Kultur
14.04.2017

Nestroy-Erfolg an der Burg: Heiratssachbeschädigungen

Riesenerfolg für Nestroys "Liebesgeschichten und Heiratssachen" im Burgtheater.

Seit 1843 arbeitet sich die Fachwelt an der Frage ab: Wen will Nestroy in seiner Kapitalismus-Posse "Liebesgeschichten und Heiratssachen" kritisieren? Den dekadenten Adel? Die geschmacklosen Neureichen? Die Habenichtse, die sich das Gewissen nicht mehr leisten können? Für wen will er hier Partei ergreifen?

Dabei liegt der Schluss nahe: Nestroy will garnix. Er kritisiert niemanden und ergreift keine Partei. Er zeigt einfach den Menschen, wie er ihn sieht: Gierig. Darüber macht er seine virtuosen, galligen Späße. Er montiert (nach einer englischen Vorlage) eine aberwitzige Verwechselungs-Geschichte, schraubt noch ein höhnisches Happy end dran, und fertig. Am Ende ist niemand geläutert oder gar gerettet, und wie wir unser Lachen vor uns selbst rechtfertigen, ist unsere Sache.(Das hat das Stück mit der nahezu namensgleichen TV-Sendung gemeinsam: Dort geht es doch in Wahrheit auch nicht darum, Paare zusammen zu bringen, sondern die Menschen so zu zeigen, wie sie sind. Bei Nestroy sind sie gierig, bei Spira sind sie einsam und haben komische Stofftiere.)

Gnadenlos

Ein Stück, ideal für Regisseur Georg Schmiedleitner: Er inszeniert diesen brutalen Text gnadenlos komisch und gnadenlos grausam. Auf der sich drehenden Bühne (Volker Hintermeier) rennen verzweifelte Figuren zwischen einer skelettierten Schnapsbar und dem vergoldeten Neureichtums-Horror des zu Geld gekommenen Ex-Fleischers Florian Fett herum und versuchen, sich selbst zu veräußern.

In " Liebesgeschichten und Heiratssachen" liegt die Betonung auf SACHEN: Die Liebe und ihre Geschichten sind hier nur noch Geschäft, also eine Sache: Wertpapier, Spekulationsobjekt, Anlagemodell. Am Ende bleiben trotz Happy end vor allem Sachbeschädigungen übrig. (Dass zwei einander halbwegs aufrichtig liebende Paare zusammenfinden, ist eher sarkastischen Zufällen geschuldet).

Schmiedleitners hinreißende Inszenierung schreckt vor Derbheiten und Kabarettismus nicht zurück, bleibt aber dabei immer düster, abgründig und gefährlich. Ein Meisterstück. Kleine (Insider)-Gags verweisen Richtung Popkultur: Ein schwebendes Schwein erinnert an Pink Floyd, der Schriftzug "FF" (für Florian Fett) sieht aus wie der der Gruppe Foo Fighters. Und der (großartige) Peter Matić als Wirt trägt eine Jeansjacke mit Metal-Band-Aufnähern.

Virtuos

Gespielt wird erstklassig: Gregor Bloéb als Fett, Dietmar König als schnöseliger Adeliger Vincelli und Regina Fritsch als trampelige Lucia Distel räumen virtuos Lacher ab, bleiben bei aller Lust an der Karikatur aber immer auch tragische Figuren.

Großartig ist auch Markus Meyer als Intrigant Nebel: Nestroy verweigert dieser Figur das Happy end, und Schmiedleitner verweigert ihr das Komischsein: Hier ringt einer um einen Rest von Würde, weiß gleichzeitig, dass sich das nicht ausgeht, und würgt an der eigenen Ekelhaftigkeit.

Marie-Luise Stockinger (wie aus einer Herbert-Fritsch-Inszenierung gefallen), Stefanie Dvorak, Martin Vischer und Christoph Radakovits geben den jungen Handelsobjekten des Liebes-Geschäfts Charakter und dunkle Seiten.

Die düstere, schräge Musik von Matthias Jakisic leuchtet diese Geschichte großartig aus.

Einziger Einwand: Die wieder einmal erlebte Praxis, die Couplets absichtlich wegzuschmeißen, klein zu machen, ist kontraproduktiv. Entweder ganz weglassen, oder mit Vollgas machen.

Großer Jubel beim Premierenpublikum.