Nina Hoss spielt in Christian Petzolds „Phoenix“ – „dann ist Pause“

© KURIER/Franz Gruber

Kino
12/05/2014

Sich von außerhalb der Gesellschaft ins Leben zurückarbeiten

Der deutsche Star Nina Hoss spielt in Christian Petzolds Film "Phoenix" eine KZ-Überlebende.

von Alexandra Seibel

Sie komme direkt aus Salzburg, sagt Nina Hoss im Interview in Wien. In Salzburg habe sie "ein breites Grinsen auf den Lippen gehabt" – in Erinnerung daran, dass sie dort die Buhlschaft im "Jedermann" gespielt hatte: "Das war eine tolle Zeit."

Nach Wien kam Nina Hoss des Kinos wegen. Anlass bot die Premiere ihres neuen Films "Phoenix" (jetzt im Kino) von Christian Petzold. Darin spielt Hoss die jüdische KZ-Überlebende Nelly, die ihren nichtjüdischen Ehemann Johnny (Ronald Zehrfeld) im zerbombten Berlin sucht. Ihr zerstörtes Gesicht wurde durch eine Operation rekonstruiert, trotzdem erkennt sie ihr eigener Mann nicht wieder.

KURIER:Frau Hoss, Sie haben zu Beginn von "Phoenix" ein bandagiertes Gesicht. War das schwierig für Ihr Schauspiel?

Nina Hoss: Im Gegenteil, es hat mir und meiner Figur Nelly geholfen, weil es mir Zeit gegeben hat: Zeit, zuerst einmal nichts zu sein. Nelly hat kein Gesicht, keine Identität und sie kann zuerst einmal alles auf sich wirken lassen, ohne sich der Außenwelt zu zeigen. So konnte ich mich mit ihr zurechtfinden.

Nelly hat das KZ überlebt und will zu ihrem deutschen Mann zurück, der sie womöglich verriet. War das nachvollziehbar?

Ja, denn sie wurde ihrer ganzen Identität beraubt und muss wieder von vorne anfangen. Die Liebe zu ihrem Mann hat sie überleben lassen – und von dieser Liebe kann sie sich nicht gleich verabschieden. Sie macht keine Schuldzuweisungen, sondern sie muss ihm zuerst in die Augen schauen. Das war mir absolut einleuchtend.

Auch, dass sie der eigene Mann nicht erkennt?

Für mich war klar, dass Nelly sofort akzeptiert, dass er sie nicht erkennt. Sie empfindet sich ja selbst auch nicht mehr als die, die sie war.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Ich habe viel gelesen, vor allem darüber, wie das Lagerleben die Identität der Insassen zerstört. Ich habe Primo Levi gelesen, Anna Seghers und Herta Müller. Besonders Müller beschreibt ganz unfassbar, was Hunger mit Körper und Geist macht. Das hat mir geholfen zu verstehen, was Nelly durchmachte. Auch Lanzmanns "Shoah" war sehr hilfreich.

Der Vergleich mit Hitchcocks "Vertigo – Aus dem Reich der Toten" liegt ebenfalls nahe.

Oh ja, überhaupt Film Noir, wie etwa "Out of the Past". Für mich waren diese Filme besonders wegen der Männerfiguren interessant. Da wird ein Typ von Mann verkörpert, der alles ins Handeln packt, nicht ins Fühlen. Im Handeln haben diese Männer eine Antwort parat – so wie die Figur von Johnny.

Am Ende singen Sie "Speak Low" von Kurt Weill ...

Ich habe immer schon gesungen und eine Ausbildung in Operngesang gemacht. Ich habe sogar bei Michael Thalheimer in der "Fledermaus" die Rosalinde gespielt. Das alles kam mir zugute – dass ich keine Angst vor dem Singen habe. Dieses Lied war eine fantastische Idee – weil es die Geschichte noch einmal in Kurzform erzählt.

"Phoenix" ist Ihre sechste Zusammenarbeit mit Christian Petzold. Was verbindet Sie?

Seine Figuren, für die ich ein Grundverständnis habe, obwohl sie mir auch fern sind: Es sind Frauen, die außerhalb der Gesellschaft stehen und sich ins Leben zurückarbeiten. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir jetzt eine Pause machen (lacht). Wenn man frische Luft reinlässt, kann man auch wieder einen frischen Blick aufeinander haben.