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NÖKU-Chef geht in Pension: „Die geschützte Werkstätte gibt es nicht“

Niederösterreichs wichtigster Kulturmanager Paul Gessl über die finanziellen Herausforderungen im Kulturbetrieb, seinen Ärger über den Rechnungshof und die Leitlinien seiner Entscheidungen.
Ein lächelnder Mann mit grauem Haar und schwarzem Hemd steht mit verschränkten Armen vor einem Fenster.

Paul Gessl ist der Kopf der NÖ Kulturwirtschaft, kurz NÖKU. 26 Jahre hat er diese entscheidende Rolle im NÖ Kulturbetrieb ausgefüllt. Nun geht er in Pension.

KURIER: Herr Gessl, reden wir über die NÖKU. Diese ist eine der größten Kulturmanagementorganisationen Österreichs, auch wenn es manchmal nicht so wahrgenommen wird. Über 40 Kulturinstitutionen, über 1300 Mitarbeiter. Es wird jährlich ein Volumen von 136 Millionen Euro bewegt. Wie kann man da als CEO überhaupt noch führen?

Paul Gessl: Als Unternehmen gedacht ist die NÖKU nicht groß. Es gibt viel größere Unternehmungen in der Wirtschaftswelt. Und ich sehe die NÖKU als Wirtschaftsgebilde und deswegen ist es für mich nichts Besonderes. Die große Herausforderung im Kulturmanagement ist es, die Balance von künstlerischer, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung zu finden.

Zu der NÖKU zählt Grafenegg, zählen die Landestheater und das Festspielhaus, die Museen, die Tonkünstler und vieles mehr. Insofern ist das schon riesig. Und wie wäge ich die künstlerische Bedeutung gegen das Geld ab, das ich investiere? Das ist schon eine schwere Entscheidung, denke ich mir.

Wahrscheinlich sind wir europaweit die einzige Kulturorganisation, die so heterogen, so vielfältig, so genreübergreifend, so interdisziplinär aufgestellt ist. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance. Und das macht die Würze in dieser Organisation aus. Die Hauptaufgabe von mir oder meinem Team war immer, die besten künstlerischen Köpfe für die jeweilige Sparte und für den jeweiligen Kulturbetrieb zu finden. Nicht wir in der NÖKU machen Kunst und Kultur, nicht wir in der NÖKU machen künstlerisches Programm, sondern wir schaffen Rahmenbedingungen und Planungssicherheit.

Aber gerade Sie müssen darauf schauen, dass das in einem finanziellen Rahmen bleibt. Das ist gerade im Bereich Kunst oft schwierig.

Das stimmt, das ist die große Herausforderung. Mein Job mit meinem Team war und ist, die wirtschaftliche Planbarkeit sicherzustellen. Für die Politik geht es um die Sicherheit, dass das Steuergeld dort eingesetzt wird, wo es angedacht war. Und der Kunst muss die Sicherheit gegeben werden, dass genug Geld da ist, um das Richtige zu machen. Und das ist, denke ich, sehr gut gelungen. Wir haben in den vergangenen 26 Jahren betreffend Compliance, betreffend wirtschaftlicher Risiken, betreffend Budgets kein Problem gehabt. Wir haben unsere Hausaufgaben als Team gemeinsam gut erledigt. Darauf darf man schon stolz sein.

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Blicken wir in das NÖKU-Startjahr 2000 zurück. Ziel des damaligen Landeshauptmanns Pröll war es, im Kulturbereich aus dem Schatten von Wien zu treten. Sie waren von Anfang an dabei, wie haben Sie das erlebt?

Ich war ja von der Stunde Null an Bord. Es ging um zwei große Linien, die ganz, ganz wichtig waren. Das eine war, wenn wir Kunst machen, muss sich jede unserer Aktivitäten klar differenzieren von dem, was da ist, und von dem, was die Bundeshauptstadt macht. Deswegen war eine unserer Hauptaufgaben die künstlerische Profilierung, Differenzierung und Positionierung. Projekte wie Grafenegg, Carnuntum, Donaufestival, also sehr zugespitzte Positionen, die es in Wien nicht gegeben hat, erfolgreich in Niederösterreich umzusetzen. Zweitens war es unser Riesenvorteil, dass wir auf der grünen Wiese Neues probieren und umsetzen durften.

Es hat aber doch einige Zeit gedauert, bis man in Wien überhaupt zur Kenntnis genommen worden ist. Lange Zeit wurde Niederösterreich von der Kulturabteilung des ORF bewusst ignoriert.

