Ein junger New Yorker (Jack Dylan Grazer) landet auf einer amerikanischen Militärbasis in Italien

 

© Yannis Drakoulidis

Film
03/11/2021

Neue Serie "We Are Who We Are": Komm in mein Schlafzimmer

Der Filmemacher Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“) drehte eine exquisite Serie über Teenager auf einer US-Militärbasis in Italien

von Alexandra Seibel

Luca Guadagnino mag Fernsehserien eigentlich nicht. Er schaut sich auch keine an. Mit Ausnahme von „Twin Peaks“ vielleicht, oder „Berlin Alexanderplatz“. Aber die gelten für ihn schon eher als Filme, denn als Serien. Fast hätte es der italienische Regisseur daher abgelehnt, eine Fernsehserie zu drehen. Aber zum Glück kam es anders.

Nach dem unglaublichen Erfolg seines zärtlichen Liebesfilms „Call Me by Your Name“ (2017) trat der Executive Producer Lorenzo Mieli mit einem Angebot an ihn heran: Ob er nicht Lust habe, eine Serie zum Thema Gender-Fluidität zu drehen? Angesiedelt in einem „typisch amerikanischen Vorort“?

Auf den typisch amerikanischen Vorort hatte Guadagnino am wenigsten Lust, doch dann fiel ihm ein, was ihm die Schauspielerin Amy Adams einmal erzählt hatte: Dass sie als Tochter eines US-Soldaten auf dem Militärkomplex Caserma Ederle im italienischen Vicenza geboren wurde und dort die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte.

Inspiriert von dieser Erinnerung, entstand schließlich die Idee, eine achtteilige Mini-Serie für HBO zu drehen: „We Are Who We Are“ (zu sehen bei Starzplay über Amazon Prime Video) spielt auf einer US-Militärbasis in Chioggia, Venetien, und erzählt von einer Freundesgruppe von Teenagern, den Söhnen und Töchtern der stationierten GIs. Dorthin verschlägt es einen 14-jährigen New Yorker namens Fraser (Jack Dylan Grazer) mit seinen beiden Müttern: Seine leibliche Mutter – umwerfend wie immer: Chloë Sevigny – ist die neue Oberbefehlshaberin der US-Truppe, ihre Frau arbeitet als Militärkrankenschwester.

Frasers Haar ist wasserstoffblond gefärbt und sein queerer Modestil – am liebsten trägt er Raf Simons – nimmt sich in der italienischen Pampa exzentrisch aus. Ob er sich eher für Männer oder Frauen interessiert, hat er noch nicht ganz geklärt. In jedem Fall erregt die charismatische Nachbarin, Tochter eines Afroamerikaners und einer Nigerianerin, seine Aufmerksamkeit: Sie heißt Caitlin (Jordan Kristine Seamón), hat tolles Haar und ist das Herz einer Clique, der sich Fraser gerne anschließen würde. Caitlin versteckt bisweilen ihre wallende Mähne unter einer Mütze, nennt sich Harper und bandelt mit italienischen Girls an. Auch sie ist sich über ihre sexuelle Ausrichtung unklar und findet in Fraser einen Verbündeten.

Gewehr bei Fuß

Einen besseren Kosmos für seine aufregende, ungewöhnliche und mit präziser Lässigkeit erzählte Coming-of-Age-Serie hätte sich Guadagnino gar nicht ausdenken können: Die US-Militärbasis und ihre Belegschaft hält, wie das gallische Dorf bei „Asterix“, unbeirrt von der Umgebung an seinen amerikanischen Bräuchen fest, besucht die Highschool, spielt Baseball und bildet so den hervorragenden Background für eine Handvoll aufgewühlter Teenager auf Ich-Suche. Während die Soldaten-Eltern die Flagge hissen, Gewehr bei Fuß stehen und für den Kriegsfall trainieren, lungern die Kids auf den Sporttribünen herum, starren in ihr Handys und veranstalten heimlich wüste Partys. Man schreibt das Jahr 2016, und Donald Trump kämpft gerade um das Amt des Präsidenten.

Der Kontrast zwischen der normativen Ordnungsmacht des Militärs und dem Gefühlszustand einer umherschweifenden Jugend könnte spannender gar nicht sein.

Das Spiel mit der eigenen Geschlechteridentität gewinnt vor dem militärischen Hintergrund an Schärfe, umso mehr, als Frasers lesbische Mutter als Oberst stereotype Genderzuschreibungen zum Verschwimmen bringt.

Guadagnino nannte die Kaserne, die das Filmteam nachbauen musste, nachdem das US-Verteidigungsministerium die Drehgenehmigung in Vicenza verweigert hatte, Caserma Mauritio Pialati – eine Hommage an einen seiner Lieblingsregisseure, Maurice Pialat. Im Jugendzimmer von Fraser hängt neben den Filmplakaten von Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ und David Lynchs „Blue Velvet“ ein Poster von dem deutschen Sänger Klaus Nomi, dessen opernhafte Songs über den Ereignissen schweben. Zu Frasers Lieblingsmusik zählt zudem die Hipster-R&B-Musik von Blood Orange: Die immer wiederkehrende Zeile „Come Into My Bedroom“ aus dem Song „Time Will Tell“ zieht sich verführerisch durch die kunstvoll inszenierten Episoden: Sie sind slow burner, aber Dranbleiben zahlt sich unbedingt aus.

„We Are Who We Are“ ist die erste Serie des 49-jährigen Regisseurs, aber womöglich nicht seine letzte. Eine zweite Staffel ist nicht ausgeschlossen, aber als Nächstes steht das Remake von „Scarface“ auf dem Programm.

Was er, außer Filme drehen, am liebsten machen würde, wurde Luca Guadagnino kürzlich gefragt.

Einen Garten anpflanzen, gab er zur Antwort.

Doch der Italiener gilt als Workaholic. Der Garten muss wohl noch etwas warten.

Unter den heimischen Filmemachern und Filmemacherinnen lässt sich  ein Trend zum seriellen Erzählen  feststellen. Bereits in den 80er-Jahren wollte Michael Haneke, Frontmann des europäischen Autorenkinos, eine Serie drehen. Diese verschwand dann allerdings in der Schublade.

Vor nicht allzu langer Zeit ließ Haneke damit aufhorchen, dass er erneut  an seinem zehnteiligen Serienprojekt arbeite. Vorläufiger Titel: „Kelwins Buch“. Wie man hört, existiert bereits ein völlig ausgeschriebener Drehbuch-Pilot. Die Sci-Fi-Drama-Serie erweist sich allerdings als  aufwendiges Projekt, das noch auf seine Finanzierung wartet.

Stark auf Serien setzen auch immer wieder Regisseure   wie   Stefan Ruzowitzky  („8 Tage“), Andreas Prochaska („Das Boot“), Marvin Kren („4 Blocks“, „Freud“) oder  Umut Dağ („Copstories“, „Vienna Blood“). 

Bei den Regisseurinnen sticht Barbara Eder mit „Barbaren“ auf Netflix hervor. Mirjam Unger führt bei  Staffel 6 der „Vorstadtweiber“ Regie, Eva Spreitzhofer arbeitet an   „SOKO Donau/Wien“; und Barbara Albert dreht an ihrer ersten Miniserie „Paradiso“ für Sky

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