Kultur
07.05.2017

Mutter will nicht mehr still sitzen

Historisch und doch hochaktuell: Die „Feministische Avantgarde“ der 1970er ist im mumok zu sehen

„Und die Mutter blicket stumm / auf dem ganzen Tisch herum“, heißt es in der Geschichte vom Zappel-Philipp: Wer in den 1970er Jahren Kind war, bekam die Story (aus dem „Struwwelpeter“ von 1845) noch häufig serviert. Sehr viele Mütter saßen damals auch stumm beim Essen, aber unterm Tisch ballten sich bereits die Fäuste: Die Fotoserie von Margot Pilz, die am Eingang der Schau „Woman“ im Wiener mumok zu sehen ist, könnte unter so einem Tisch entstanden sein. Zwei Hände sind da nicht mehr brav im Schoß gefaltet, sie verheißen stille Wut.

Die in den Niederlanden geborene, seit langem in Wien lebende Pilz gehört einer Generation von Künstlerinnen an, die der alltäglichen Repression mit einem entschlossenen Willen zur Kunst begegneten und daraus enorm einprägsame, mitunter auch heftige, verstörende Bilder generierten.

Kunstgeschichte Neu!

Die Wiener Sammlung Verbund, 2004 gegründet, hat sich unter ihrer Leiterin Gabriele Schor zum Knotenpunkt und zur internationalen Lobbying-Organisation dieser Generation entwickelt: Wie Schor gegenüber Journalisten sagte, verfolge sie mit der Ausstellung, die u.a. schon in Rom, London und Brüssel gastierte, kein geringeres Ziel, als „die Kunstgeschichte neu zu schreiben“.

Nun ließe sich einhaken und fragen, warum eine Firmensammlung Kunstgeschichte schreiben muss: Der Komplex aus Macht und (Ankaufs-)Geld, der für eine solche Mission nötig ist, wird durch die Sache ja nicht per se feministisch. Und die Museen, die das Geschäft der Kanonisierung einst hauptamtlich betrieben, spielen in diesem Arrangement nur noch die Rolle des untergeordneten Partners.

Dass die „Feministische Avantgarde“ – ein von Schor geprägter Begriff – in den Kanon der Kunstgeschichte gehört, steht allerdings außer Zweifel. Die Schau im mumok zeigt eindrücklich, dass die ästhetische Auflehnung gegen männliche Dominanz tatsächlich eine Strömung mit eigener Ästhetik und eigenen Strategien war. Viele Künstlerinnen waren sich dabei der Parallelen untereinander gar nicht bewusst.

Dass Künstlerinnen mithilfe von Maskeraden eingefahrene Rollen verließen oder persiflierten, entpuppt sich etwa als gängiges Stilmittel – nicht nur bei Cindy Sherman, die sich mit Selbstinszenierungen vom Hausmütterchen bis zum Vamp als US-Kunststar etablierte, sondern auch bei der vergleichsweise unbekannten Italienerin Marcella Campagnano, der Österreicherin Karin Mack oder der Amerikanerin Martha Wilson.

Gegen die Wand

Häufig inszenierten Künstlerinnen ihre Einengung und Auflehnung auf buchstäbliche Weise – etwa, indem sie sich oder ihre Modelle einschnürten (Annegret Soltau, Renate Eisenegger) oder ihre Gesichter gegen eine Glaswand pressten (Birgit Jürgenssen, Ana Mendieta).

Die Selbstorganisation der Künstlerinnen in Gruppen, die Manifeste verfassten und Protestkundgebungen organisierten, lässt sich ebenso als konstantes Merkmal der „Feministischen Avantgarde“ erkennen. Malerei und Skulptur galten dabei oft als tabu, weil diese Genres zu stark von Männerbünden dominiert waren.
In den vergleichsweise jungen Medien Film, Fotografie, Video und Performance fanden die Künstlerinnen zu eigenen Formen.

Heute, rund 40 Jahre nach der Entstehung der meisten Arbeiten, haben einige der Schwarzweißfotos und groben Videos zweifellos Patina angesetzt. Die Bilderfindungen, die den Körper oft radikal inszenieren, ihn entblößen oder erweitern, durchschlagen aber fast immer die Ablagerungen der Technik und des Zeitgeists.

Vergleich macht sicher

Aufgrund der Bandbreite der Verbund-Sammlung, die bereits etablierte Namen gern als „Zugpferde“ neben Künstlerinnen stellt, die noch der Entdeckung harren, lässt sich in der Schau auch differenzieren: Wenngleich die „Feministische Avantgarde“ klar das Anliegen der Emanzipation verfolgte, differierten die Ansätze ihrer Vertreterinnen sowohl in der Ästhetik als auch inhaltlich im Bezug auf Fragen wie Mutterschaft, Arbeit und den Umgang mit Erotik stark.

Dass sich feministische Ziele selbst nicht in Luft aufgelöst haben, muss im Vorfeld eines neuen Frauen-Volksbegehrens wohl nicht extra betont werden. Wenn die Worte zur Vermittlung der Anliegen ausgehen oder pauschal als „Gender-Ideologie“ verunglimpft werden, können die Bilder der Ausstellung weiter davon erzählen.

Info: Bis 3. September im mumok

Die Ausstellung„Woman – Feministische Avantgarde der 1970er Jahre aus der Sammlung Verbund“ ist bis zum 3. September im mumok im Wiener MuseumsQuartier zu sehen. In Folge reist die Schau ins ZKM Karlsruhe (ab 18.11.), ins Stavanger Art Museum (NO) und ins Haus der Kunst Brno (CZ). Der Band „Feministische Avantgarde“ (Prestel, 59 €) gibt einen umfassenden Überblick über das Engagement der Sammlung Verbund für die Kunstrichtung. Seit 2004 verfolgt die Sammlung des Stromversorgers die Kunst der 1970er Jahre nicht nur mit Ankäufen, sondern auch mit reger Publikations- und Ausstellungstätigkeit.