Das kann ich hundertprozentig bestätigen. Das Thema vermeintliche Provinzialität, das Thema der Konzentration auf die Bundeshauptstadt, das habe ich selbst erleben müssen. Aber genau diese vorher angesprochene Strategie, wir machen etwas, was einzigartig ist, wir machen etwas, was keiner erwartet hat. Das war auch die Stärke des politischen Systems in Niederösterreich, Unerwartetes zuzulassen. Das Thema der monografischen Museen, Grafenegg, das Donaufestival, das waren Leuchttürme. Da hat ganz Europa auf uns geschaut. Und wie lange haben wir gebraucht, dass St. Pölten als Landeshauptstadt und jetzt als Kulturstadt wahrgenommen wird? Auch in Wien. Die Kultur war einer der Treiber, um auf St. Pölten aufmerksam zu werden.

Die NÖKU ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Zuletzt sind die Festspiele Reichenau, das Stadttheater Wiener Neustadt und der Rudolf-Buchbinder-Saal in Grafenegg dazugekommen. Wie ist diese Expansion in Zeiten des Sparens möglich?

Wir haben da die anderen Bundesländer ein bisschen neidisch nach Niederösterreich schauen lassen. Bei der Eröffnung vom Rudolf-Buchbinder-Saal haben mich viele Menschen, die auch überregional angereist sind, angesprochen, wie wir das machen? Es ist das Ergebnis von Konsequenz und Zielorientierung. Beim Rudolf-Buchbinder-Saal haben wir seit fünf Jahren gewusst, dass die Reitschule in Grafenegg ein Sanierungsprojekt darstellt. Und wir haben zeitgerecht gemeinsam mit Bund und Land sehr transparent dieses Projekt vorbereitet. Aber über sechs Millionen Euro sind als Eigenmittel, die sich die Grafenegger Kulturbetriebsgesellschaft in den letzten fünf bis sieben Jahren abgespart hat, und von Sponsoren eingeflossen.

Dennoch kam Kritik vom Landesrechnungshof an der finanziellen Ausgestaltung der NÖKU.

Deswegen betone ich in aller Deutlichkeit: Der Rechnungshof hat kritisiert, dass die NÖKU Liquidität hat. Ich bin Kaufmann, ich bin verantwortlich für 1300 Mitarbeiter. Ich komme von einem Bauernbetrieb und habe gelernt: Spare in guten Zeiten. Und wir haben die letzten 20 Jahre permanent jeden Cent umgedreht und auf die Seite gelegt, unter anderem auch die beinahe sechs Millionen Euro, um so ein Projekt in Grafenegg möglich zu machen. Das ist die Stärke der NÖKU, wir arbeiten stark privatwirtschaftlich. Wir arbeiten effizient, transparent und zielorientiert. Und ich lasse mir diese Kritik vom Rechnungshof in dieser Oberflächlichkeit, ich möchte sagen, teilweise in dieser Inkompetenz, nicht gefallen. Ich habe mich verwehrt dagegen. Und ich zeige mit Ergebnissen, wie man sinnvoll wirtschaftet.

Wenn ich eine so große Kulturlandschaft aufbaue, dann kämpft man in Zukunft mit hohen Fixkosten. Es muss ja alles irgendwie aufrechterhalten werden.

Ich werde jetzt oft eingeladen, um als Teilnehmer darüber zu diskutieren, was die großen Herausforderungen von Kunst und Kultur in den nächsten Jahren sind. Ich sage es mit aller Deutlichkeit, einfach so wird es nicht weitergehen, auch im Kulturbereich nicht. Das Prinzip der geschützten Werkstätte gibt es im Kunst- und Kulturbereich nicht. Wir haben uns den neuen Herausforderungen zu stellen. Runter mit den Fixkosten, Kooperationen und das Zusammenspiel von bestehenden Infrastrukturen und Synergien sind meine drei Prinzipien, die ich jedem Kulturmanager für die Zukunft mitgebe. In der NÖKU haben wir viele Bereiche zentralisiert. Etwa die IT, die Buchhaltung, die kaufmännischen Gestionen. Wir werden noch weitere Schritte zentral setzen, damit wir mehr Mittel freibekommen für Kunst und Kultur und um genau diesen wirtschaftlichen und budgetären Herausforderungen gewachsen zu sein.

Was niemand glauben kann, ist, dass Paul Gessl mit dem Ende seiner NÖKU-Zeit tatsächlich in Pension geht. Oder sind das schon neue Projekte in der Pipeline?

Ich bin jetzt 26 Jahre bei der NÖKU und war davor fast 14 Jahre Geschäftsführer in Privatwirtschaft. Ich möchte jetzt einmal raus. Mein Hauptziel ist, Raum und Zeit eigenbestimmt für mich zu haben. 

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