Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Lee Scratch Perry: Das letzte Album der Reggae-Ikone

Das deutsche Electronic-Duo Mouse on Mars hat sich für "Spatial, No Problem" bereits 2019 mit Perry zusammengetan. Nun ist das Album erschienen.
46-225823464

Ausnahmezustand im Tonstudio von Mouse On Mars in Berlin: Das Electronic-Duo hat die Reggae- und Dub-Legende Lee Scratch Perry zu Gast. Der beginnt, indem er das Studio mit Bildern und Talismanen dekoriert und Parolen an die Wand schreibt. Vier Tage wird all das den kreativen Prozess begleiten, aus dem sein nächstes Album entstehen soll. In einer Atmosphäre, die laut Mouse On Mars genauso chaotisch wie magisch war.

Das war im Dezember 2019. Ende August 2021 starb Perry. Jetzt haben Mouse On Mars diese Sessions auf dem letzten Lee-Scratch-Perry-Album „Spatial, No Problem“ veröffentlicht. Der Titel stammt von dem einzigen Telefonat, das der Jamaikaner davor mit Mouse On Mars führte. Weil die Berliner mit innovativen Soundtechniken experimentieren, fragten sie Perry, ob Aufnahmen in Spatial Audio okay wären. Die Antwort: Spatial, no problem.

Abgefrühstückt

Die Musik des Albums bietet ein breites Spektrum: Perry legt seine intuitiven Wortketten über afrikanische Rhythmen, einen New Orleans Trauermarsch und natürlich Reggae und Dub. Er singt, spricht, murmelt und lässt den Hörer mit jedem der acht Songs in eine andere Klangwelt eintauchen.

Mouse On Mars hatten für Perrys Besuch elektronische Beats vorbereitet. Doch die, erinnert sich Jan Werner im KURIER-Interview, waren „schnell abgefrühstückt“: „Er hat vorher wohl oft über fertige Beats improvisiert. Bei uns hat er aber schnell gemerkt, die leben beim Arbeiten zusammen, kochen und essen miteinander, mit ihnen kann man gemeinsam etwas entstehen lassen.“

Deshalb luden Mouse On Mars alle befreundeten Musiker ein, um mit Perry zu improvisieren. Von Zach Condon von Beirut, der Alphorn spielte, über den Schlagzeuger Dodo NKishi bis zum Saxofonisten Regis KinRe Molina. Es wurde viel gelacht und Fischsuppe gekocht, wenig über Musik geredet, aber sehr viel Musik gemacht. Obwohl Perry erst nur drei Stunden am Tag im Studio sein wollte, konnte er dann gar nicht mehr aufhören. „Wir waren die, die sagten, wir können nicht mehr, wir müssen jetzt schlafen gehen“, erinnert sich Andi Toma. Aufgenommen wurde alles, was an diversen Schauplätzen im Studio parallel zueinander stattfand. In der Küche stand eine Harfe, in einer Ecke ein Drumkit, der von Roboter-Armen bespielt wurde. Perry ging wegen des Echos mit dem Mikro durch den Gang oder ins Bad, oder in den Musikladen gegenüber, um dort auf einem Synthesizer zu spielen. „Er brauchte nicht viel, um auf Ideen zu kommen“, erzählt Werner.

46-225823432

„Einmal hat jemand in der Küche auf einem aufgeblasenen Luftballon rumgequietscht, sofort hat er das aufgegriffen. Oft wussten wir gar nicht, wo Lee war. Da hat er am Gang etwas weitergesponnen, was bei der Session im Hauptraum entstanden war, während wir im Bad Mikros aufgebaut haben. Für das Album mussten wir all diese Puzzle-Teile erst ordnen und herausfinden, was zusammen gehört.“ 

Menschenfreund

Auch wenn Perry manchmal schwer zu verstehen ist und mit derben Worten nicht spart, kommt in seinen Texten doch klar der Ruf nach Frieden durch. Obwohl die Welt 2019 noch in Ordnung schien. „Ich glaube, Lee war ein Menschenfreund und hat sich nach friedlichem Zusammensein mit andern gesehnt“, sagt Werner. 

„Er war eine singuläre Figur, aber er hat immer nach Ehrlichkeit gesucht. Das liegt daran, dass er für den Erfolg von Bob Marley eine zentrale Figur war. Da ging es dann aber schnell stark ums Geld. Alle wollten an Marleys Erfolg mitnaschen – vom unehelichen Cousin der Schwester bis zu Marleys Friseur. Das hat Lee genervt, denn er wollte innovativ sein und neue Sachen erfinden. Und weil ihn diese Unaufrichtigkeit so angekotzt hat, hat er sein Studio in Jamaika abgebrannt, sich später in der Schweiz niedergelassen und nur noch auf die Kraft der Worte konzentriert.“

Wie es dazu kam, dass Perry bei Werner und Toma fand, was er so lange gesucht hatte, wissen Mouse On Mars bis heute nicht: „Ich glaube, Industrie-Leute haben ihm gesagt, das könnte passen. Ob ihm klar war, was wir machen, weiß ich nicht. Aber egal. Hauptsache, er war da und wir konnten uns miteinander auf diese magischen Momente einlassen.“ Perrys Frau Mireille erzählte später, dass ihr Mann danach nur mehr so wie mit Mouse On Mars – „mit echten Menschen“ – arbeiten wollte.

Kommentare