Kultur
28.07.2018

Nichts gegen Maigret, aber jetzt kommt Dr. Lamberti

Der nächste Versuch, den Italiener Giorgio Scerbanenco (1911 – 1969) und seine Krimiserie kennenzulernen.

Während alle 75 „Maigret“-Romane innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal herausgebracht werden – zuerst vom Diogenes Verlag, demnächst von Hoffmann und Campe –, startet ein leiserer Versuch, Duca Lamberti in Erinnerung zu rufen.
Dr. Lamberti, der  Mailänder Arzt, der einer Todkranken im Spital Sterbehilfe geleistet hatte und deshalb eine dreijährige Gefängnisstrafe absitzen musste.
Danach vermittelt ein befreundeter Polizist  den Arbeitslosen an einen unsympatischen Neureichen, dessen Sohn Hilfe braucht.
Mailand spielt mit. Mailand in den 1960er Jahren. Obwohl das Land im Aufschwung ist, wird man bei   Girogio Scerbanenco die Stadt im Schatten sehen.

Whisky

Er sorgte ab 1966 bis zu seinem frühen Tod 1969 mit diesem „Helden“ dafür, dass der italienische Kriminalroman nicht mehr verspottet wurde. (Was Gadda schrieb, was Sciascia schrieben, wurde nicht als Kriminalroman angesehen, sondern einfach als ... Literatur.)
Vier Lamberti-Bücher gibt es, der Folio Verlag bringt sie alle neu heraus. Schon die ersten Ermittlungen  werden aufs Angenehmste überraschen. Weil man fast vergessen hat, wie weit die Krimi-Landschaft sein kann; und wie echt, wie echt klug die Dialoge sein können.
In „Das Mädchen aus Mailand“ ermittelt Lamberti zunächst, wieso der junge, fesche, g’scheite Davide dem Whisky verfallen ist.  Das ist ja schon einmal eine etwas andere detektivische Arbeit.
Davide fühlt sich schuldig – das darf verraten werden. Mehr muss hier nicht sein. Schalten wir uns nur noch kurz dazu, wenn eine Frau bei zwei Gläsern Bier auf den Tisch haut (nicht vergessen: sechziger Jahre!):
„Ist es unter sozialen Gesichtspunkten ein Fehler, dass die Frau das Recht hat, sich zu prostituieren? Ich meine natürlich nur auf rein privater Ebene, also wenn sie selbst Lust dazu hat und nicht von anderen Menschen oder durch die Umstände dazu gezwungen wird.“
Nichts gegen Maigret. Aber jetzt  ist Scerbanenco an der Reihe.


Giorgio
Scerbanenco:

„Das Mädchen
aus Mailand““
Übersetzt von
Christiane Rhein.
Nachwort Giancarlo De Cataldo.
Folio Verlag.
256 Seiten.
18 Euro.

KURIER-Wertung: ****