Kultur
13.07.2018

Helene Fischer: Lasst uns gemeinsam glücklich sein

© Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Nachbetrachtung: Die deutsche Schlagerkönigin umarmte ganz Wien und versprach Frechheit, Freiheit und sogar Liebe.

Auf den Helene-Fischer-Leiberln, die vor dem Stadion verkauft werden, sind nur vier Sterne, und das scheint grässlich untertrieben.

Fischer ist die Mindestens-sieben-Goldsterne-de-luxe-Ausgabe einer Schlagersängerin. Sie bringt kiloweise Konfetti und tonnenweise Emotion ins Stadion, den beeindruckendsten Riesenbildschirm und die knappsten Gewänder. Einen Pick-up-Truck und Luftballons und ein Feuerdreieck und einen Thron und viele Sessel zum sexy Rundherumtanzen und Feuerwerk.

Hör mal, wer da hämmert

© Bild: Kurier/Gilbert Novy

Fischers Vielkulturentruppe an den Instrumenten hämmert dazu unbekümmert aneinander, was nicht zusammengehört: die elektronische Tanzmusik aus den aktuellen Charts an den Schlager aus dem Sonntagvormittagprogramm. Die Wohlklänge anderer Menschen (Marius Müller-Westerhagens „Freiheit“, Matthias Reims „Verdammt ich lieb dich“) an die Fischerschen Eigenkreationen.

Diese stilgeschichtliche Gleichgültigkeit ist das eigentlich Zeitgemäße an ihrem Auftritt: Hier muss keiner nostalgisch auf Scheiteln knien, und das ist in der Stadionschlagerbranche schon eine Erleichterung. Fischer ist eine Art sibirisch-deutsche Integrationsbeauftragte der Unterhaltungsmusik, sie singt den Gebückten und Verletzten, den Gelangweilten und Gedemütigten und vor allem den ganz normalen Menschen entgegen: Wir schaffen das mit dem Glücklichsein. Und wenn Angela Merkel mal ihren Job an den Nagel gehängt haben wird, dann dürfen wir Fischer „Mutti“ nennen.

Schließlich sind ihre Konzerte wie eine Mischung aus Kindergeburtstag und Silvester, wie Fischer selbst sagt. Und damit lässt sich auch die Begeisterungsbereitschaft am schönsten darstellen, die das Publikum mitgebracht hat – und die Fischer anfacht, wie und wo es nur geht.

Wichtiger als das gelungene Fest ist nämlich – Eltern kennen das! – die Behauptung, dass es besonders gelungen ist, dass die Geschenke hervorragend sind und die Party samt Torte super war. Also liefert die Sängerin eine Art Parallelerzählung zum Konzert, die genau das vermittelt: Schon bevor sie aufgetreten ist, umwirbt ihre Stimme aus dem Lautsprecher einen besonderen, nämlich „unseren“ Abend, später „unser Sommermärchen“, das wir „gemeinsam erleben“ und „ruhig auch mal teilen“ können. Hier hat sie also überlebt, die Sprache der Willkommenskultur.

Es sind alle willkommen, die mehr vom Leben wollen, als es gemeinhin bieten kann. Fischer bereitet den Emotionshaushaltsflüchtlingen ein wohliges Heim, mit sozialer Hängematte. Dünn oder dick, kurz oder lang – hier muss niemand textliche Interpretationspirouetten drehen, hier gibt es keine Widerstände und keine Hürden.

Ein Fischer-Konzert ist, was es ist, und es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Es ist das Glück immer zum Greifen nahe, und vor dem Eingang kostet der Jägermeister nur drei Euro. Schnell noch den Sekt in die Plastik-Flöten leeren und ex, und wer wirklich ausgelassen ist, der geht schon vor dem Konzert im Stadioncenter als Frau auf die Männertoilette. Es ist schließlich unser Abend!

Drinnen sind wir frech und fehlerfrei, wie Schmetterlinge im Wind, wir spüren die Freiheit auf unserer Haut und Fischer will von der Bühne Liebe versprühen.

Schlagerbewegung

Aber genug geschwätzt. Ein Fischerkonzert sperrt sich erfolgreich dagegen, niederformuliert zu werden. Denn es geht um das Gegenteil. Die Texte funktionieren nach Horoskop-Manier: Bis zur Allgemeingültigkeit verdünnt wird jede Aussage, zurück bleibt die Essenz des modernen Lebens. Man sehnt sich nach fremdauferlegtem Trost und danach, dass irgendwer zumindest behauptet, dass wir alle Teil von etwas Wichtigem sind. Das Publikum will Teil einer Schlagerbewegung sein, und dagegen kann man nichts sagen.

Lang ist die Show, man bekommt etwas fürs Geld. Fischer ist Germany’s next Super-Profi und arbeitet fleißig für das Glück ihrer Fans. Da darf man ruhig mal ein bisschen dankbar sein.