"Im Keller" von Ulrich Seidl hatte Premiere in Venedig

© /Stadtkino Filmverleih

Kritik
08/29/2014

Österreichs Niederungen: Ulrich Seidls "Im Keller"

Der neue Film des Österreichers läuft bei den Filmfestspielen Venedig außer Konkurrenz

von Alexandra Seibel

Was ist denn mit euch Österreichern los? Ich dachte, wir sind die Bösen“, grinst ein deutscher Kollege, nachdem er Ulrich Seidls Doku „Im Keller“ gesehen hat. Dass es in Österreichs Kellern manchmal unschön zugeht, ist der Welt allerdings spätestens seit den Verbrechen von Priklopil und Fritzl bekannt. Und wenn Ulrich Seidl Menschen in ihren Kellern besucht, findet er mehr als nur harmlose Hobby- und Bastelräume

Aber das war vorherzusehen. „Im Keller“ lief im Hauptwettbewerb in Venedig außer Konkurrenz und eröffnete extreme, nicht ganz unerwartbare Einblicke.

Eine nette ältere Frau kramt in ihrem Kellerabteil in alten Schachteln, holt eine täuschend echt aussehende Babypuppe hervor und wiegt sie mit unheimlicher Hingabe („Schatzi, komm zur Mama.“) Ein Mann schmettert Opernarien, ehe er die Pistole zieht und auf Pappfiguren feuert. Ein Ehepaar erinnert sich in seinem vereinsamten Partykeller an rauschende Feste von früher. Auch die obligate Modelleisenbahn findet sich im Keller eines der Protagonisten.

Unbequemer wird es schon, wenn wir Herrn Ochs in seinem Keller besuchen. Der sitzt vor SS-Flaggen und einem Hitlerbild („Mein schönstes Hochzeitsgeschenk“) und bläst Posaune. Seine Blasmusik-Kameraden kommen gerne zum Saufen vorbei und machen sexistische Witze. Das Hitlerbild stört sie nicht im Geringsten. Ja, die Polizei war auch schon da, ist aber wieder gegangen. Das ist eben Österreich.

Und was wäre ein Keller ohne sexuelle Perversionen? Im Tiefparterre hängt eine Ehefrau ihren Mann an seinen Hoden auf, eine andere lässt sich genussvoll den Hintern versohlen.

Geheime Obsessionen

Der Keller als Schauplatz der privaten Niederungen, geheimen Obsessionen und rassistischen Dehnübungen: Ulrich Seidls Blick ins österreichische Untergeschoss fördert radikale, manchmal auch tragisch-komische Bilder zutage. Wer unter den Geweihen seiner unzählig geschossenen Tiere sitzt und vom Warzenschwein-Schnitzel fantasiert, ist irgendwie auch zum Lachen.

Gegen Ende hin nehmen die Besuche in den SM-Sexkellern überhand und verschieben den Erzählrhythmus. Das ist fast ein bisschen schade, weil eine Spur zu erwartbar.

Wo sich in der Trilogie der „Paradies“-Spielfilme – vor allem in „Paradies: Hoffnung“ – Räume öffneten, dichten sich in Seidls neuer Doku die Bilder wieder ab. In toll komponierten, oft symmetrischen Tableaux fixiert Ulrich Seidl seine Protagonisten neben ihren Waschmaschinen, im Drogenrausch oder auf dem SM-Foltersessel. „Im Keller“ endet mit einer Frau im Käfig.

Wir haben uns schon mal freier gefühlt.

Langer Applaus für Seidls Film

Mit einem stürmischen und mehreren Minuten lang anhaltenden Applaus haben die Zuschauer am Freitag am Ende der Weltpremiere von Ulrich Seidls "Im Keller" in Venedig reagiert. Der Wiener Regisseur saß in der "Sala Grande" am Lido mit mehreren Protagonisten seines Dokumentarfilms, das in Venedig außerhalb des Wettbewerbs präsentiert wurde.

"Bei Premieren bin ich bezüglich der Reaktionen des Publikums ganz ohne Erwartungen. Die Reaktion war hier in Venedig positiv, es ist auch viel gelacht worden", kommentierte Seidl im Gespräch mit der APA. Im Saal war Seidl von einigen Hauptdarstellern seines Films, darunter Alessa und Gerald Duchek, umringt, die im Film als Ehepaar mit Vorliebe für extreme sadomasochistischen Praktiken zu sehen sind.

