© KURIER/Jeff Mangione

Interview
06/25/2016

ORF-Wahl: Richard Grasl will es wissen

ORF-Finanzdirektor Grasl über seine Bewerbung, seine Pläne und die ÖVP Niederösterreich.

von Christoph Silber

Mittlerweile vermeidet es ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz auf seinen Herausforderer ORF-Finanzdirektor Richard Grasl zu treffen. Zwischen den beiden scheint es aber schon länger nicht mehr rundgelaufen zu sein, wie sich aus Grasls Antworten ablesen lässt.

KURIER: Sie haben Ihre Kandiatur u. a. mit unterschiedlichen Auffassungen über die Weiterentwicklung des ORF und die Führungsstruktur begründet. Wie ist das zu verstehen?
Richard Grasl:
Die Frage der Führungsstruktur war sicher ein Auslöser für mein Antreten. Ich bin der Meinung, dass ein Unternehmen, das öffentlich finanziert wird, im Jahr 2016 nicht mehr durch eine Person alleine geführt werden soll.. Mir ist klar, dass es das Gesetz so vorsieht. Man könnte aber mit einer entsprechenden Geschäftsordnung freiwilig ein sonst auch übliches Vorstandsprinzip einführen. Es sollten dann Entscheidungen im Vorstand gemeinsam getroffen werden, die der Geschäftsführer auch umsetzt.

Was war das Problem?
Ich will bewusst hier keine Einzelbeispiele nennen. Ich habe mir aber vorgenommen, in den sechs Wochen bis zur Wahl keine negativen Dinge in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Aber wenn ich als Finanzdirektor budgetrelevante Entscheidungen gar nicht oder aus der Zeitung erfahre, entspricht das nicht meiner Sicht von Teamarbeit. Da fehlen die checks and balances. Und mir wurde zunehmend klar, dass Wrabetz und ich sehr unterschiedlicher Meinung sind.

Man könnte aber auch auf die Idee kommen, dass es in Wirklichkeit darum geht, dass Sie nicht jenen Anteil an der Führungsmacht bekommen, den sie wollen.
Wenn man polemisieren will, kann man das behaupten. Wenn man sich mit Betriebswirtschaft beschäftigt nicht. Es ist heute einfach üblich, dass Unternehmen nach dem Vier- oder Mehraugenprinzip geführt werden. Es geht dabei auch defintiv nicht um eine Doppelspitze im althergebrachten Sinn aus Proporzzeiten.

Das klingt so, als wäre es zuletzt mühsam zwischen Ihnen und dem Generaldirektor gewesen?
Wir haben bis zuletzt hervorragend zusammengearbeitet. zum Beispiel beim schwierigen Verkauf des Funkhauses. Aber es gab in den vergangenen Monaten Entscheidungen, bei denen ich nicht so eingebunden wurde, wie es üblicherweise der Fall ist und sein sollte

Nun zur Sache: Was sind Ihrer Meinung nach die Entwicklungen, auf die das Unternehmen ORF möglicherweise anders als bisher reagieren muss?
Der Medienmarkt wird sich im Bereich Bewegtbild, Radio sowie Online massiv weiterentwickeln. Durch die Digitalisierung wird die Aufsplittung des Marktes noch dramatischer. Die einzige Chance, da zu bestehen ist, noch viel stärker den Fokus auf Qualität und Unverwechselbarkeit zu legen. Das heißt für mich: österreichische Programmangebote, regionale Programmangebote, hochqualitative Informationsangebote. Da werden wir auch investieren müssen etwa in Personal. Das ist aber auch ein Frage der Sendungsflächen. Es wird von mir ganz klare Konzepte geben, wie wir zum Beispiel die einzelnen Sender aufstellen können, damit sie von den Zusehern und vom Markt als unverwechselbar wahrgenommen werden.

