© (c) Susanne Hassler-Smith/Burgtheater/Susanne Hassler-Smith

Kritik
06/13/2021

"Pelléas und Mélisande“ im Akademietheater: Das Leben, ein Trauma

Der symbolistische Klassiker als düstere Missbrauchsgeschichte mit Gameshow-Beimischungen.

von Guido Tartarotti

"Pelléas und Mélisande“ kennt man als Oper von Claude Debussy. Das Drama von Maurice Maeterlinck ist fast vergessen. Vielleicht deshalb, weil uns das 1893 uraufgeführte Stück zu viel Unangenehmes erzählt.

Der gebürtige Belgier war einer der Hauptvertreter des Symbolismus, der Gegenströmung zum Naturalismus. Den Symbolisten ging es nicht um realistische Darstellungen, sondern um innere Welten, Halluzinationen, Märchenszenarien, Andeutungen und Metaphern.

Maeterlinck, der 1911 den Literaturnobelpreis bekam, kannte nur ein Hauptthema: Den Tod, dem der Mensch gnadenlos verfallen ist. Seine Stücke weisen schon nachdrücklich Richtung Samuel Beckett und das absurde Theater.

Tiefenpsychologie

„Pelléas und Mélisande“ ist ein albtraumhaftes Märchen, in dem es von düsteren Symbolen nur so wimmelt – Tiefenpsychologen haben mit dem Stück sicher ihre Freude: Im tiefen Wald einer Insel fällt Mélisande, ein Mädchen ohne Vergangenheit, dem plumpen Prinzen Golaud in die Hände. Er heiratet und schwängert sie.

Während Ringe verloren gehen, Großväter dahinsiechen und Hungersnöte ausbrechen, wird Mélisande von tiefer Zuneigung zu Golauds Bruder Pelléas erfasst. Golaud, von düsteren Ängsten getrieben, tötet seinen Bruder, Mélisande stirbt an einer mysteriösen Wunde.

Im Akademietheater hat sich der Regisseur Daniel Kramer der Geschichte angenommen – und freigelegt, was offensichtlich ist: Das ist eine Missbrauchsgeschichte.

Möglicherweise ist Mélisande in dieser Inszenierung ein (vom Vater?) vergewaltigtes Mädchen, das sich vor dem Trauma in eine Traumwelt geflüchtet hat, wo es aber das schreckliche Geschehen immer wieder neu durchleiden muss.

Sophie von Kessel spielt die Mélisande mit großem Einsatz und beeindruckt als verstörtes Mädchen, das seine verwundbare Seele in eine Puppe ausgelagert hat. In einer groben, völlig aus den Fugen geratenen Welt öffnet sie ihr Herz dem einzigen Menschen, der sich normal benimmt.

Felix Rech gibt diesen Pelléas daher auch konsequenterweise als langweiligen Bravling, der immer davon träumt, seine schreckliche Umwelt zu verlassen, aber nie die Kraft dafür findet.

Rainer Galke ist als grobschlächtiger Golaud mit Riesenhänden und Kreidestimme großartig, er ballert gern mit dem Schießgewehr durch die Gegend, kann aber seinen Ängsten und Wahnvorstellungen nicht entkommen.

Branko Samarovski und Barbara Petritsch (mit Riesenbrüsten und Neigung zum Beten) spielen die Alten, als hätte es sie in eine sehr gute Gebrüder-Grimm-Verfilmung verschlagen.

Fantastisch ist auch Maresi Riegner als Golauds Sohn aus erster Ehe, der hier transsexuell ist, was durchaus zum Text passt.

Klaffende Löcher

Regie und Bühnenbild (Annette Murschetz) halten sich bei den Symbolen nicht gerade zurück: Da klaffen bodenlose Löcher in der Erde, da wird ein bärtiger Mund zur „Vagina dentata“ (laut Freud ein Symbol für Kastrationsangst!) und schließlich zur Grotte, da werden Haare und Hodensäcke mit dem Messer abgetrennt.

Es ist dennoch die Stärke dieser Inszenierung, dass sie das Ungesagte ungesagt lässt (der wesentliche Text dieses Stückes wird ja nie ausgesprochen) und dem Drama nicht das Geheimnis raubt.

Dass die Handlung immer wieder von einer Fernseh-Gameshow unterbrochen wird, welche die Überschriften für das nächste Kapitel liefert, ist hingegen platt und bremst die Magie der Geschichte.

Das Premierenpublikum im Wiener Akademietheater reagierte mit Begeisterung auf diesen ungewöhnlichen, unheimlichen, sehr spannenden Theaterabend.

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