Kultur
16.03.2018

Otto Wagner: Von Baukunst und Beharrlichkeit

Die große Schau im Wien Museum hilft, das gebaute und das nicht gebaute Wien besser zu verstehen.

Wozu eine Otto-Wagner-Ausstellung, ließe sich banausenhaft fragen, ganz Wien ist doch schon eine: Die Stadtbahnstationen (heute U4 und U6), das Majolikahaus am Naschmarkt, das Schützenhaus am Donaukanal, die Kirche am Steinhof, die Postsparkasse – es gibt eigentlich keine Chance, dem Werk des Architekten, dessen Todestag sich am 11. April zum hundertsten Mal jährt, zu entrinnen.

Dass Wagners Bauten ohnehin genug zu erzählen haben, war offenbar auch die Meinung so mancher Museen, denn auf die erste fundierte Ausstellung 1963 im historischen Museum der Stadt Wien folgte bis heute nichts Vergleichbares. Nicht nur deshalb ist die nunmehrige, von einem großartigen Katalog begleitete Schau des Wien Museums (bis 7.10.) durchaus epochal zu nennen.

Am Karlsplatz

1963 wie heute findet die Erinnerung an den "Oberbaurat", der Wien wie kein zweiter prägte und an die Moderne heranführte, auf geschichtsträchtigem Boden statt: Am Karlsplatz wollte Wagner sein Prestigeprojekt, ein Stadtmuseum, realisieren, wobei er stets betonte, dass es ihm vor allem um den Platz selbst ging. Ein Modell des nie realisierten Museums begrüßt am Eingang der Schau und schließt wohl nicht zufällig an die laufende Debatte um den Karlsplatz und den Neu-, Um- bzw. Nicht-Bau des aktuellen Wien Museums an. Dieses musste mangels adäquater Sonderausstellungsflächen das ganze Obergeschoß im Dienste Wagners räumen.

Den Kampf gegen Verhinderer führte Otto Wagner bereits mit Inbrunst: Dass etwa beim Bau des Kriegsministeriums am Stubenring ein historistischer Klotz statt seines modernen Entwurfs zu stehen kam, schmerzte ihn.

Dank der reichen Wagner-Bestände des Museums kann die von Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orocz kuratierte Schau die Geschichte solcher Projekte, Visionen und Enttäuschungen umfassend erzählen. Sie führt dabei auch an das Selbstbild heran, das Wagner pflegte: Bei aller Favorisierung der Nützlichkeit und der Ästhetik moderner Materialien sah der Architekt sich als Künstler, dessen zentrale Arbeit in der Imagination und deren Umsetzung am Zeichentisch bestand.

Wagners oft prachtvoll ausgeführte Stadt- und Gebäudeansichten werden in der Schau als Instrumente der Markenbildung und des Marketings sichtbar: Kurator Nierhaus bezeichnet Wagner als den "allerersten Star-Architekten", weil er sich der medialen Wirkung seiner Entwürfe und seiner Bauten bewusst war.

Allerdings schürte Wagner mitunter mehr Widerspruch als Enthusiasmus: Thronfolger Franz Ferdinand etwa gehörte zu den prominentesten Verfechtern eines rückwärtsgewandten Architekturverständnisses, das den radikalen technischen Fortschritt, das massive Wachstum der Hauptstadt und das Bedürfnis nach Repräsentation lieber im vertrauten, an die Barockzeit angelehnten Baustil verpackt gesehen hätte. Wagner dagegen sei "der größte Optimist" gewesen, wie es Museumsdirektor Matti Bunzl ausdrückt: Größe, Geschwindigkeit, Geradlinigkeit waren bei ihm keine Bedrohung, sondern eine Chance.

Nicht nur nüchtern

Die Ausstellung rückt allerdings die verbreitete Sichtweise zurecht, wonach Wagner ein rein auf Rationalität und Effizienz ausgerichteter Planer gewesen sei: Besonders seine legendäre Gegnerschaft mit dem Theoretiker Camillo Sitte erscheint angesichts von Wagners Entwürfen und Bauten stark überzogen. Ein "Städtebau nach künstlerischen Grundsätzen", wie ihn Sitte in seinem 1899 erschienenen Manifest forderte, schwebte wohl auch Wagner vor, bloß lehnte er künstlich herbeigeführte, "malerische" Stadtbilder ab und sah Schönheit (auch) in der Effizienz.

Schnurgerade Schneisen in die Stadt zu schlagen, wie es etwa in Paris unter Baron Haussmann geschah, wäre Wagner aber nicht eingefallen, sagt Kurator Nierhaus: Auch sein 1892/’93 ausgearbeiteter "Generalregulierungsplan" für Wien ließ die historische Substanz weitgehend unangetastet.

Am Ende des Parcours erscheint Wagner kurz vor der Zweigung jener Wege zu stehen, die moderne Architekten nach ihm beschreiten sollten: Die Planung von Reißbrett-Städten und mächtigen Monumentalbauten war bei ihm ebenso angelegt wie ein potenziell exportfähiger Markenzeichen-Stil, doch Wagner blieb Wien verhaftet, bis er starb und das Ende der Monarchie alle Voraussetzungen radikal änderte.

Womit sich der Oberbaurat kaum befasste, waren soziale Fragen: Seine Schüler allerdings sollten in den monumentalen Wohnbauten des Roten Wien Wagners weltstädtischen Geist weiterleben lassen.