Keith Richards lockte Tartarotti auf Netflix – und letztlich auch auf Spotify. Genutzt habe ich nur den Musik-Streamingdienst, Netflix erwies sich für mein Leben als unnötig

© REUTERS/MARIO ANZUONI

Essay
12/22/2019

Netflix: lahm. Spotify: fix

Mein erstes Jahr mit Spotify und Netflix: 6.700 Songs, vier Filme, eine Serie

von Guido Tartarotti

Vorweg: Ich komme aus der Zeit, als man in Österreich nicht nur den Liter Wein in Viertel aufteilte, sondern auch Telefone. Aus einer Zeit, in der die Welt schwarz-weiß war, zumindest im Fernsehen bei uns daheim. Eine Welt, in der man nur zwei Sender sah, FS1 und FS2, und zweiteren auch nur, wenn die Windrichtung stimmte.

Eine Welt, in der man für das Jahr 2000 mit fliegenden Autos rechnete, nicht aber mit dem Internet.

Ich trauere dieser Welt nicht nach (die guten Dinge sind eh geblieben, etwa Bücher und Kino, oder wieder gekommen, etwa die Schallplatte). Ich juble aber auch nicht über die neue Welt. Ich bin ein digitaler Grantler – ich übernehme neue Technologien erst, wenn ich überzeugt davon bin, dass sie mir mehr Freude bringen als Ärger. Ich habe mir erst 2013 meinen ersten eigenen Computer gekauft, und bis heute ist er der einzige geblieben.

Ich habe noch nie online Bankgeschäfte erledigt, noch nie ein nicht aus Papier bestehendes Buch gelesen, noch nie einen Uber-Wagen bestellt. Mir reicht das, was ich bisher verwendet habe, diesbezüglich völlig aus. Aber ich nutze fast täglich Google Maps und Facebook und ich war schon auf Online-Flirtplattformen (mit eher komödiantischem Erfolg).

Vor genau einem Jahr beschloss ich, es mit Netflix und Spotify zu versuchen. Genau genommen beschloss das nicht ich, sondern meine damalige Freundin, die meine digitale Lahmarschigkeit peinlich fand. Die Freundin habe ich nicht mehr, Netflix und Spotify immer noch.

Netflix

Auf Netflix lockte mich letztlich eine Doku über meinen Lieblingsmusiker Keith Richards, die sich dann als ziemlich lahm erwies. Mit großer Freude wartete ich auf den Film über die absurde Metal-Band Mötley Crüe („The Dirt“), der sich dann als noch lahmer erwies.

Dann sah ich noch einen Film über Bonnie & Clyde (Titel vergessen, war ganz gut), eine entsetzlich schlechte Action-Komödie mit Jennifer Aniston sowie eine sehr gut gemachte Doku-Reihe über den Zweiten Weltkrieg.

Das war’s. Für Serien konnte ich mich noch nie begeistern (ich habe keine Lust, Lebenszeit an Hunderte Folgen in Zig Staffeln zu verschwenden), und keine einzige der von Netflix angebotenen Serien lockte mich über die Inhaltsangabe drüber. Ich habe Netflix seit April nicht mehr eingeschaltet.

Das liegt einerseits daran, dass ich keinen internetfähigen Fernseher besitze und immer zu faul bin, den Laptop an den Fernseher anzuschließen. Und am Laptop schauen mag ich auch nicht – das Bild ist mir zu klein. Vor allem aber habe ich Fernsehen noch nach Spielplan erlernt: Ich brauche eine fixe Verabredung mit dem Fernsehen, damit ich einschalte, was nicht mit fester Beginnzeit im Programm steht, nehme ich nie wahr, weil ich das Sehen dann immer vor mir herschiebe (vielleicht morgen oder übermorgen…).

Zumal mir das sogenannte lineare Fernsehen bei Weitem reicht – viel mehr als die ZIB2, ein paar Sportübertragungen und den einen oder anderen guten Film brauche ich gar nicht. Da bin ich aber erst draufgekommen, als ich das Streaming-Fernsehen ausprobiert habe, insofern bin ich Netflix dankbar.

Spotify

Spotify dagegen wurde vom ersten Tag an ein fester Bestandteil meines Alltags, und ich kann mir heute überhaupt nicht vorstellen, dass und wie ich je ohne Spotify gelebt habe. 6.700 Songs habe ich laut Statistik im ersten Jahr über Spotify gehört, das sind 18,356 pro Tag. Ich bin sicher, im zweiten Jahr werden es doppelt so viele.

Spotify schmiegt sich perfekt an mein persönliches Musikbedürfnis an: Ich möchte einfach immer Zugriff auf Musik haben (ich höre eigentlich ständig Musik), vor allem aber will ich immer Zugriff auf jede Art von Musik haben: Jetzt einen Metal-Song, jetzt die Beatles, jetzt Austropop, jetzt Reggae, jetzt Miles Davis, jetzt Beethoven.

Ich höre nicht nach Genres geordnet, für mich ist alles Musik, und jedes Stück Musik lockt mich zu einem ganz anderen. Deshalb sind Formatradios für mich nichts: Einheitliches Sounddesign langweilt mich sofort.

Dank Spotify habe ich jederzeit babyleicht auf alles und jeden Zugriff, ich muss nicht erst im CD-Regal suchen. In der Tat hat Spotify mein Hörverhalten völlig verändert: Meine riesige CD-Sammlung ist nutzlos geworden. Ich höre Spotify – und wenn ich ein bestimmtes Album und dessen Klang so richtig zelebrieren will, lege ich mir eine Schallplatte auf.

Tatsächlich höre ich dank Spotify wieder mehr Vinyl (und, dank Bluetooth, wieder mehr mit Kopfhörer, weswegen mich Spotify der Musik näher gebracht hat).

Was mir an Spotify am besten gefällt: Ich kann mir meine eigenen Playlists zusammenstellen. Das erinnert mich an die Mix-Kassetten meiner Jugend. Ich habe inzwischen dutzende Playlists erstellt, für jeden Anlass und jede Stimmung, und jede Woche kommt eine neue dazu.

2019 hat mich zumindest um einen Schritt weiter in die digitale Welt hineingebracht, und, wer weiß, vielleicht versuche ich 2020 einmal, einen Flug online zu buchen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.