Neues McCartney-Album: Sir Paul macht einen Nostalgie-Ausflug
„Wie kleine Buben in der Sandkiste“, sagt Paul McCartney, seien er und sein Produzent Andrew Watt gewesen, der auch das kommende Album der Rolling Stones mitverantwortet, als sie das Freitag erscheinende McCartney-Album „The Boys Of Dungeon Lane“ aufnahmen.
Was dabei als Erstes auffällt: Wie sehr McCartneys Stimme mit den vielen Tourneen und Konzerten, die der 83-Jährige immer noch spielt, gelitten hat. Das war schon 2018 bei den beiden Auftritten in der Wiener Stadthalle evident, aber hier wirkt sein Vokal-Organ noch ein bisschen raspeliger.
Rückschau
Allerdings verfliegt dieser Eindruck mit mehrmaligem Hören, wenn man aufgrund des Sounds, der natürlich an die Beatles erinnert, nicht mehr die so ikonischen Aufnahmen von damals im Kopf hat, sondern in McCartneys Welt von heute angekommen ist. Die ist geprägt von der Rückschau auf die Zeiten, bevor er, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr die Welt eroberten und sich in der „Dungeon Lane“ in Liverpool herumtrieben.
Wie, das beschreibt McCartney im Song „Days We Left Behind“, einem der herausragendsten Tracks des Albums. „In der Mitte spreche ich über John und die Forthlin Road, in der ich gewohnt habe“, erklärt er. „Dungeon Lane ist in der Nähe. Als ich zehn Jahre alt war, bin ich dort zum Mersey-Ufer gegangen und habe die Vögel beobachtet. Und mit meinen Freunden bin ich dort viel Rad gefahren.“
Rad und Autostopp
Im Song „Home To Us“, den McCartney als Duett mit Ringo Starr aufgenommen hat, beschreibt er, wie er und Ringo in armen Verhältnissen aufwuchsen, es aber nicht gemerkt haben: „Ringo kam aus einer noch ärmeren Gegend von Liverpool als wir. Er wurde oft überfallen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Aber die Leute um uns herum waren großartig, und wir hatten dauernd etwas zu lachen.“
An Trips mit George Harrison und John Lennon erinnert sich McCartney in „Down South“, einem weiteren Highlight. Er erzählt, wie sie gemeinsam per Autostopp in den Süden fuhren, sich von Lastwagenfahrern, die in der Chester Road ihre Touren starteten, mitnehmen ließen, und stellt im Refrain fest: „It was a good way to to get to know you, before we learned to twist and shout.“
Hier verlässt sich McCartney nur auf eine Gitarre und seine Stimme. Und hier – wie generell bei den die Vergangenheit zelebrierenden Songs – passt sie perfekt: Viel, reiches, gelebtes Leben im Text und in der Interpretation.
Musikalisch aber bringt McCartney, der auf diesem Album alles selbst spielt (auch „Drums“, indem er auf ein Buch klopft), viel mehr Facetten ein. „Mountain Top“ ist die Fantasie von einem Mädchen, das bei einem Festival mit „magic mushrooms“ high wird.
Die sofort einnehmende Melodie illustriert er mit psychedelischen Sounds, die gegen Ende rabiat werden. Und bei „Salesman Saint“ über seine Eltern und ihren Kampf, den Filius in den letzten Kriegsjahren durchzubringen, baut er gegen Schluss jazzig swingende Klänge ein, weil das die Musik von damals war.
Ohrwürmer mit Twist
Überhaupt ergänzen sich in vielen Songs zwei hervorragende Eigenschaften des Songwriters McCartney: Er kann immer noch Melodien schreiben, die sofort hängen bleiben. Aber er weiß auch genau, wann und wie er sie mit überraschenden Wendungen interessanter machen kann, wenn sie simpel sind.
Was auch überrascht: Die Songs, die am wenigsten Leidenschaft ausstrahlen und einen müden Eindruck machen (u. a. „Ripples On A Pond“ und „We Two“) sind die Liebeslieder von „The Boys from Dungeon Lane“. Alles in allem ist das Album aber das ansprechende Spätwerk eines Künstlers, der in dieser Rückschau keinen Abschied sieht: „Ich hab doch schon immer über Vergangenes geschrieben, sagt er. „Das hab’ ich schon mit ,Yesterday“angefangen!“
Kommentare