"Wir stehen zu unserer Sexualität, wegen der wir uns nicht schämen. Im Gegenteil. Der Film ist keine Fiktion, sondern stellt real dar, wie wir unsere Beziehung leben. Vor der Kamera waren wir ganz wir selbst. Ulrich Seidl hat mit größtem Respekt mit uns gearbeitet", berichtete Alessa Duchek, die in Seidls Film als sadistische "Herrin" ihren Ehemann gnadenlos knechtet und mit pinkgefärbten Haaren und einem großen Drachen auf den Schultern tätowiert in Venedig auftrat.

Peter Vokurek, der sich in Seidls Film in den Dienst sexueller Fantasien übergewichtiger Frauen stellt, war von der Premiere begeistert und würde gern in anderen Seidl-Filmen auftreten. "Ich bin eher exibitionistisch veranlagt. Es war ein reines Vergnügen, mit Seidl zu drehen", betonte Vokurek, der von Beruf Lagerarbeiter ist. Reaktionen zu seinem ungewöhnlichen Filmauftritt am Arbeitsplatz befürchtet der Darsteller nicht. "Ich stehe voll hinter dem, was ich mache - und das wird bei der Arbeit toleriert, denn das gehört zu meiner Freizeit", meinte der Wiener.

(APA)

Seidl und Franz: Horror im Alltag, Hölle im Alltag

Die 71. Filmfestspiele von Venedig eröffnen Mittwochabend. Als einzige österreichische Teilnehmer treten Ulrich Seidl, Veronika Franz – langjährige Filmkritikerin des KURIER – und ihr Co-Regisseur Severin Fiala an. Von Seidl läuft der Essay-Film "Im Keller" im Wettbewerb außer Konkurrenz. Seine Langzeit-Partnerin und Drehbuch-Co-Autorin Franz zeigt, gemeinsam mit Fiala, ihr Spielfilmdebüt: "Ich seh Ich seh" ist ein Horrorfilm, der in der renommierten Reihe Orizzonti läuft. Ein Gespräch über Horror, Keller und rote Teppiche.

KURIER: Herr Seidl, haben Sie geahnt, dass in Ihrer langjährigen Partnerin, Drehbuch-Co-Autorin und Regieassistentin Veronika Franz auch eine Regisseurin steckt?

Ulrich Seidl: Nein. Allerdings hat es allmählich angefangen. Zuerst gab es ein kleineres Projekt, den Doku-Film "Kern". Dass noch etwas nachkommen wird, war klar.

Veronika Franz: Er hätte gar nicht wissen können, dass eine Regisseurin in mir steckt, weil ich es selber nicht wusste. Es ist ein Unterschied, ob man mit 25 oder 30 entscheidet, auf die Filmakademie zu gehen, oder ob man sich, wie ich, ein Leben lang mit Film beschäftigt. Der Schritt dazu, es dann selber zu machen, war ein Prozess. Ich habe sehr viel durch meine Arbeit mit Ulrich gelernt.

KURIER: Wenn man lange mit Ulrich Seidl zusammenarbeitet – ist es dann logisch, dass man als Spielfilmdebüt einen Horrorfilm macht?

Franz: (lacht) Selbstverständlich! Ich finde, Ulrich macht auch Horrorfilme, und zwar auf ganz andere Weise. Nicht Blut- und Beuschel-Filme, sondern über Dinge, die Horror im Alltag sind.

Seidl: Ich würde nie behaupten, dass ich Horrorfilme mache. Das schreiben manche Journalisten. Eher erzähle ich von der Hölle im Alltag.

Franz: Werner Herzog hat über deine Filme gesagt: "Ich habe noch nie in meinem Leben so in die Hölle geschaut." Da könnte man schon argumentieren, dass das in gewisser Hinsicht Horrorfilme sind.

Seidl: Ja, aber das steht bei mir nicht am Anfang. Ganz im Gegensatz zu eurem Film: Ihr habt euch ja explizit vorgenommen, einen Horrorfilm zu machen.

KURIER: Worum geht es?

Franz: Der Film spielt in einem allein stehenden Haus am Land und handelt von einer Mutter, die nach einer Operation einbandagiert nach Hause zu ihren Zwillingsbuben kommt. Sie sieht unheimlich aus und verhält sich anders als früher. Die Buben beginnen zu bezweifeln, dass diese Frau ihre Mutter ist.

KURIER: Herr Seidl, Sie sind mit Ihrer Produktionsfirma auch der Produzent von "Ich seh Ich seh". Worin bestand Ihre Funktion?

