Kultur
26.03.2017

Regisseur Hermanis: "Wir bewegen uns auf dünnem Eis"

Regisseur Alvis Hermanis versetzt den "Parsifal" zu den psychisch Kranken der Habsburg-Monarchie.

Richard Wagners letztes Werk "Parsifal" bietet einige der schönsten Musikmomente der Operngeschichte. Und die tiefgreifendsten Themen: Erlösung, Mitleid, Heilung. Für die Bühne kein leichtes Werk: "Es war die Intention Wagners, nicht ein Theater-, sondern ein religiöses Erlebnis zu schaffen", sagt der lettische Regisseur Alvis Hermanis. Der wegen seiner Ablehnung der deutschen Willkommenspolitik in die Kritik geratene Regisseur bringt am Donnerstag eine "Parsifal"-Neuproduktion an der Wiener Staatsoper heraus – und sagt dennoch: "Die vielleicht beste Option wäre, diese Oper mit geschlossenen Augen zu hören. Die Staatsoper könnte sich so viel Geld sparen". Hermanis lacht.

KURIER: Sie verlegen den "Parsifal" ins Otto-Wagner-Spital auf die in Wien sprichwörtliche Baumgartner Höhe, zu den psychisch Kranken während der Habsburg-Monarchie.

Alvis Hermanis: Es ist die Aufgabe eines Regisseurs, dem Publikum ein Angebot an Bildern zu stellen. Meine nicht sehr lange Erfahrung als Opernregisseur lehrt mich, dass es eine Mission Impossible ist, alle glücklich zu machen. Manchmal habe ich versucht, die Verfechter auf beiden Seiten zufriedenzustellen. Das war noch schlimmer: Dann waren beide böse auf mich. Ich bin ja kein typischer Regie-Hooligan. Wir bieten eine Zusatz-Perspektive, aber lassen die Basis bestehen.

Die Zusatzperspektive ist wohl: Wien als kultureller Brennpunkt – und als Stadt Freuds, immer an der Grenze zur Psyche.

Es gibt viele Umstände, die hier zusammenpassen. Das damalige Wien war ein Labor für die Moderne, das intellektuelle Zentrum des ganzen Planeten, viel wichtiger als London oder Paris. Es war die Geburtsstunde der modernen Gesellschaft, in der wir bis heute leben. Ich beneide die Menschen, die damals lebten. Es war so eine Intensität auf den Straßen, in den Cafés. Wie im Parsifal, diese Brüderschaft der Ritter, gemeinsam auf der Suche nach dem Gral. Das gibt es nicht mehr. Heute leben wir in einer Gesellschaft der Einsamkeit.

Ist es schwierig, den "Parsifal" auf die Bühne zu bringen?

Die größte Schwierigkeit bei jeder Wagnerproduktion ist: Die Libretti sind einfache Märchen, die man Kindern erzählen könnte, und die müssen auch so einfach auf der Bühne erzählt werden. Aber man muss auch den snobistischen Intellektuellen Stoff geben, die ihre intellektuelle Akrobatik rund um Wagner aufführen wollen. Gerade der "Parsifal" zeigt: Der Intellekt ist nicht genug, man muss auch ein großes Herz haben.

Um Erkenntnis zu erlangen.

Der heilige Gral ist für mich ein Symbol dafür, durch verschiedene Ebenen des Bewusstseins zu reisen. Es wäre nett, aufzuwachen und total erleuchtet zu sein. Aber der ernsthaftere Weg ist, das Bewusstsein zu reinigen, um höher zu kommen. "Parsifal" ist eine Metapher dafür. Amfortas, Kundry, Parsifal stehen für verschiedene Ebenen des Bewusstseins. Aber auch die besten Wissenschafter sagen: Ganz oben ist unser lineares, rationales Denken beschränkt. Man muss andere Dimensionen finden.

Das Mitleid im Parsifal.

