Kultur
23.02.2018

Paulus Manker: Nachruf auf Heinz Petters

Der Theatermacher über den am 6. Februar verstorbenen Publikumsliebling Heinz Petters, der sein Leben jahrzehntelang begleitete.

Die "Nestroyaner" waren eine legendäre Gruppe von Schauspielern, die in den 1970er-Jahren durch jahrelange Zusammenarbeit am Wiener Volkstheater dem Geist Johann Nestroys verpflichtet waren. Regisseur Gustav Manker (Vater von Paulus Manker und legendärer Volkstheaterdirektor, Anm. der Red.) gelang es, mit ihnen einen Aufführungsstil zu entwickeln, der als "Nestroy pur" bekannt wurde. Und Heinz Petters war ihr Protagonist.

Petters läutete mit seiner Gestaltung eine neue Ära von Nestroy-Aufführungen im gesamten deutschen Sprachraum ein, er wurde schnell zur Gallionsfigur des Wiener Nestroy-Ensembles. Er spielte den Diener Johann in "Zu ebener Erde und erster Stock" (1968), Kasimir Dachl in "Heimliches Geld, heimliche Liebe" (1972), Arthur in "Umsonst" (1974), Weinberl in "Einen Jux will er sich machen" (1976), Wendelin Pfriem in "Höllenangst" (1977), Muffl in "Frühere Verhältnisse" (1979) und Willibald in "Die schlimmen Buben in der Schule" (1979).

Ohne Sentimentalität

Sein erstes Meisterstück lieferte Petters zu Weihnachten 1967 in der Posse "Zu ebener Erde und erster Stock", eine Aufführung, die von Friedrich Torberg nach der Premiere als "Theatergeschichte" bezeichnet wurde (sie ist auf DVD erhältlich). Petters spielte einen korrupten Diener und wilden Intriganten und entkleidete die Rolle jeglicher Sentimentalität mit messerscharfem Zuschnitt, in einen Existenzkampf verwickelt, der über Leichen ging. Entscheidend war: Petters spielte den windigsten aller Nestroy-Schufte als hundsgemeinen Kerl, ohne Rücksicht auf Charmeverluste, rasant, zynisch und gemein im Expresstempo, er gierte nicht nach der Sympathie der Zuschauer – etwas, was zu dieser Zeit an keiner anderen Wiener Bühne denkbar war.

Ohne "Finger im Popo"

Er vermied das so genannte "Finger im Popo"-Theater, ein Ausdruck, den Gustav Manker gebrauchte, wenn es um übertriebene Herzigkeit und putzigen Liebreiz ging, wenn Schauspieler in Nestroy-Stücken quasi am Schoß des Publikums saßen und dort um Zuwendung bettelten, aber gefahrlos waren, wahrheitsfremd und oberflächlich. Dies blieb dem Publikum bei Heinz Petters Darstellung immer erspart – und dieses Verdienst kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden. Denn Petters nahm seinen Rollen jede biedermeierliche Färbung, sie wurden von ihm intellektuell zugespitzt und unsentimental präsentiert. Er zeigte den unverspielten, den sarkastisch-satirischen Nestroy, er lebte wahrhaftiges Theater ohne verhübschelnde Eitelkeiten. Im Gegensatz zu infantiler Pointensuche und selbstgefälliger Schlamperei beschrieb Petters in seinen Nestroy-Rollen eine erbarmungslose, unsentimentale, oft verzweifelte Wahrheit.

Petters’ Glanzleistungen fielen mit dem Beginn eines Zyklus zusammen, mit dem das Volkstheater bis dahin wenig oder seit ihrer Uraufführung überhaupt nicht mehr gespielte Nestroy-Werke ausgrub und sie ab 1972 mit Petters als Protagonisten jährlich zu wahren Triumphen führte. Den Beginn machte die Posse "Heimliches Geld, heimliche Liebe" und die Fachzeitschrift Theater Heute zählte die Aufführung zu den "nachhaltigsten Inszenierungen das Jahres" im gesamten deutschsprachigen Raum.

Zu Weihnachten 1974 kam ein Spätwerk Nestroys heraus, die wilde Posse "Umsonst", angesiedelt im Theatermilieu. Petters war der Provinzschauspieler Arthur, an seiner Seite Walter Langer, Rudolf Strobl und Brigitte Swoboda. Die Presse nannte sie "eine Schar entfesselter Komödianten" und urteilte: "Dieses Ensemble ist unter diesem Regisseur mit diesem Dichter unschlagbar!"

Alle Register

Petters nutzte seine Rolle, die das Stück dominiert wie kaum eine andere Nestroy-Rolle, für eine mörderische Tour de Force, in der er atemlos alle seine schauspielerischen Möglichkeiten ausschöpfte. Um seine Angebetete zu erobern, verwandelte er sich in einen spanischen Granden, einen französischen Marquis, einen blasierten Hotelierssohn und einen unverschämten Kellner mit wild gelocktem Blondhaar und Polypen. Petters lispelte und tänzelte (war er doch anfangs Tänzer in Graz), zog alle Register seines Könnens – und wurde dafür prompt mit der Kainz-Medaille ausgezeichnet, dem höchsten Theaterpreis Österreichs.

Mit dem Schauspieler Heinz Petters verliert das österreichische Theater ein unverwechselbares Original, das auch nie der Versuchung erlag, an ein anderes Theater zu wechseln. Er blieb seinem Volkstheater und seinem Publikum ein ganzes Leben lang treu. Und das ist etwas sehr Besonderes.