Seidl: Den Film zu unterstützen – immer im Sinn der beiden Regisseure, aber auch mit der finanziellen Verantwortung gegenüber unserer Produktionsfirma. Ich habe bei den Vorentscheidungen – der Wahl der Drehorte, der Auswahl der Zwillingsbuben – mitgesprochen, aber nie beim Dreh selber. Ich bin nicht hinter ihnen gestanden und habe Ezzes gegeben. Erst danach habe ich mir die Muster angeschaut, und wir haben die Ergebnisse besprochen.

KURIER:Und was Sie gesehen haben, hat Ihnen gefallen?

Seidl: Nicht immer. Der Film hat einen Prozess gemacht und ist im Schnitt und in der Postproduktion immer besser geworden.

KURIER: Wie viel "Seidl" steckt in "Ich seh Ich seh"?

Franz: Severin (Severin Fiala, der Co-Regisseur, Anm.) und ich haben eine Einstellung im Film, die nennen wir immer das "Seidl-Bild": Da sieht man, wie die Zwillinge am Bett sitzen und synchron Würstel essen. (lacht)

KURIER: "Im Keller" läuft im Hauptwettbewerb außer Konkurrenz. Worum geht es?

Seidl:"Im Keller" ist ein dokumentarischer Essayfilm und hat den Keller in vielerlei Hinsicht zum Thema. Ich habe einmal festgestellt, dass die Österreicher sehr gerne ihre Zeit im Keller verbringen. Da gibt es den Arbeitskeller und Bastelkeller, aber auch die Kellersauna oder die Kellerbar. Viele Leute gehen in den Keller, wenn sie so sein wollen, wie sie wirklich sind. Dort ist man ungestört. Auf der anderen Seite wissen wir auch, dass der Keller der Ort der Dunkelheit, der Angst und des Verbrechens ist.

KURIER: Wäre es denkbar, dass Sie beide ein Drehbuch schreiben und dann Veronika Franz die Regie übernimmt?

Seidl: Ich glaube, das funktioniert nicht. (schmunzelt)

Franz: Dazu ist unsere Zusammenarbeit zu hierarchisch. (lacht) Ich schreibe für ihn, und er entscheidet, was er davon haben will und was nicht. Die Zusammenarbeit mit meinem Co-Regisseur hingegen ist gleichberechtigt.

KURIER: Nun treten Sie gemeinsam bei den Filmfestspielen an...

Franz: Darauf sind wir schon sehr stolz. Wir gehen binnen 24 Stunden zwei Mal über den roten Teppich – bei den Orizzonti gibt es auch einen roten Teppich. Das ist etwas Besonderes.

Theatersatire von Peter Bogdanovich

Als wäre er der bessere Woody Allen, bestückte Hollywood-Altmeister Peter Bogdanovich den Wettbewerb außer Konkurrenz mit einer heiteren Theatersatire: „She Is Funny that Way“ funkelt vor Stars und Wortwitz. Owen Wilson, Imogen Poots und Jennifer Aniston schnalzen sich die Pointen um die Ohren.

Wieder einmal steht – wie schon beim Eröffnungsfilm „Birdman“ – die Produktion eines Broadway-Stückes auf dem Spiel. Der Regisseur (Wilson) verbringt die Nacht mit einem Call-Girl (Poots) und fällt aus allen Wolken, als diese diese am nächsten Tag für sein Stück vorspricht. Die anschließenden Verwirrungen lassen alle Schauspieler zu Höchstform auflaufen, allen voran eine schlagfertige Jennifer Aniston. Als gelernte Sitcom-Queen weiß sie einfach, was Komödien-Timing bedeutet und erhielt vom Publikum Szenenapplaus.

Manchmal muss man in Venedig übrigens gar nicht auf die Leinwand oder den roten Teppich schauen, um Stars zu erblicken. Bei einem Screening von „Miu Miu Women’s Tale “ – der Präsentation dreier Regisseurinnen, deren Arbeiten von dem Mode-Label mitgesponsert wurden – saßen plötzlich Kirsten Dunst und ihre Freundinnen auf dem Vordersitz. Allerdings präsentierten sie keine Filme – sondern Kleider von Miu Miu.

Der Diebstahl von Charlie Chaplins Sarg

Auf den ersten Blick sieht es auf dem 71. Filmfestival in Venedig aus wie immer. Die Baugrube auf dem Lido, an deren Stelle eigentlich ein neuer Kinopalast hätte entstehen sollen, wirkt schon seit Jahren wie eine unbehandelte Zahnlücke. Ob Asbest, mafiöse Verstrickungen oder schlicht Geldmangel – mit dem Neubau wird es wohl so schnell nichts werden.