Ja, wahrscheinlich. Ich frage mich immer, warum es etwa für Inder leichter ist, ein reines Bewusstsein zu erlangen als für uns aus der westlichen Welt. Ich habe eine politisch nicht ganz korrekte Theorie: Unser Bewusstsein ist so schmutzig, kompliziert, rational, selbstreflexiv, dass wir uns selbst ganz viele Blockierungen geschaffen haben. Auch im "Parsifal" geht es um den reinen Toren, um jemand, der nicht so voller Gedanken-Müll ist. Wir sind auch Wagner gegenüber blockiert. Es ist mein erster Wagner. Meine erste Überraschung war, wie überintellektualisiert dieser Kosmos ist. Vieles ist naiv. Und das ist die absolute Essenz des Wagner-Geistes.

Kundry, die einzige Frau im "Parsifal", ist alles andere als naiv.

Kundry wäre die perfekte Patientin für Sigmund Freud. In unserem Kontext ist sie die perfekte Metapher für die Frau am Anfang der Moderne. Vor 100 Jahren wurden die Frauen nicht als Bürger, nicht einmal als Individuen angesehen. Unglücklicher Weise haben wir jetzt das gegenteilige Problem: Frauen, die ihr Leben der Familie und den Kindern widmen, werden als totale Versagerin dargestellt. Damals aber haben Frauen ihre innere Freiheit, ihre Sexualität, ihren Intellekt befreit. Da herrschte auch große Verwirrung.

Spielt der religiöse Kontext des "Parsifal" bei Ihrer Produktion eine Rolle?

Man kann dem nicht entkommen. Selbst in Wagners Zeiten hatte die Dekadenz des Christentums schon begonnen. Und heute machen sich die europäischen Medien lustig über die gläubigen Polen. Es gibt keinen Respekt vor der Religion als Institution mehr. Ich stelle ja nicht Zeitungsberichte auf die Bühne, unser "Parsifal" ist nicht Donald Trump. Aber vieles ist auf tiefgründigere Ebene mit der Realität verbünden. Etwa, dass eine Gesellschaft, die die Religion ausgelöscht hat, mit Problemen rechnen muss, vor allem demografischen. Die Natur hat einen Mechanismus entwickelt, Zivilisationen loszuwerden, die Religion aufgegeben haben. "Parsifal" dreht sich um versagende Gemeinschaften. Aber wir bewegen uns hier auf dünnem Eis. Moderne Künstler müssen ja ironisch, snobistisch, intellektuell sein. Immerhin leben wir in der Postmoderne (lacht).

Und in Zeiten des Regietheaters, das Sie immer wieder heftig kritisiert haben.

Ich finde, das Theater dreht sich um den Schauspieler. In Wien gibt es das noch, es ist eine gesunde Insel, wo man sich für Schauspieler und nicht nur für Regisseure interessiert. Auch in Osteuropa ist der Theaterbegriff noch ursprünglicher. Anderswo kann sich jeder von der Straße in eine moderne Produktion stellen und passt perfekt hinein. Ich habe eine ganz eigenartige Theorie gelesen über diesen großen Ost-West-Unterschied: Weil die Pest im Westen viel ärger gewütet hat und die Machthaber sich mit der verringerten Bevölkerung gut stellen mussten, wurden die Bürger hier selbstbewusst, alles wurde demokratischer. Im Osten geschah das später. Daher ist auch der Westen viel reicher. Alle diese Flüchtlinge, die nach Lettland kommen, sind nach ein paar Wochen verschwunden. Nach Deutschland. Aber dem Westen nachzustehen ist in Kunst und Theater ein Vorteil: Wir haben immer noch diese Old-School-Übereinkunft zwischen Bühne und Publikum. Wir sind darin so "hintennach" wie ihr in Wien.

Die Neuproduktion

Premiere ist kommenden Donnerstag an der Wiener Staatsoper. Semyon Bychkov dirigiert, als Parsifal ist Christopher Ventris zu hören. Nina Stemme singt die Kundry, Amfortas: Gerald Finley, Gurnemanz: Hans-Peter König.

Der Regisseur

Alvis Hermanis verlegt die Handlung ins Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Im Otto-Wagner-Spital sind Gurnemanz und Klingsor Ärzte. Hermanis geriet 2016 mit seiner Kritik am Hamburger Thalia Theater wegen dessen Arbeit mit Flüchtlingen n die Schlagzeilen,