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Kultur
06/20/2019

"Otello“: Eine Premiere als Vorspiel

Verdis Meisterwerk: Solide gesungen, optisch museal, wenig differenziert dirigiert.

Eine Staatsopern-Premiere nach einem philharmonischen Konzert – das gab es freilich schon oft. Eine Staatsopernpremiere vor einem Philharmonischen, jenem in Schönbrunn – das war neu. Hoffentlich macht dieses Vorspiel nicht dahingehend Schule, dass irgendwann einmal eine Premiere vor der 11-Uhr-Matinee angesetzt wird, so gegen um 6 Uhr früh.

Diesmal also: VerdisOtello“ mit Beginnzeit um 16 Uhr und vor 19 Uhr zu Ende. Das ist also keine Nachtkritik, sondern eine Spät-Nachmittags-Kritik. Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.

Dieser „Otello“ in der Inszenierung von Adrian Noble ersetzt jenen von Christine Mielitz, der im Boxring gespielt hatte. Nun wird die Zeit gleich ordentlich zurückgedreht, in die 1920er Jahre, es könnten aber manche Szenen auch zur Zeit der Uraufführung in den 1880er Jahren spielen. Bezüglich der Personenführung und der Interpretationskraft befinden wir uns der Erinnerung nach irgendwo in den 1980er Jahren. Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.

Gesungen wird solide, wenn auch die Protagonisten nicht zwingend Gründe für eine Neuproduktion liefern. Aleksandrs Antonenko ist ein kraftvoller, erprobter Otello mit metallischem Glanz, großem Volumen und nicht ganz adäquater stimmlicher Eleganz. Olga Bezsmertna singt das Weidenlied und des Gebet der Desdemona schön, aber nicht allzu berührend. Vladislav Sulimsky verfügt über einen nobel timbrierten Bariton, kommt aber als Jago mit seinem „Credo“ kaum über die Orchesterwogen, die diesmal so stürmisch sind wie das vor dem Haus stattfindende Gewitter. Stimmlich gut besetzt sind Jinxu Xiahou als Cassio und Margarita Gritskova als Emilia.

Myung-Whun Chung am Pult des für dieses Meisterwerk idealen Orchesters setzt auf Attacken statt auf Differenzierung, auf Kraftmeierei statt auf Phrasierung, es kracht und donnert – nicht nur, aber ganz zentral darob ist das eine Premiere der vergebenen Chancen. Das Publikum reagierte mit Applaus und minimalen Einwänden. Wien hat einen neuen „Otello“ – wer weiß wie lange diesmal. Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding.