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Kultur
06/17/2019

Oscarpreisträger László Nemes: Die Illusion der Hüte

Der neue Film des preisgekrönten Regisseurs („Son of Saul“) spielt in Budapest von 1913

von Alexandra Seibel

Gleich mit seinem ersten Spielfilm „Son of Saul“ (2015) schlug der Ungar László Nemes wie ein Komet in der internationalen Filmlandschaft ein – und gewann den Großen Preis von Cannes und einen Auslandsoscar. In „Son of Saul“ tauchte Nemes mit radikal subjektiver Bildsprache in die Maschinerien eines Konzentrationslagers ein und erzählte von der Suche eines Häftlings nach seinem ermordeten Sohn. Dieses Unterfangen brachte ihm höchstes Lob und scharfe Kritik.

Sein Nachfolgefilm „Sunset“ (derzeit im Kino) spielt in Budapest von 1913, wo der Erste Weltkrieg und der Zusammenbruch der Donaumonarchie ihre Schatten werfen. Eine junge Frau namens Írisz Leiter (Juli Jakab) kommt in die Stadt, wo ihre Familie einst einen mondänen Hutsalon besaß. Die Eltern kamen bei einem (gelegten?) Brand ums Leben. Jahre später bewirbt sich Írisz im einstigen Geschäft der Familie und sorgt für Irritationen. Ihr Bruder, ein Anarchist, ist verschwunden, sie selbst gerät zwischen die Fronten des K.-u.-K.-Regimes und ungarischen Freiheitskämpfern.

Ein Gespräch mit László Nemes über die Jahrhundertwende, seine Liebe zu analogem Film und zu Budapester Hutgeschäften.

KURIER: „Sunset“ handelt von der Suche einer jungen Frau nach ihrem Bruder kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Sie erzählen komplex, manchmal fast verwirrend, und lassen viele Fragen offen. Warum?

László Nemes: Weil ich will, dass die Zuseher ebenfalls Teil dieses Rätselspiels werden. Der Film ist ein Mysterium, ein Labyrinth, und ich hoffe, dass am Ende auch das Publikum seinen eigenen, ganz persönlichen Sinn darin findet. Írisz, die Hauptfigur, hat sich selbst verloren und muss sich und ihren Bruder wieder finden. Ich vertraue darauf, dass die Zuseher die Hinweise lesen und die Lücken für sich füllen können. Mir ist klar, dass Filme das üblicherweise nicht von ihrem Publikum erwarten, aber es ist eben meine Art und Weise, die Grenzen des Filmemachens zu erweitern.

In „Son of Saul“ schränken Sie die Kamera-Perspektive ganz auf die Hauptfigur ein und lassen dadurch die Umgebung im Unscharfen. Es ging Ihnen darum, die Gräuel des KZs nicht zu bebildern. Warum verwenden Sie in „Sunset“ diese ästhetische Methode noch einmal?

In „Son of Saul“ war es tatsächlich eine ethische Notwendigkeit, keine konkreten Bilder aus dem Konzentrationslager zu liefern, weil das unmöglich ist. Alles sollte sich in den Köpfen der Zuseher abspielen. In „Sunset“ wiederum geht es um eine Frau, die sich völlig in einem Labyrinth verloren hat. Wir folgen ihr dabei, wie sie eine sehr unsichere, gefahrvolle Reise antritt. Sie hat einen sehr eingeschränkten Blick – und ich wollte einen Film über genau diesen eingeschränkten Blick machen. Wir bilden uns heute immer ein, dass wir einen sehr objektiven, umfassenden Blick auf die Welt haben, aber ich bin an einer sehr subjektiven Erfahrung interessiert. Írisz bleibt so vielen Dingen gegenüber blind, die sie einfach übersieht. Insofern sind die Ansätze in „Son of Saul“ und „Sunset“ vielleicht ähnlich, aber nicht identisch.

