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Kultur
12/05/2011

Nestroy-Premiere: Sommertheater im Oktober

Kritik: Das Volkstheater bringt Nestroys Grenzüberschreitungs-Komödie "Der Färber und sein Zwillingsbruder" als grellen Schwank mit Mörbisch-Flair.

von Guido Tartarotti

In dieser oft übersehenen, meisterhaft gebauten Verwechslungskomödie Nestroys geht es um die Grenze. Um die Grenze zwischen Österreich und Sachsen, zwischen Häuslichkeit und Abenteuer, zwischen Liebe und Sex, zwischen Vorsicht und Mut, zwischen Kaserne und Schlafzimmerkasten eines gehörten Ehemannes. Die Handlung erzählt davon, dass Grenzen vor allem zu einem einladen: Sie zu überschreiten. 1840, mitten im Biedermeier, war das eine gewagte Aussage.

Gut gebaut

Heute würde man so etwas "well made play" nennen: Die Zwillingsbrüder Kilian und Manfred Blau meiden den Kontakt zu einander. Zu verschieden sind sie: Manfred ein draufgängerischer Soldat und Weiberheld, süchtig nach Gefahr, Kilian ein braver, ängstlicher Handwerker.
Als Manfred in der Klemme steckt - im oben erwähnten Kasten im Schlafzimmer einer Geliebten - springt Kilian für ihn bei der Grenztruppe ein und wird, ohne es zu wollen, zum Helden. Am Ende gibt es eine Doppelhochzeit und die Brüder integrieren die Persönlichkeit des jeweils anderen in ihren Charakter: Kilian hat gelernt, mutig zu werden, Manfred hat erfahren, dass auch ständige Abenteuer nur eine Form von Flucht sind.

Die Inszenierung von Vicki Schubert im Wiener Volkstheater inszeniert dieses durchaus abgründige Stück völlig harmlos, als wär's ein Sommertheater-Schwank auf der Irgendwasburg bei St. Irgendwo an der Oberen Irgendwie. Assoziationen zu Mörbisch drängen sich nicht nur auf, weil Harald Serafin als General routiniert blödelt, auch die Ausstattung ist hochgradig operettig. Nur die Musik (Fritz Rainer verwendet u. a. zwei Stücke von Georg Kreisler) deutet Sollbruchstellen an.

Ruhiges Glied

Ansonsten gibt es zu Beginn sehr hölzernen, mit Fortdauer des Abends immer geschmeidiger laufenden Slapstick und Haltet-die-Pointe!-Humor: Einmal brüllt ein Offizier "Ruhe im Glied", und Kilian schaut irritiert auf sein Hosentürl. Was haben wir gelacht.
Matthias Mamedof ist ein Anfangs irritierend nervöser Kilian/Manfred, der sich aber dann sehr schön ins genormte Nestroyhelden-Fach hineinblödelt. Mit einem mutigeren Regiekonzept wäre da viel gegangen! Andrea Bröderbauer ist in einer der wenigen interessanten Frauenrollen Nestroys, als Kilians mutige Braut Roserl, großartig und entzückend, aber auch vielschichtig. Eine tolle Talentprobe. Unter den tölpelhaften Soldaten fällt Christoph F. Krutzler positiv auf. Das Sächseln und Französeln bei den Knallchargen wirkt angestrengt und anstrengend.
Viel Jubel vom Premierenpublikum.

KURIER-Wertung: ***
von *****

Fazit: Ein sicherer Kassenschlager

Stück
Wie immer hat Nestroy sich fremdbedient (bei einer französischen Oper), wie immer hat er mit seiner virtuosen Sprache und Komik mehr aus dem Stoff gemacht. Es geht um ungleiche Brüder, Verwechslungen und den Lockruf des Verbotenen.

Regie und Spiel
Über Abgründe wird drübergeblödelt. Der drastische, geschmeidige Slapstick-Humor wird für beste Auslastungszahlen sorgen.

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