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Kritik
10/15/2021

Neues Album von Helene Fischer: Starksein ist was für Schwache

Helene Fischer, Deutschlands erfolgreichste Sängerin, mit neuer Musik.

von Georg Leyrer

Die Death-Metal-Band von nebenan, Dante mit seinem Inferno, Arthur Schopenhauer – alles blutige Anfänger beim Schwarzsehen. Denn die düsterste, deprimierendste Welt überhaupt, in der lebt Helene Fischer.

Darüber kann kein Dur-Refrain hinwegtäuschen, kein Powerakkord, kein zart an balearische Urlaubs- und Sangriaparadiese erinnernder Discosound: Mit den Mitteln des Schlagers wird hier eine Welt der fatalen Reparaturbedürftigkeit des Einzelnen gezeichnet, die nicht ohne Grausamkeit ist. Darin sind wir alle ausnahmslos alle in eine Mangelexistenz voller Leiden geworfen. Das ist alleine, auf sich gestellt, schlicht nicht zu ertragen.

Wir, die Verdammten des Spätkapitalismus, sind daher ewig auf der Suche nach dem rettenden Anderen, um mit dem dann endlich „niemals allein zu sein“: „Wir werden eins“ und fahren „glückwärts“ (und wohl atemlos) durch die Nacht der Existenz.

Kick it like Helene

Fischer, erfolgreichste Sängerin Deutschlands, kann hier im Prinzip auch nicht weiterhelfen. Das sieht man an ihrem Lächeln. Aber sie bietet zumindest einen verlässlichen Dopaminkick, der wenigstens die nächsten zweieinhalb Songminuten erträglich macht: Mit ihrer höchst erfolgreichen Optimismusbehauptung, die sie auch auf dem neuen, heute erscheinenden Album „Rausch“ unbeirrbar über all dieses Leid drübersingt.

Diesen Optimismus darf man zwar nicht zu streng anschauen, damit er nicht zerbröselt. Aber bei entsprechender Willigkeit zum Mitmachen kann er kurz schwere Gedanken, kleine Sorgen oder auch die Rückkehr der 90er-Jahre-Mode vergessen machen. Und all das Bedrückende durch die engen Kurven der Phrase – „Keine Wörter können beschreiben, was ich mit dir fühle“ – führen und in eine Art emotionalen Wattebausch auflösen.

Dort liegen wir dann ergeben und dürfen ungehindert w.o. geben angesichts der Welt: Denn Starksein ist bei Helene Fischer etwas für Schwache. Sie nimmt uns das alles lieber höchstpersönlich ab: Die Suche nach dem geeigneten Anderen (der ist in ihren Songs schon gefunden); das Gutaussehen ebenso wie den Sport, den sie bei ihren Liveshows für uns alle miterledigt. Und alle anderen körperlichen Ertüchtigungen auch.

„Rausch“ besingt die Befreiung vom handelnden Einzelnen. Auch, naja, von der weiblichen Selbstbestärkung. Von dem komplexen Zeug da draußen, das mit dem noch komplexeren Zeug in uns drinnen nicht so recht zusammenpasst. Denn hier sind wir im Kern des Erfolgsrezepts von Helene Fischer: Es braucht in Wirklichkeit erstaunlich wenig, um uns aus dem Unglück zu holen.

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