Trotzdem ist die alte Dame Venedig – immerhin das älteste Filmfestival der Welt – nicht von gestern. So entschloss man sich etwa dazu, das große Pressekino Darsena komplett neu zu renovieren. Noch bis letztes Jahr fanden die Pressevorführungen in einem riesigem Blechcontainer statt, der mit derartig engen Sitzreihen bestückt war, dass man die Knie in den Rücken des Vordersitzmannes bohren musste. Doch das ist Geschichte.

Gewitter

Die Stadt Venedig ließ knackige 6 Millionen Euro für die Renovierung springen, erweiterte die Sitzkapazität auf 1409 Plätze und installierte ein neues Audio-System mit 3-D-Effekten. Gleich zum Auftakt des Filmfestes präsentierte Biennale-Präsident Paolo Baratta höchstpersönlich das neue Sound-System, in dem er die Toneffekte eines anrollenden Gewitters vorführte.

Die Wucht der Anlage konnte man bei der Vorführung des Eröffnungsfilmes "Birdman" überprüfen. Die Musik zu Alejandro Iñárritus witzig-pritzelnder Superhelden-Satire "Birdman" donnerte ohrenfüllend aus den Lautsprechern. Trotz angekündigter (Star-)Sparmaßnahmen machte Festivalchef Alberto Barbera mit "Birdman" einen guten Griff und lieferte die richtige Mischung aus smartem Unterhaltungskino und Starruhm mit Edward Norton und Michael Keaton (zur Lang-Kritik).

Sein künstlerisches Credo legt Barbera gleich im Vorwort seines Festivalkataloges ab: Sein Programm wolle sich nicht der Ökonomie der Einspielergebnisse beugen, sondern innovatives Autorenkino bieten. Rund fünfzig Filme laufen (bis 6. 9.) – zwanzig im Bewerb um den Goldenen Löwen. Er, Barbera, wünsche sich ein Festival mit Filmen, die sich darum bemühten, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Der französische Wettbewerbsbeitrag "The Prize of Fame" von Xavier Beauvois, bietet so einen unverstellten Blick. Während der Franzose zuletzt in seinem harten Drama "Von Menschen und Göttern" über die Ermordung von Mönchen in Algerien erzählte, schlägt er für "The Prize of Fame" eine völlig andere, tragikomische Tonart an. Sein arbeitsloser Held Eddy ist ein sympathischer Witzbold und Tagedieb. Nach einem Gefängnisaufenthalt schlüpft er bei seinem Freund Osman und dessen kleiner Tochter in deren Wohnmobil am Genfer See unter. Die finanzielle Lage ist bedrückend. Als Eddy in den Nachrichten vom Tod Charlie Chaplins hört (wir schreiben das Jahr 1977), hat er eine geniale Idee: Die Leiche von Chaplin zu klauen und gegen Lösegeld der Familie zurückzugeben.

Sargraub

Allein der Kampf mit Charlie Chaplins Sarg bietet umfassenden Komödienstoff. Beauvois verschränkt seine glasklaren Bilder von den armen Rändern einer reichen Schweiz mit dem Glücksversprechen des klassischen Hollywood-Kinos. Er tut dies über seine Filmmusik, komponiert vom großen Michel Legrand: Wann immer seine einfältigen Kleinganoven von der großen Lebensveränderung träumen, schwillt die Musik auf Orchestergröße.

Und zuletzt sieht man zumindest Charlie Chaplin mit anderen Augen.

Um den Blick geht es auch in Joshua Oppenheimers niederschmetternder Doku "The Look of Silence": Als Nachfolgefilm zu seinem Monumentalwerk "The Act of Killing" über die Massenmorde an vermeintlichen Kommunisten in Indonesien 1965/’66 widmet sich Oppenheimer erneut dieser Thematik. Ein junger Mann trifft auf die Mörder seines Bruders und stellt sie zur Rede. Doch die Täter erwidern seinen forschenden Blick nicht, erfinden Lügen oder bedrohen ihn ganz offen.

So lange niemand hinschaut – das erzählt der Film eindringlich – lässt sich weder die Vergangenheit, noch die Zukunft Indonesiens mit neuen Augen sehen – und schon gar nicht verändern.

Die Wettbewerbsfilme in Venedig

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