© APA/AFP/PHILIPPE LOPEZ

Literatur
08/02/2019

Nicht nur ein Roman über die verrückte amerikanische Justiz

"Ich bin ein Schicksal" heißt das Buch. Rachel Kushner lässt ihre eingesperrte Heldin manchmal seltsame Sachen sagen.

von Peter Pisa

Der Lehrer im Gefängnis, der letzte  Idealist, weiß es noch nicht und testet Romy Hall  mit Rechnungen in der Art: 4 und 5 = 7 oder 8 oder 9?
Aber uns Lesern ist schon nach wenigen Seiten  klar:
Romy – verurteilt zu zwei mal Lebenslang plus sechs Jahre – ist klug und  immer für Überraschungen gut.
Wenn die 28-Jährige von der Bucht in San Francisco redet, in deren Nähe sie einst wohnte, so  sagt sie schwärmerisch: Das Meeresblau sei weich gemacht worden vom Hauch eines Nebelrests und deshalb wie ein ... Feuchtigkeitskuss.
Auch vergleicht Romy Hall das Haar, das farblos-blond ist,  mit  „Nissenhüllen“. Aber sie kann ja nichts dafür, die kalifornische Schriftstellerin Rachel Kushner  hat ihre Romanfigur so erschaffen..
Jedenfalls  hatte sie einen Mann, der sie stalkte, mit einem Wagenheber erschlagen. Einen guten Verteidiger konnte sie sich nicht leisten.

Wahlmöglichkeit

Rachel Kushner wehrt sich dagegen, dass „Ich bin ein Schicksal“ als Roman über ein Frauengefängnis schubladisiert wird.
Das ist verständlich. Viel wird über Romy Halls Jugend, über ihre Zeit als Stripperin und Tänzerin an der Stange erzählt und von ihrem kleinen Sohn, der nun bei  der Großmutter aufwachsen muss. Mit flottem Perspektivenwechsel  wird  auch das traurige Leben anderer Insassinnen ausgebreitet.
Aber es bleibt das absurde Justiz-System hängen.
Es bleiben im so liberal geltenden Kalifornien die Widersprüche im Gedächtnis; und die Frauen, die vor der Hinrichtung wählen dürfen: Giftspritze oder Gas. Vorher sollen sie Sandsäcke nähen, für den Fall von Überschwemmungen. Sie bekommen fünf Cent pro Sack.
Rachel Kushner hat im Frauengefängnis von Chowchilla – 4000 Insassinnen, das größte Frauengefängnis weltweit – recherchiert.  Es dürften Freundschaften entstanden sein.
Romy Hall hat nach 35 Jahren erstmals die Chance, dass das erste Lebenslang als verbüßt gilt und die zweite lebenslange Strafe beginnen kann. Darauf wird sie, wie man elsen wird, nicht warten wollen.

Foto oben: Rachel Kushner mit ihrem französischem Kollegen Pierre Guyotat, der anlässlich des Prix Medicis 2018 für Kushner eine Lobesrede hielt

 

Rachel Kushner:
„Ich bin ein Schicksal“
Übersetzt von
Bettina Abarbanell.
Rowohlt Verlag.
400 Seiten.
24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****