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Kritik
10/09/2019

Oper: So ist die Pariser "Traviata", die Roščić nach Wien holt

Simon Stone hat Verdis Werk inszeniert; die Produktion kommt an die Wiener Staatsoper (Von Susanne Zobl).

Bogdan Roščić, künftiger Direktor der Wiener Staatsoper, hatte es beim KURIER-Tag bereits angekündigt: Zehn internationale Produktionen werde er in seiner ersten Spielzeit ans Haus am Ring bringen. Eine davon wird Giuseppe Verdis „La Traviata“ von der Pariser Garnier Oper in der Inszenierung von Simon Stone sein. Die Rezensentin des KURIER sah sich die Produktion an und war – nicht nur einmal – zu Tränen gerührt. Denn diese Deutung der Geschichte geht ans Herz.

Influencerin

Stone verlegt das Geschehen ins 21. Jahrhundert. Seine Violetta ist Influencerin, mit eigener Parfum-Marke, ein Social-Media-Star. Schon vor Beginn ist ihr Porträt auf einer Plakatwand auf der Bühne (Bob Cousins) affichiert. Ihre stark geschminkten Augen sind geschlossen, während der Ouvertüre blitzen SMS-Botschaften auf.

In der südafrikanischen Sopranistin Pretty Yende hat Stone die Idealbesetzung für seine Deutung gefunden. Man glaubt, was sie spielt: Eine Frau, die um ihrer Selbst willen zum Medienstar geworden ist, informiert ihre Zigtausend Follower fast im Minutentakt über ihren Alltag.

Vom Arztbesuch postet sie Selfies, lächelnd mit einer Kanüle im Arm. Smiley. Dann die Horror-Diagnose per SMS: Krebs. Die Smileys tragen nun Trauer. Eine weiße Drehbühne, auf der Stone seine Videoprojektionen – Rosen, SMS, Selfies oder Schlagzeilen – gezielt einsetzt, eröffnet den Blick auf eine Partygesellschaft.

Ein Schnösel im Smoking baggert frech die Frau im goldenen Glitzerkleid an. Er will sie, diese Valéry, die alle begehren. Der französische Tenor Benjamin Bernheim ist ganz in seinem Element. Klar lässt er seine Stimme erstrahlen, seine eleganten Phrasierungen fließen wie der Champagner, den er in eine Pyramide aus Gläsern gießt. Und dieses herrliche Timbre!

Mistkübel

Wie sich das Paar dann beim Hintereingang des Party-Clubs zwischen Getränkekisten und Mistkübeln findet, wie Yende und Bernheim spüren lassen, dass da im Leben zweier Menschen gerade etwas passiert, geschieht völlig authentisch. Violetta streift durchs nächtliche Paris. Vor der Statue der Jeanne d’Arc intoniert sie ihr „Sola abbbandonata“, stärkt sich am Imbiss „Paristanbul“ und smst mit Alfredo.

Mit ihrem Seelengesang macht Yende den Schmerz dieser jungen Frau mit jedem Ton, mit jeder Geste spürbar. Stone lässt in seiner Inszenierung nichts aus, was heute angesagt ist. Das Paar zieht aufs Land, keltert Wein, hält Rinder. Auch eine echte (!) Kuh spielt mit. Landleben eben im großen Stil.

Das hält kein Konto aus. Per Video werden Violettas Bankauszüge projiziert. Über 150.000 Euro Minus. Vater Germont kommt, trennt das Paar. Die Schlagzeilen per Video erklären warum: „Skandal: Saudischer Prinz will Verlobung mit der Tochter (jener von Germont, Anm.) lösen“.

Gerichtsvollzieher

Ludovic Tézier zeigt diesen Germont wie einen Gerichtsvollzieher, der einem alles nimmt. Seinen eleganten Bariton führt er beklemmend schön. Violettas Abschiedsbrief kommt per SMS. Noch einmal Party, leuchtende Neon-Figuren, Krankenhaus, Tod. Das schmerzt, geht tief.

Vor allem, wenn die Partitur so umgesetzt wird, wie von Michele Mariotti am Pult des Pariser Opernorchesters. Schade, dass er die Produktion nicht auch in Wien leiten wird. Von den Sängern überzeugt Catherine Trottmann als Flora mit klarem Sopran. Thomas Dear als Grenvil. Christian Helmer blieb als Baron dezent im Hintergrund. Das Pariser Publikum jubelte und postete.