Kultur
14.10.2017

Paris, Stadt der Dichter & Denker

Von Heine bis Hemingway, von Josephine Baker bis Kiki de Montparnasse: Wer durch die Stadt an der Seine flaniert, entdeckt auf Schritt und Tritt Orte, an denen Literaten und Künstler gewirkt haben.

Ein Rundgang mit Esprit und Verve und einem besonderen Anlass: Frankreich ist Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse.

Schon als der alte Mann noch jung und das Meer ein Fluss war, erlebte Hemingway stürmische Zeiten. „Sagen Sie mir, haben Sie schon vor der Hochzeit mit Ihrer Frau geschlafen?“ Aber, hallo!

Drastisches in der Dingo Bar

F. Scott Fitzgerald, literarischer Feingeist, nahm sich kein Blatt vor den Mund, als er in Paris dem damaligen Reporter und Kriegsberichterstatter gegenübersaß. Treffpunkt war die Dingo Bar, dort, wo man schnell einmal eine Flasche Champagner leerte. Oder zwei, sofern der spätere „Große Gatsby“ die Zeche beglich.

Wir befinden uns in den Heydays der „Roaring Twenties“, einer Zeit, in der alles möglich schien, besonders wenn es nach Überdrüber ausschaute. Oder wie Francis Scott Fitzgerald. Der nämlich hatte seinen Erstling schon im Jahr zuvor veröffentlicht, den Sensationserfolg „Diesseits vom Paradies“. Mit einem Wort: Er war ein Superstar, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab.

Short Story um 40.000 Dollar

Fitzgerald, damals erst 24-jähriger Schriftsteller, war das Aushängeschild der US-Zeitschrift The Saturday Evening Post. Für eine Short Story erhielt er zwischen ein- und viertausend US-Dollar – heute wäre das Honorar locker das Zehnfache wert –, und diese Stories schüttelte er nur so aus dem Ärmel. Im Mai 1924 war er mit Ehefrau Zelda und Töchterchen Scottie auf dem Ozeandampfer Minnewaska erster Klasse nach Europa übergesetzt, samt siebzehn Überseekoffern und der Encyclopaedia Britannica, die er von A bis Z durchzuforsten gedachte.

Die Lost Generation

Als "Lost Generation" ging der Freundeskreis um Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein und der"Shakespeare and Company"-Bookshop-Gründerin Sylvia Beach in die Geschichte ein. Ob sie alle etwa das Lechzen nach Liebe nach Paris gebracht hat? Ganz falsch, hören wir von Chris Spence, unserem literarischen Begleiter auf dem "Paris Walk": "Es war dreierlei", hebt er an, "Ganz wichtig: In den USA herrschte ab 1919 die Prohibition, Alkohol also war tabu". Und in Paris schwamm man geradezu in Absinth und Champagner. Ferner galten schon damals die Sitten in Frankreich wesentlich liberaler - vor allem für Schwarze wie die Tänzerin und Sängerin Josephine Baker - als in ihrer Heimat.

Wie Gott in Frankreich

Und nicht zuletzt der günstige Wechselkurs machte es für Amis leicht, sich in Europa ein klein wenig wie Gott in Frankreich zu fühlen.

Wohnzimmer der Existenzialisten

Die Dingo Bar an der Rue de Delambre gibt es nicht mehr. Stattdessen zeigt Chris Spence, unser Guide bei der lokalen Hemingway&Fitzgerald-Tour, andere Hotspots, wo sich die Künstler gerne die Klinke, äh, das Glas in die Hand gaben. Das Café de la Rotonde und die am Boulevard Saint-Germain vis-à-vis liegenden Cafés, das de Flores und das Les Deux Magots. Letzteres hatten Sartre und die Beauvoir zum Wohnzimmer der Existenzialisten gemacht.

Auch ein Abstecher in die 1927 eröffnete Brasserie La Coupole ist drin. Ihre Wände lassen die Geschichte des traditionsreichen Restaurants Revue passieren. Josephine Baker, Man Ray, Henry Miller, Picasso, Joyce, Simenon verkehrten hier. Camus ließ üppig Trinkgeld liegen, als er 1957 den Literaturnobelpreis bekam.

Wir aber wollen der Zeit nicht vorgreifen. Chris, unser belesener Stadtführer, schreitet voran, Hemingways Erinnerungsband „Paris – Ein Fest fürs Leben“ in der einen, ein Foto mit prominenter Rückenansicht in der anderen Hand.

