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Kunst
03/07/2019

Performance-Pionierin Carolee Schneemann (79) verstorben

Die US-Amerikanerin erweiterte ab den 1950er Jahren die Malerei hin zu radikaler Körperkunst und beeinflusste Generationen.

von Michael Huber

Wer ein kursorisches Verständnis der jüngeren Kunstgeschichte hat, denkt beim Namen Carolee Schneemann vermutlich an die Werke "Meat Joy" (1964) und  "Interior Scroll" (1975). Für das erstgenannte wälzte sie sich nackt mit Männern, Würsten, Koteletts und gerupften Hühnern auf den Boden. Für das zweite bemalte sich Schneemann im Rahmen einer Performance am ganzen Körper, bevor sie sich dann eine in der Vagina versteckte Schriftrolle aus dem Körper zog. Dass das für viele ein Skandal war, muss nicht extra erwähnt werden.

Doch Schneemann, die am Mittwoch im Alter von 79 Jahren verstarb, war viel mehr als eine wilde Aktionistin, die Generationen an Performancekünstlerinnen von Valie Export bis Tracey Emin inspirierte und mit ihrer Arbeit fest im Kanon der zeitgenössischen Kunst verankert ist. Ausgebildet war die im ländlichen Pennsylvania geborene Künstlerin nämlich als Landschaftsmalerin - und von diesem Startpunkt aus begann sie, Malerei über die Leinwand hinaus zu denken, in Bewegung zu versetzen und in andere Medien zu übertragen. "Kinetische Malerei" war der Begriff dafür, den eine große Retrospektive im Salzburger Museum der Moderne 2015 ausführlich darlegte.

Carolee Schneemanns erweiterte Kunst umfasste den Tanz, den sie als Mitbegründerin des legendären Judson Dance Theater in New York mit avantgardistischen Choreografien zelebrierte. Sie umfasste klassische Malerei, die sie mit ungewöhnlichen Methoden - etwa dem Einsatz von Feuer - erweiterte. Und sie umfasst ein großes Werk von wild wuchernden Material-Assemblagen, die teilweise in Form von Schachteln ausgeführt wurden: Die Anregung dazu kam vom wundersam-genialen Künstler Joseph Cornell, für den Schneemann zeitweise als Assistentin arbeitete und mit dem sie kurz auch ein intimes Verhältnis unterhielt.

Anders als der reichlich verklemmte Cornell zelebrierte Schneemann die Sexualität in ihren Werken ganz offensiv - nicht nur ihr Körpereinsatz bei Performances, auch die Verwendung von Geschlechtsteilen als "Material" für Abdrucke oder Detail-Fotografien zeugen von einer Befreiungsgeste, die vor dem Hintergrund puritanischer Engstirnigkeit provozierte, die Tür für nachfolgende Generationen aber ganz weit aufstieß. Carolee Schneemanns Einfluss - nicht nur für die Kunst, sondern auch für einen neuen Umgang mit Sexualität - kann diesbezüglich kaum hoch genug eingeschätzt werden.