Kultur 15.01.2012

ORF: "Die Firewall sind wir Redakteure"

© Bild: AP

Sechs bekannte ORF-Journalisten erklären, warum sie gegen die umstrittenen ORF-Personalbesetzungen sind.

Ingrid Thurnher, Gabi Waldner, Tarek Leitner, Eugen Freund, Roman Rafreider und Robert Wiesner beantworten drei Fragen zu aktuellen Lage des ORF.

1. Warum haben Sie die vom ORF-Redakteursrat gestartete Unterschriftenliste "für einen unabhängigen ORF" unterschrieben?

2. Was ist so problematisch an den jüngst bekannt gewordenen Personalbestellungen (Pelinka etc.)?

3. Wie sollte sich Geneldirektor Wrabetz Ihrer Meinung nach jetzt verhalten – wie soll es weitergehen?

Gabi Waldner

Gabi Waldner moderiert das Politikmagazin "Report".
© Bild: KURIER / Gruber Franz

1. Ich habe unterschrieben, weil unterschreiben besser ist, als sich still zu übergeben.

2. Was problematisch ist? Die Unverschämtheit, mit der hier eine Hand die andere wäscht: Stiftungsräte geben ihre Stimmen und bekommen Spitzenjobs, der Generaldirektor darf bleiben und schafft für rote, schwarze und blaue Günstlinge trotz Sparzwangs zusätzliche Posten – das ist widerlich. Und auch jämmerlich. Oder glaubt irgendeine Parteizentrale ernsthaft, dass wir ORF-Journalisten da jetzt alle untertänigst mitmachen?!

3. Ich hoffe, Alexander Wrabetz entscheidet sich für seine Mitarbeiter – für die mit bereits bestehenden Dienstverhältnissen.

Robert Wiesner

Robert Wiesner ist "Report"-Sendungsverantwortlicher
© Bild: APA

1. Ich finde, diese Bestellung ist ein extrem schädliches Symbol. Wir können uns auf den Kopf stellen – wenn solche Symbole gesetzt werden, entwertet das unsere Bemühungen.

2. Ich habe Mitarbeiterinnen, die sind zu 80 Prozent beschäftigt, und wenn jemand aus der Karenz zurückkommt, sind sie wieder freie Mitarbeiter. Und dann regnet’s Posten runter, die aus irgendwelchen politischen Rücksichtnahmen vergeben werden. Das ist unverhältnismäßig. Ich will meinem Team in die Augen schauen können.

3. Wenn die von diesen neuen Jobs Begünstigten dem ORF wirklich was Gutes tun wollen, dann verzichten sie selber. Ich verstehe Leute, die Risiken eingehen. Aber ich verstehe niemanden, der sagt, ich möchte wo arbeiten, wo 1316 Leute sind, die mich nicht mögen.

Tarek Leitner

Tarek Leitner moderiert die "Zeit im Bild".
© Bild: APA

1. Das ist eine Selbstverständlichkeit für den ORF. Es war jetzt sehr wichtig, dass die Journalisten des Hauses ein deutliches Zeichen setzten gegen diesen angedachten Wechsel, der die Grenze der Unanständigkeit überschreitet. Nur weil es ähnliche Fälle schon gegeben hat, gewöhnen wir uns nicht daran.

2. Es geht nicht nur darum, dass wir in der "ZiB" unabhängig und objektiv berichten, sondern auch darum, dass der ORF insgesamt das vermittelt. Dem steht entgegen, dass der SPÖ-Fraktionsleiter im Stiftungsrat unmittelbar in die ORF-Chefetage wechselt.

3. Notwendig sind Rahmenbedingungen, die so etwas verunmöglichen, etwa das Verbot eines direkten Wechsels. Jetzt müssen wir einen Weg finden, die SP-Besetzung ohne weiteren Schaden für den ORF abzuwenden.

Roman Rafreider

Roman Rafreider moderiert die "ZiB 20" und die "ZiB 24".
© Bild: KURIER / Gruber Franz

1. Es gibt nur drei Gründe, warum unsere ZuseherInnen die "ZiBs" ansehen: unsere hohe Glaubwürdigeit, Unabhängigkeit und Kompetenz. Die parteipolitisch motivierten Postenbesetzungen (es geht um mehr als den Fall Pelinka!!!) torpedieren unser höchstes Gut: die Unabhängigkeit. Verlieren wir sie, verlieren wir – zu Recht – die ZuseherInnen. Dagegen kämpfen wir.

2. Die Menschen können nicht mehr unterscheiden, was im ORF-Management passiert (Polit-Postenbesetzungen) und was in den ORF-Nachrichtenredaktionen NICHT passiert. Für sie gilt: "Es-passiert-im-ORF". Dagegen wehren wir uns.

3. Auch wenn’s gerade nicht leicht ist: Ich schätze Alexander Wrabetz nach wie vor. Es wäre ein bemerkenswertes Zeichen von Größe, wenn er diese Besetzungen zurücknimmt.

Eugen Freund

Eugen Freund moderiert die "ZiB" und das "Weltjournal".
© Bild: KURIER / Boroviczeny Stephan

1. Es ist mir ein großes Anliegen, zu betonen, dass die Unabhängigkeit des ORF nur gewährleistet ist, wenn politische Parteien auch in den Chefetagen des Hauses keinen Einfluss finden. Es geht um den Eindruck, dass sich politische Parteien beim Generaldirektor etwas wünschen können. Dem wollen wir mit aller Schärfe entgegentreten.

2. Dass Stiftungsräte für ihr Wahlverhalten belohnt werden, halte ich für extrem schädigend für das Ansehen des Hauses. Aber es geht nicht darum, dass irgendwelche Leute Einfluss auf die "Zeit im Bild" bekommen. Da gibt es eine Firewall – und die Firewall sind wir Redakteure.

3. Wir haben dem Generaldirektor in aller Deutlichkeit klar gemacht, dass wir das nicht akzeptieren können. Entweder er zieht zurück oder der Herr Pelinka zieht zurück.

Ingrid Thurnher

Ingrid Thurnher moderiert u. a. "Im Zentrum".
© Bild: KURIER / Gruber Franz

1. Ich habe unterschrieben, weil ich es für fatal halte, wie diese Personalia der Glaubwürdigkeit des ORF schaden. Da können wir alle noch so unabhängig sein, was nützt das, wenn es uns niemand mehr glaubt.

2. Sie erwecken ziemlich deutlich den Anschein der Erfüllung politischer Gefälligkeit. Ob es tatsächlich so ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

3. Ich gebe dem Generaldirektor sicher keine Ratschläge. Da war die Resolution "für einen unabhängigen ORF" deutlich genug. Wir RedakteurInnen sind jedenfalls entschlossen, weiterhin um unsere Glaubwürdigkeit zu kämpfen.

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Erstellt am 15.01.2012