Rose is a rose is a rose

Wir flanieren den Boulevard du Montparnasse entlang, hanteln uns über Nebenstraßen und -gassen vor zum geometrisch angelegten Schlosspark Jardin du Luxembourg. Dort traf Hemingway auf Gertrude Stein („Rose is a rose is a rose ...“), die ihren Hund äußerln führte. Wir passieren zahlreiche Studios und Ateliers, in denen Mädchen einst als Modelle und Musen zu Ruhm kamen. Chris Spence: „Die bekannteste von ihnen war Alice Prin. Man Ray war geradezu besessen von ihr. Wenn Sie von ihr noch nie gehört haben, klingelt es sicher bei ihrem Künstlernamen – Kiki de Montparnasse.“

Jetzt ist alles klar. Sie ist jene mysteriöse Schöne, die zur Ikone wurde, nachdem ihr Dadaist Man Ray zwei Notenschlüssel auf den nackten Rücken gemalt hatte. So ausgelassen, wie sich diese Episode anieß, ging es jedoch nicht weiter.

Last Exit Montparnasse

Kiki starb 1953 verarmt und vergessen den Drogentod auf der Straße vor ihrer letzten Bleibe, am Montparnasse.

Die Blumen des Bösen

Einen Bezirk weiter, im 6. Arrondissement, feilte hundert Jahre zuvor ein Dichter an Versen, die 1857 als „Les Fleurs du Mal/Die Blumen des Bösen“ in die Literaturgeschichte eingingen: Charles Baudelaire. Um von ihm gehört zu haben, muss man nicht frankophil sein. Rebecca Brite, City Guide aus Nebraska, bringt ihn uns ganz nah. „Die Tragik seines Lebens ist, dass er als Übersetzer von Edgar Allen Poe erfolgreicher war als mit seinen eigenen Texten.“

Volle Kasse - voller Bauch

Volle Kasse – voller Bauch!, beschwor Balzac schon zur selben Zeit, als sich Heinrich Heine in Paris verliebte. Aber wer braucht schon Erfolg, wenn er Pariser Luft atmen kann? Der US-amerikanische Autor Henry Miller frohlockte jedenfalls 1934 in „Der Wendekreis des Krebses“: Jetzt ist es Herbst, ich bin das zweite Jahr in Paris. Ich habe kein Geld, keine Zuflucht, keine Hoffnung. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.

Vier Jahre später dürfte sich der vor den Nationalsozialisten geflüchtete Ödön von Horváth Ähnliches gedacht haben. Seine Tragik: Wenige Tage nach seiner Ankunft in Paris wurde der Dramatiker auf den Champs-Élysées von einem Ast erschlagen.

"... wie eine liebestolle Hure"

Aber zurück zu Henry Miller. Plastischer als es der Belgier Georges Simenon in den Maigret-Krimis formulierte, machte er im „Wendekreis“ seiner Paris-Liebe Luft: ... wenn man hier gelitten und geduldet hat, dann ergreift Paris von einem Besitz, hält einen sozusagen am Sack fest, wie eine liebstolle Hure, die lieber sterben möchte, als einen loslassen.

Oh ja, diese Metropole war schon lange vor dem dramatischen „Uns bleibt immer noch Paris“-Finale in „Casablanca“ überdimensionaler Landeplatz für Amors Pfeile. Freilich mit allen Höhen und Tiefen. Quasi einen L'Amour-Hatscher beging Gustave Flaubert mit „ Madame Bovary“. Als die junge Emma, gelangweilt von ihrer Ehe mit dem Landarzt Charles, den Ehebruch durch anderweitige Erregungen riskiert, wurde der Roman 1857 zum Skandal.

Skandaaaaal!

Apropos Skandal. Seit der streitbare Michel Houellebecq („Unterwerfung“) und Yasmina Reza („Der Gott des Gemetzels“, „Babylon“), die meistgespielte lebende Theaterautorin, die Bühne betreten haben, sorgt Frankreichs Literatur wieder für Gerede. Weltweit und nachhaltig. Oder, ganz ehrlich, hätten Sie noch gewusst, wer vor drei Jahren den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat – unter anderem „für die Kunst des Erinnerns“? Mit dem 1945 in Paris geborenen Patrick Modiano („Im Café der verlorenen Jugend“) war es ein Franzose.

Houellebecq und Yasmina Reza sind jedenfalls die schillerndsten Stargäste der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt. Weil eben der rote Teppich dem Gastland Frankreich ausgerollt wird. Viel Publicity für sowieso Prominente. Die Lesungen der beiden Schriftsteller im 800 Besucher fassenden Kulturtempel Schauspiel Frankfurt waren schon vor Wochen ausverkauft. Restlos.