admiralstochter, die dem Dichter zur lebenslangen Freundin wurde.

Mit 53 entschloss sich Henriette Wulff, ihre Heimat Dänemark hinter sich zu lassen und auszuwandern. An Bord des Dampfschiffs „Austria“, das sie nach Amerika bringen sollte, brach am 13. September 1858 auf offenem Atlantik ein Feuer aus. Der Untergang der Austria war die größte Schifffahrtskatastrophe des 19. Jahrhunderts, heute ist dieses Unglück weitgehend vergessen.

Kutzenberger stieß beim Kuratieren einer Ausstellung auf die Tragödie und wusste gleich: Sie wird zum Zentrum seines neuen Romans – dessen Held Hans Christian Andersen statt Stefan Kutzenberger heißen sollte.

Die Liste der Lebenden

Der Roman „Die Liste der Lebenden“ beginnt nach der Katastrophe: Henriette treibt auf einem Floß im Meer und schreibt einen letzten Brief an ihren Freund, während er daheim in Dänemark an seine „liebe schwesterliche Freundin Jette“ schreibt.

Den tatsächlichen Briefwechsel zwischen Andersen und seiner Freundin gibt es, er wurde in den 1950er-Jahren auf Dänisch veröffentlicht, ist aber nicht sehr bekannt.

Von Wulff ist historisch nicht annähernd so viel überliefert wie von ihrem Freund Andersen. Man weiß, sie lernten einander mit 17 kennen. Der junge Dichter gab im Salon ihres Vaters ein etwas ungelenkes Debüt als Vortragender der eigenen Kunst. Vater Wulff war nicht sonderlich beeindruckt, Henriette aber überzeugte ihn, zum Förderer des später weltberühmten Schriftstellers zu werden.

Eigentlich wollte Kutzenberger einen historischen Roman schreiben. „Ich habe viel recherchiert und versucht, mein ganzes Wissen einzuarbeiten. Beim Wiederlesen fand ich das fad. Also habe ich sehr viel weggelassen und einen Briefroman daraus gemacht.“ Einen lebendigen, ganz und gar nicht faden Roman, erzählt in zwei Geschwindigkeiten.

Da die muntere Henriette, dort der zeitlebens verkrampfte Andersen, der mit 14 nach Kopenhagen gekommen war, um sich am Theater als Schauspieler, Sänger und Tänzer zu bewerben. Er wurde überall abgelehnt. Auch die Dichterkarriere begann holprig, denn schon damals brauchte es Selbstmarketing, um in den großen Literatursalons zu reüssieren.

Andersen und Wulff blieben einander immer verbunden. Ja, da war auch so etwas wie Liebe. Platonische Liebe. „Andersen war sein Leben lang verliebt. In Frauen, in Männer, in die Natur. Erotik gab es keine“, ist sich Kutzenberger sicher. „Er hat gesagt, wenn er als Autor berühmt werden will, darf er nie seine Unschuld verlieren. Nur, wer mit dem Blick eines Kindes auf die Welt schaut, schafft es, sie in Literatur zu verwandeln. Diesen etwas theoretischen Pakt hat er sein Leben lang eingehalten.“

Auch diesmal verbindet Kutzenberger einiges mit seinem Protagonisten. Vor allem der Glaube an die Literatur: „Andersen war eitel und selbstzentriert, aber nicht in der Literatur. Er konnte sich in alles hineinfühlen.“

Herbe Enttäuschungen

Der Glaube an die Literatur war es auch, der den Autor und Literaturwissenschafter so manches desillusionierende Erlebnis der Literaturbranche verdauen ließ. Fix vereinbarte Aufträge wurden zurückgezogen, Kutzenberger erlebte einige herbe Enttäuschungen. Existenzsichernd waren Lehraufträge am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien sowie in Indonesien, wo der gebürtige Linzer familiäre Wuzeln hat. „Literatur war für mich mein ganzes Leben lang magisch. Sie war das, woran ich geglaubt habe und was ich gespürt habe. Plötzlich wurde sie zur Ware. Plötzlich hat man nicht mehr über Literatur gesprochen, sondern über Geld. Das hat mich desillusioniert, etwas ist in mir zerbrochen. Beim Wiederlesen meines Romanes habe ich gemerkt, dass es darin eigentlich genau darum geht: Dass man diesen Glauben an die Literatur wiederfindet. Dass die Literatur magisch ist. Literatur kann die Realität reparieren.“

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Stefan Kutzenberger:
„Die Liste der Lebenden“
Picus.  
208 Seiten.
24,95 Euro.