Kein Mück

Sie haben die Information angesprochen. Daran gab es zuletzt jede Menge Kritik von unterschiedlichsten Seiten. Bei den Journalisten wiederum geht die Angst um, es könnte das System Mück mit einem allmächtigen Chefredakteur wiederkehren. Wie sehen Sie das?
Die Information ist das Herzstück des ORF. Wir müssen hier höchste Glaubwürdigkeit und höchste Qualität bieten. Das heißt, wir müssen hier investieren, müssen neue Sendungen entwickeln, vor allem für junge Zuseher. Aber auch auf der Ebene des Managements muss es wieder eine stärkere Fokussierung auf das Thema Information geben, als es derzeit der Fall ist. In meinen Überlegungen gibt es keinen Direktor, der für die gesamte Information zuständig wäre. Denn Pluralität muss sich auch in der Struktur wiederfinden. Das bedeutet, dass es für Fernsehen, Radio und auch Online jeweils Info-Verantwortliche geben muss und nicht einer dem anderen unterstellt sein kann. Da wird es einen entsprechenden Vorschlag in meinem Konzept geben. All die Geister, die da vielleicht beschworen werden aus längst vergangenen Zeiten, sind wir, zumindest aus meiner Sicht, los und werden nicht wiederkehren.

Die Machtverhältnisse im ORF-Stiftungsrat, der den Generaldirektor wählen wird, bringen es mit sich, dass weder Sie noch Alexander Wrabetz von vornherein eine Mehrheit hat. Sie müssen Unabhängige und Vertreter der Oppositionsparteien überzeugen. Wie wollen Sie das schaffen, was können Sie denen versprechen?
Mit überzeugenden Konzepten und Ideen und vielen Gesprächen.. Ich habe in den vergangenen Wochen schon viele positive Gespräche geführt und auch viel Zustimmung zu meinen Ideen bekommen. Das hat mich letztendlich auch ermutigt, diesen Schritt zur Kandidatur zu setzen.

In den vergangenen Jahren gab es aber auch immer wieder Fehleinschätzungen ihrerseits. So haben Sie gegen den Song Contest in Wien opponiert und vor der Kostenexplosionen gewarnt. Herausgekommen ist ein tagelanges, tolles, weltweit wahrgenommenes Fest zu geringeren Kosten als budgetiert.
Das stimmt so einfach nicht. Beim Song Contest war es ganz konkret so, dass er von Beginn an als Wettbewerb zwischen Städten aufgesetzt war. Es haben damals Graz und Innsbruck finanziell sehr kompetitive Angebote gelegt. Als Finanzdirektor musste ich darauf mit entsprechenden Nachdruck hinweisen, das war und ist meine Rolle. Schlussendlich habe ich die Entscheidung für Wien mitgefällt und mitgetragen. Und mein Insistieren auf finanzielle gute Lösungen hat sowohl hier als auch zum Beispiel bei der Verlängerung der Formel 1-Recht dem Unternhehmen viele Millionen Euro gespart. Nur weil man sich nicht gleich der Meinung eines anderen fügt, heißt ja nicht, dass man aus Prinzip opponiert. Ich setze einfach auf offene Diskussionen.

Eine andere Entscheidung, an der Sie wesentlich beteiligt waren, sorgt immer wieder für Kopfzerbrechen: der Um- und Neubau des ORF-Zentrums als zentralen Standort. Man hat mit den Baukosten zu kämpfen, es tauchen immer wieder bautechnische Probleme auf. War es nicht ein Fehler, den ORF nicht doch auf der grüßen Wiese neu hinzustellen und strukturell aufzusetzen?
Die Standortentscheidung war aus heutiger Sicht völlig richtig. Wir haben ja gewusst, dass bei der Sanierung des Altbaus Probleme auftreten werden. Wir haben deshalb entsprechend hohe Reserven eingeplant und trotzdem hat sich die Variante Küniglberg besser dargestellt als ein Neubau irgendwo. Also das, was an Problemen auftritt, war zum Teil vorab einkalkuliert und wir haben das auch gut im Griff. Natürlich hätte ein Neubau auch Vorteile gebracht, weil man beispielsweise in der Gestaltung der Büro- und Studioflächen freier ist. Der ORF ist aber nicht nur ein Bauwerk, sondern auch die größte Kulturvermittlungsinstitution des Landes mit einer eigenen besonderen Identität.

Damit kurz zu Pius Strobl, der vom Generaldirektor als Bauherrn-Vertreter eingesetzt wurde und dafür sorgen soll, dass die Baustelle Küniglberg nicht aus dem Ruder läuft. Wie sehen Sie seine Rolle und wie sehen Sie seinen gut dotierten Vertrag?
Pius Strobl ist ein Mann mit Macher-Qualitäten, und er erfüllt seine nicht leichten Aufgaben wirklich gut.. Es spricht deshalb aus meiner Sicht nichts dagegen, dass er diese Funktion noch länger ausübt. Über Verträge von Mitarbeitern sage ich in der Öffentlichkeit nichts.