Írisz bewirbt sich in einem mondänen Hutsalon. Übt dieses Ambiente eine besondere Faszination für Sie aus?

Ich finde Hutgeschäfte einfach unglaublich. Um die Jahrhundertwende gab es in Budapest hundert Hutgeschäfte, die heute alle nicht mehr existieren. Das Hutgeschäft ist für mich ein Ort der Kreativität und der Schönheit, aber auch der Illusion. Es symbolisiert für mich die Raffinesse dieser Welt der Jahrhundertwende, aber auch ihre Blindheit gegenüber all den unterschwelligen Strömungen, die diese Welt schließlich zu Fall bringen. Der Hut ist schön, aber er wirft auch Schatten. Das gefällt mir.

Apropos Schatten: Sehen Sie Parallelen zu den gesellschaftlichen Umwälzungen, die Sie in Budapest von 1913 zeigen, zu unseren heutigen Welt?

Die Welt vor hundert Jahren glaubte an den unaufhaltsamen Fortschritt. Und trotzdem konnte alles innerhalb einer Sekunde komplett zusammenbrechen. Ich glaube, das sollten wir uns als Warnung zu Herzen nehmen.

Inwiefern?Ich habe den Eindruck, dass Europa nicht mit sich selbst im Reinen ist. Wir befinden uns wieder an einem Scheideweg: Unter der Oberfläche ist etwas in Bewegung geraten, obwohl Europa nie so reich und stabil war wie jetzt. Es hat auch etwas damit zu tun, das alles viel kurzlebiger geworden ist. Gleichzeitig ersetzen wir unsere Gehirne durch Computer und vertrauen ihnen viel mehr als uns selbst. Ich finde es traurig, wie viel unserer Zeit wir in virtuelle Welten verschwenden. Wir drücken bereits den Zweijährigen ein Smartphone in die Hand und killen damit ihre Einbildungskraft. Diese Prozesse finden auf unserer gesamten zivilisatorischen Ebene statt.

Ist das mit ein Grund, warum Sie nicht digital, sondern auf 35-mm-Analogmaterial drehen?

Auf jeden Fall. Ich möchte ein bisschen etwas von der physischen Welt bewahren, die dieses Medium mit sich bringt. Film ist nicht nur Information. Film ist Licht und Schatten. Erst in unserem Gehirn verwandeln sich die Einzelbilder in eine fortlaufende Bewegung. Das ist Magie. Die Texturen und Kontraste des analogen Films kann man digital nie erreichen. Wer Fernsehen schauen will, soll fernsehen gehen. Aber ich will Kino. Und ich finde, Kino sollte sich als eigenständiges Medium gegenüber dem Fernsehen behaupten.

Verändert das Drehen auf analogem Film die Arbeitsweise?

Absolut. Man muss sich im Vorfeld viel genauer überlegen, wie eine Einstellung aussehen soll. Man kann nicht, wie bei der Digitaltechnik, herum probieren, 600 Stunden Material drehen und im Schneideraum den Film zusammen basteln. Beschränkung ist gut für die Kunst.

Sie nennen Ihren Film „Sunset“, was an den berühmten deutschen Stummfilm von F. W. MurnauSunrise“ von 1927 erinnert. Ist das Absicht?

Oh ja! Murnaus Film zählt zu meinen größten Kinoerlebnissen. Murnau ging nach Amerika und bekam dort die Chance, einen Film seiner Wahl zu drehen. Und was machte er? Er dreht „Sunrise“, einen Film über die Hoffnungen und die Abgründe einer Zivilisation. Er erzählt vom Leben auf dem Land und in der Stadt und kontrastiert damit Europa mit Amerika. Es ist eine Geschichte von menschlichen Beziehungen und Gefühlen, die sich inmitten einer verrückten Welt behaupten. Murnau riskierte viel mit diesem Film. Er erzählt ihn wie ein Gedicht, das in einer sich verändernde Welt entstand, und verliert dabei doch nie den Glauben an die Zukunft.