Kultur
30.06.2018

Peter Resetarits: "Schwarz-weiß sind die Dinge selten"

Das ORF-Format "Bürgeranwalt" geht am Samstag (17.30 Uhr) in seine 500. Sendung.

„Das Leben schreibt die unglaublichsten Geschichten“, findet Peter Resetarits. Langeweile komme bei ihm deshalb auch nach mehr als zehn Jahren „Bürgeranwalt“ keine auf. Seit 2007 widmet sich das Format dem Kampf der „kleinen“ Leute gegen übermächtige Obrigkeiten, über 1000 Fälle wurden seitdem behandelt.

KURIER: Welcher war in all den Jahren Ihr außergewöhnlichster Fall?

Peter Resetarits:Einen, der sehr berührend und auch sehr ärgerlich war, hatten wir gleich in der ersten Sendung von „Bürgeranwalt“. Eine junge erfolgreiche Steuerberaterin sitzt im Taxi und wird von einer Straßenbahn gerammt. Sie erleidet einen Querschnitt ganz hoch oben. Dann wurde um Schmerzensgeld und Schadenersatz gestritten: Ist die Straßenbahn Schuld oder der Taxler? Die Frau hat immer wieder geklagt, dass es zu keinem Urteil kommt und die Versicherungen auf Zeit spielen; sie irgendwann einmal stirbt und die Versicherungen sich Geld sparen. Durch die Pflegekosten und den Verdienstentgang lag die geforderte Summe in Millionenhöhe.

Ausgegangen ist die Geschichte vor zwei Jahren damit, dass die Frau wirklich gestorben ist und die Versicherungen offenbar richtig taktiert haben. Die haben gewusst, dass man mit so einem Querschnitt nur circa zehn Jahre überleben kann. Da habe ich die Härte der Versicherungswirtschaft erlebt.

Verliert man da nicht den Glauben in die Menschheit?

(Überlegt) Nein, aber man bekommt manchmal unangenehme Einblicke, wie Dinge ablaufen, wenn es um sehr viel Geld geht. Man bekommt auch Einblicke in Verfahrenstricks und juristische Kniffe, die zu Lasten der Bürger gehen. Und da denke ich mir: Eigentlich bin ich froh, dass ich nicht Anwalt geworden bin und selbst solche Dinge bei Gericht vortragen muss, weil da würde ich mir moralisch ganz schlecht vorkommen.

Plötzlich finden sich Menschen, die man als ganz normal erlebt hat, in dieser Spirale wieder.

Bei den Nachbarschaftskonflikten, die Sie aufgreifen, zweifelt man aber doch manchmal an der Menschheit.

Ja, aber in gewisser Weise muss man auch da Abbitte leisten. Ich habe das selbst in der Nachbarschaft auch schon erlebt, dass sich da so eine Eigendynamik entwickelt. Da versetzt einer einen Zaun, begeht eine Grenzverletzung und dann führt das eine zum anderen. Plötzlich finden sich Menschen, die man als ganz normal erlebt hat, in dieser Spirale wieder. Gerade aus diesen Konflikten habe ich mitgenommen, dass meine Nachbarn sich sehr viel erlauben dürfen, bevor ich irgendetwas unternehme. Ich habe oft genug gesehen, wie man sich das Leben dadurch vermiesen kann.

Werden Sie oft auf der Straße um Rat gefragt?

Ja und üblicherweise empfinde ich das durchaus als ehrenvoll. Es ist manchmal sogar so, dass ich mir denke, der Vertrauensvorschuss, der mir da entgegengebracht wird, ist mir fast ein bisschen zu hoch – zum Beispiel wenn jemand, den ich nicht kenne, die Hose vor mir herunterzieht und mir zeigen möchte, wie schlecht sein Leistenbruch behandelt worden ist. Wo ich mir denke, das könnte aber für Missverständnisse sorgen, wenn da zwei ältere Herren auf der Hütteldorfer Straße stehen und der eine sich den Leistenbruch des anderen anschaut (lacht).

Das ist wirklich passiert?

Ja und wir haben dann Daten ausgetauscht und überlegt, ob der Patientenanwalt zuständig ist, oder ob das ein Fall für uns ist. Es ist eine Ehre, dass ich so eine Sendung präsentieren darf, und da ist es erwartbar, dass die Menschen einem solche Dinge anvertrauen.

Fällt es Ihnen in Ihren Sendungen manchmal schwer, eigene Emotionen zurückzuhalten?

Komischerweise nicht. Es ist eher so, dass mir manchmal sogar mangelnde Empathie vorgeworfen wird. Da erzählen mir meine Redakteure eine Geschichte, von der sie eine Seite gehört haben, und für sie scheint ganz klar, wer Schuld ist. Aber wenn ich etwas gelernt habe aus „Am Schauplatz Gericht“ und „Bürgeranwalt“: Es gibt immer eine Gegenseite, die auch gute Argumente hat und ich fordere auch ein, die anzuhören. Schwarz-weiß-Geschichten gibt es ganz selten.

Info – Jubiläumssendung:

Heute Samstag (17.30 Uhr, ORF2) geht es u. a. um einen Familienvater, der nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Es gilt zu klären, ob die Ärzte die Behinderung  verhindern hätten können. Nachgefragt wird im Fall einer Synchronschwimmerin, die von einem Bus überfahren wurde und jahrelang versucht hat, eine Entschädigung zu bekommen. Am Ende   gibt es einen Rückblick auf die berührendsten Geschichten.