Nun zu Ihrer politischen Verortung: Sie gelten als Zögling der niederösterreichischen ÖVP, weil sie im Landesstudio u. a. Chefredakteur waren, was man, in der ORF-Logik, nicht so einfach wird.
Ich komme aus Niederösterreich, genauer gesagt aus Krems. Ich habe im Landesstudio gearbeitet. Ich fühle mich deshalb aber definitiv noch lange nicht als Zögling irgendeiner Partei. Es verwundert mich sehr, dass man in der politischen Zuordnung scheinbar oft mit zweierlei Maß misst, wie diese Zuschreibung zeigt. Andere Persönlichkeiten haben schon für Parteien gearbeitet, ich sicher nicht.

Sie spielen damit auf Alexander Wrabetz an. Der hat, um ein anderes Thema anzusprechen, angekündigt, dass er vor der Wahl auch sein Team benennen wird. Wie wird es bei Ihnen sein?
Es wird zumindest die Führungsstruktur klar sein. Ich möchte, dass auch die Personen, die für Funktionen vorgesehen sind, den Stiftungsräten bekannt sind. Sollte es sich um Personen handeln, die in aufrechten Dienstverhältnissen bei anderen Unternehmen sind, wird man allerdings sehr auf den Datenschutz achten müssen, vor allem bei einer so in der Öffentlichkeit wahrgenommenen Wahl. Es kann also sein, dass in der breiten Öffentlichkeit nicht alle Namen genannt werden können, wenn man sich nicht sicher sein kann, dass man gewinnt. Schließlich will man ihnen in ihren derzeitigen Tätigkeiten nicht schaden.

Denken Sie daran, auch aktive ORF-Direktoren in Ihr Team zu berufen?
Selbstverständlich. Wir haben ja jetzt sieben Jahre gut zusammengearbeitet. Dazu werde ich in den nächsten Wochen Gespräche führen. Eines muss dabei aber klar sein: Wenn man in ein Cockpit miteinsteigt, sollte man wissen, wohin die Reise geht und ob man selbst auch dorthin will und kann. Ist dem so, steht meiner Meinung nach nichts mehr im Wege.

Eine gewichtige Stimme hat bei der Wahl der Betriebsrat, dem Sie zum Teil als sehr harter Verhandler gegenüber saßen. Warum sollte Sie dieser überhaupt wählen wollen?
Ich habe die Verhandlungen mit dem Betriebsrat immer als hart, aber auch immer als sehr fair und kollegial empfunden. Es ist ja auch jedem klar, dass ein kaufmännischer Direktor einen anderen Standpunkt einnehmen muss als ein Betriebsrat. Ich meine aber auch,dass wir gemeinsam mit dem Betriebsrat selten zuvor in der Geschichte des ORF so viele Dinge umgesetzt haben, wie das in den vergangenen sieben Jahren der Fall war. Und das waren keine einfachen Sachen wie Sparpakete oder auch den neuen Kollektivvertrag und die Standortfragen. Also, ja, es waren zum Teil harte Gespräche, aber wir haben uns danach immer noch in die Augen schauen und die Hand geben können. Ich glaube auch, dass sie wissen, woran sie bei mir sind, wo die Linien liegen, über die ich nicht gehen kann. Sie wissen aber auch, wie im übrigen auch andere Mitarbeiter des Hauses, dass ich Versprechen halte und Vereinbarungen mit Handschlag gelten.

Es wurde in den vergangenen Wochen aus dem roten Umfeld ventiliert, dass Sie in jeden Fall vom ORF gehen müssen, egal ob Sie sich bewerben oder nicht.
Mich hat die Massivität der Drohung schon auch ein wenig verwundert. Denn ich denke mir: So what, es ist 2016, man wird sich doch für eine öffentliche Funktion bewerben können.

Was tun Sie, wenn Sie die Wahl verlieren?
Ich denke jetzt und in den nächsten sechs Wochen sicher nicht über einen Plan B nach.

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