Kultur
01.10.2018

Opern-Triumph: Am Ende ist der Populist sehr einsam

"Berenice" von Michael Jarrell: Uraufführung in Paris mit Barbara Hannigan und Bo Skovhus sowie Dirigent Philippe Jordan.

Opernliebhaber fragen sich ja im Sprechtheater immer wieder mal: Wann beginnen die Menschen auf der Bühne endlich zu singen, damit sich etwas tut?

Kundige Sprechtheater-Besucher hingegen kommen im Fall eines Opernbesuches oft um die Frage nicht herum: Ist das wirklich alles, was an Schauspiel, also an darstellender Kunst, möglich ist?

Bei dieser Uraufführung an der Pariser Oper, einer der meistbeachteten der jüngeren Geschichte, stellen sich diese Fragen erfreulicherweise nicht. Hier wird gleichermaßen intensiv gesungen wie gespielt. Das ist Musik-Theater allererster Güte.

Und das größte Kompliment: Man nimmt die Musik phasenweise gar nicht mehr als vordergründiges Transportmittel wahr. Sie ermöglicht zwar das Bühnengeschehen, ordnet sich jedoch unter zugunsten des oft proklamierten und so selten erreichten Gesamtkunstwerkes. Ist das nicht der eigentliche Sinn von Musik: ganz unhinterfragt nur zu sein?

Wir sprechen von „Berenice“, einer neuen Oper von Michael Jarrell, die den Zyklus von Vertonungen französischer Literatur an der Pariser Oper fortsetzt (nach „Trompe-la-mort“ von Luca Francesconi, basierend auf Balzacs „Menschlicher Komödie“).

Das Werk

In „Berenice“, nach Racines 1670 uraufgeführter Tragödie, geht es um die gleichnamige jüdische Königin, die zur Geliebten des späteren römischen Kaisers Titus wird. Dieser beendet jedoch die Beziehung, weil weder das römische Volk noch der Senat eine Ehe mit einer Fremden akzeptieren würden.

Schon sind wir mitten in einer ewig aktuellen Problematik. Wo beginnen politisch gesetzte Grenzen, wenn es zwischenmenschliche nicht gibt? Wo geht sogenannte Staatsräson (heute würde man vielleicht Populismus sagen) vor Humanität? Am Ende dieses Dramas sind alle Verlierer, der einsame Titus, Berenice und Antiochus, der Freund von Titus, der Berenice lange Zeit auch heimlich begehrt.

Michael Jarrell, der ebenso das Libretto schrieb, versucht erst gar nicht, eine historische Geschichte zu erzählen, sondern ist sowohl in seiner Komposition als auch in seinem Fokus auf die drei Schicksale sehr zeitgemäß. Er findet für jede Figur eine eigene Tonsprache und lässt die Protagonisten fast arienartig singen, mit schönen Kantilenen, dramatischen Ausbrüchen und berührenden Lyrismen. Selten hört man eine Uraufführung, die einen derart starken Fokus auf die Singstimmen legt. Orchestral ist die Komposition packend, farbenprächtig, klassisch und raffiniert instrumentiert, manchmal schrill, dann ganz sanft, mit großem Schlagwerker-Einsatz die Handlung rhythmisch vorantreibend, im nächsten Moment zart fließend. Jarrels „Berenice“ wirkt dramatisch wie eine Oper von Berg und doch eigenständig und innovativ.

Philippe Jordan, der designierte Musikdirektor der Wiener Staatsoper, zeigt an seiner aktuellen Wirkungsstätte einmal mehr seine Qualifikation für eine solche Position. Es gibt wenige andere, die eine solche Bandbreite von Mozart über Wagner (zu hören zuletzt bei „Tristan“ in Paris) bis hin zur zeitgenössischen Musik haben. Er beeindruckt mit erzählerischer Kraft und großer Präzision am Pult.

Die Sänger

Barbara Hannigan macht die Berenice zum Ereignis: Sie spielt phänomenal, turnt auf ihrem Titus herum, wirft sich zu Boden, scheint ohne jeden Tropfen Wasser auf der Bühne zu schwimmen und singt ausdrucksstark und berührend.

Bo Skovhus ist ihr als römischer Kaiser ein ebenbürtiger Partner, mächtig und zerbrechlich, stimmlich markant und höchst intensiv. Auch Ivan Ludlow als Antiochus kann man als Idealbesetzung bezeichnen.

Die Inszenierung von Claus Guth konzentriert sich auf die Seelenzustände der drei Protagonisten, die Personenführung ist famos, die Bühne in drei Räume unterteilt, einer für jeden. Dieses Ambiente wird sehr beklemmend, die Personen rennen gegen Wände und können nicht aus ihrer Haut. Das Volk von Rom wird mit grandiosen Videos und Schattenspielen immer wieder eingeblendet, auch Traumsequenzen sind filmisch gelöst.

Das Premierenpublikum im Palais Garnier bedankte die Neuproduktion mit vielen Bravos. Eine exemplarisch gelungene, besonders mitreißende Aufführung.