Kultur
10.03.2018

ORF im Internet: Wer sucht hier nach Qualität?

Analyse. Was in der digitalen Zukunft aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen werden könnte.

In jeder Debatte um den ORF tut sich ein Widerspruch auf: Die Menschen kritisieren zwar gerne, dass der ORF zu wenig Kultur, Information oder Debatten zeigt – schauen dann aber "Villacher Fasching", Skifahren, Fußball und die Opernball-Eröffnung.

Aus den Einschaltquoten lässt sich das lautstark geäußerte Bedürfnis nach Qualität nicht direkt ablesen: "Millionenshow" schlägt Doku-Schiene. Das könnte in Zukunft ein relativ großes Problem werden. Denn der Medienkonsum auch der (beim Medienwandel etwas zögerlichen) Österreicher wird sich zunehmend ins Internet verlegen. Immer mehr Junge haben überhaupt keinen Fernseher mehr. Nicht einmal der Medienminister: Auch Gernot Blümel schaut nur noch via Streaming.

Und hier wird es für die Qualität besonders unangenehm: Die profitiert nämlich derzeit übermäßig vom ORF-Programmumfeld. Was um 20.15 Uhr auf ORF 2 läuft, hat von vornherein ein Grundpublikum; auf Ö1 sind viele Hörer wohl bereit, sich Wagemutigeres anzuhören, als ihnen sonst lieb ist.

Online aber wird Programm nicht passiv konsumiert, sondern aktiv aufgesucht. Das führt zu einer übermäßigen Konzentration auf Publikumswirksames: Geklickt wird, was unmittelbar interessiert, also eher "Dancing Stars" als die Problemdoku; das ist nicht förderlich für Komplexität. Man schaltet online auch nicht "den ORF ein", sondern Medien werden dort zunehmend als anonyme Geschichtenlieferanten wahrgenommen. Es gibt keine lieb gewordenen Traditionen – 19.30 Uhr "ZiB", Sonntag "Tatort" ...

Die Frage, wie der ORF hier seine qualitativ hochwertigen Produkte letztlich an den Mann bringen können wird, wird eine heikle. Denn mit ihr steht und fällt die Zukunft des Öffentlich-Rechtlichen und seiner Verbindung zum Publikum.

Plötzlich Zwerg

Der ORF findet sich online in einer ungewohnten Rolle wieder: Am heimischen Medienmarkt ist er ein gebührengefütterter Gigant; online ein Zwerg. Plötzlich steht "Der Bergdoktor" in Konkurrenz mit den millionenschweren Produktionen auf Netflix. Der ORF muss gegen Google und Facebook um die Werbeeinnahmen konkurrieren. Der gesamte Vorabend auf ORFeins, das gesamte Ö3-Programm ist online anderswo zu haben; dafür braucht den ORF online niemand. Die endlosen Wiederholungen im Programm sind sinnlos.

Das alles wird mittelfristig eine doch radikale Neuorientierung des ORF mit sich bringen (auch wenn er darin, wie viele große Unternehmen, nicht besonders gut ist). Denn die Kunden müssen immer wieder neu gewonnen werden.

Bis vor Kurzem hätte man hier klarerweise gesagt: Man muss sie auf den sozialen Medien anlocken. Doch diese sind willkürliche Herrscher: Facebook etwa hat kürzlich wieder mal den Algorithmus geändert. Mit der Folge, dass Mediengeschichten weniger oft den Sehern angeboten werden. Im ORF ist die Beziehung zu Facebook auch deutlich abgekühlt: Machte der Sender einst Druck, dort präsent sein zu dürfen, prüft man nun sogar den vollständigen Rückzug von der Plattform. "Warum sollen wir mit unseren Inhalten dafür sorgen, dass ein börsennotierter Konzern aus dem Silicon Valley seine Werbeeinnahmen steigern kann?", fragte Online-Chef Thomas Prantner.

Neue Konkurrenz

Apropos Werbung: Auch für den heimischen Medienmarkt stellen sich im Online-Umbruch neue Fragen. Denn im Kampf um die Aufmerksamkeit der Nutzer (und damit um die eh schon mageren Online-Werbeeinnahmen) hat der öffentlich finanzierte ORF einen Startvorteil gegen privat finanzierte Medienunternehmen. Und steht erstmals in direkter Konkurrenz zu den Medienhäusern. So gibt es Kritik daran, dass das reichweitenstarke ORF.at ein textbasiertes Portal ist. In Deutschland hat der Chef des mächtigen Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner, lautstark (und erfolgreich) gegen derartige Textangebote von ARD und ZDF protestiert.

Der ORF drängte auf eine Ausweitung seiner Online-Möglichkeiten. "Die digitalen Vertriebswege für den originalen Programmauftrag – Fernsehen, Radio – sollten dem ORF offenstehen, so könnte etwa das Angebot der TVthek länger verfügbar sein", sagt Thomas Kralinger, KURIER-Geschäftsführer und Präsident des heimischen Zeitungsverbandes (VÖZ). "Der öffentlich rechtliche Auftrag ist gesetzlich zu schärfen und muss im Programmangebot gelebt werden." Im Regierungsprogramm wird überdies angedacht, dass der ORF seine gebührenfinanzierten Inhalte auch den Privaten zur Verfügung stellen könnte.